Jetzt die Weichen richtig stellen

Eine nachhaltige Neuordnung muss Finanzierung und Versorgungsverantwortung stärker zusammenführen. Gleichzeitig darf Effizienz nicht mit Kostenreduktion verwechselt werden. Warum die Reformpartnerschaft jetzt eine wichtige Gelegenheit sein kann, die richtigen Weichen zu stellen, beschreibt AUSTROMED-Präsident Gerald Geschlössl.

Bund, Länder und Gemeinden haben eine Reformpartnerschaft für das Gesundheitswesen angekündigt. Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Ansatz?
Grundsätzlich ist es positiv, dass wieder ernsthaft über eine strukturelle Reform gesprochen wird. Entscheidend ist aber, dass man tatsächlich in die Tiefe geht. Wenn die bestehenden Strukturen unverändert bleiben, wird sich auch am Ergebnis wenig ändern. Wir müssen Finanzierung und Verantwortung stärker zusammenführen. Gleichzeitig dürfen wir eine Reform nicht nur unter dem Gesichtspunkt „alles muss billiger werden“ starten. Medizinische Qualität und Behandlungsergebnisse müssen zentrale Steuerungsgrößen sein. Das Ziel muss ein effizienteres und qualitativ hochwertigeres System sein.

Welche Rolle spielt die Medizinprodukte-Branche dabei?
Eine sehr entscheidende, denn wenn das Gesundheitssystem digitaler, innovativer und ambulanter werden soll, kann das ohne Medizinprodukte und Medizintechnik nicht funktionieren. Das beginnt bei der Diagnostik und reicht über Telemonitoring und digitale Medizinprodukte bis hin zur Versorgung zu Hause. Wenn wir Patientinnen und Patienten stärker außerhalb des Krankenhauses betreuen wollen, brauchen Ärztinnen und Ärzte, Pflegeeinrichtungen und die mobile Pflege die entsprechenden zeitgemäßen Tools. Diese Rolle, die hier die Medizinprodukte-Branche einnimmt, wird aus meiner Sicht in der politischen Diskussion nach wie vor zu wenig berücksichtigt.

Die Medizinprodukte-Branche ist sehr innovativ. Dennoch kommen diese Innovationen nur langsam bei den Patientinnen und Patienten an. Was müsste sich ändern, damit Innovation schneller in die Versorgung kommt?
Innovation kann über den gesamten Behandlungsprozess gesehen meist enorme Effizienzpotenziale heben. Doch Prozesse sind selten Gegenstand der Betrachtung, das muss sich endlich ändern. Zudem brauchen wir einheitliche und transparente Erstattungsregeln. Heute erleben wir, dass Versicherte vergleichbare Beiträge leisten, aber nicht überall dieselben Leistungen erhalten. Gleichzeitig sind manche Erstattungsprozesse kaum transparent oder noch gar nicht klar definiert. Gerade bei In-vitro-Diagnostika oder Heilbehelfen und Hilfsmitteln besteht erheblicher Verbesserungsbedarf. Hier schließt sich der Kreis: Solange wir nicht einmal nachvollziehbar darstellen können, wie ein Prozess funktioniert, können wir ihn auch nicht effizienter machen.

Die Reform setzt stark auf Digitalisierung. Wo liegt hier das größte Potenzial?
Digitalisierung heißt nicht, dass analoge Prozesse einfach elektronisch abgebildet werden. Das würde keine Verbesserung bringen. Wenn wir bisher etwas per Fax geschickt haben und es künftig per E-Mail verschicken, ist das noch keine Digitalisierung. Wir müssen Prozesse analysieren und dann versuchen, sie zu vereinfachen und miteinander zu vernetzen.
Ein Beispiel ist die Betreuung chronisch kranker Menschen. Daten aus Blutdruckmessgeräten, Diabetes-Anwendungen oder anderen digitalen Medizinprodukten könnten laufend zur Verfügung stehen. Dann muss eine Patientin oder ein Patient nicht für jede Kontrolle physisch in eine Ordination kommen. Genau darin liegt das Potenzial, denn bessere Überwachung, weniger unnötige Wege und eine Versorgung, die stärker auf den tatsächlichen Gesundheitszustand reagiert, schafft auch Kostensparpotenziale bei gleicher oder sogar besserer Versorgung.

Was braucht es, damit solche Lösungen tatsächlich funktionieren?
Einheitliche Standards, technische Systeme und klare Zuständigkeiten. Die Daten sind in vielen Bereichen bereits vorhanden. Die entscheidende Frage ist, wie wir sie sinnvoll zusammenführen und nutzbar machen. Gleichzeitig müssen wir natürlich Datensicherheit gewährleisten und Vertrauen schaffen. Vor allem sollten wir vom gewünschten Behandlungsergebnis ausgehen. Die Frage muss lauten: Was wollen wir für die Patientin oder den Patienten erreichen? Wenn das Ziel beispielsweise lautet, Menschen länger gesund zu halten oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu reduzieren, dann müssen wir daraus die richtigen Behandlungspfade und Technologien ableiten. Innovation im Produkt ist dann eine Folge des Versorgungsziels und nicht Selbstzweck.

Heißt das auch, dass sich die Industrie stärker am nachgewiesenen Nutzen messen lassen muss?
Selbstverständlich. Unternehmen können nicht nur Forderungen an das System stellen. Wir müssen ebenfalls unseren Beitrag leisten und nachweisen, dass unsere Lösungen tatsächlich einen Nutzen bringen.

AUSTROMED warnt davor, zentrale Beschaffung als Sparhebel zu sehen. Warum?
Wir sollten Beschaffung nicht allein vom niedrigsten Stückpreis her betrachten. Gerade bei Medizinprodukten spielen Qualität, Versorgungssicherheit und die Auswirkungen auf den gesamten Behandlungsprozess eine wesentliche Rolle. Entscheidend ist letztlich nicht, was ein einzelnes Produkt kostet, sondern welche Behandlungskosten insgesamt entstehen und welches Ergebnis erreicht wird. Bei standardisierten Produkten kann eine Bündelung sinnvoll sein. Bei komplexeren Medizinprodukten brauchen wir aber differenzierte Modelle. Eine immer stärkere Zentralisierung darf nicht dazu führen, dass Wettbewerb, Innovation oder spezialisierte Anbieter verloren gehen.
Gerade die Versorgungssicherheit ist seit den Krisenjahren stark in den Fokus gerückt. Was muss sich hier ändern?
Versorgungssicherheit braucht Verbindlichkeit. Man kann von einem Hersteller nicht verlangen, über Jahre Ware vorzuhalten und das gesamte wirtschaftliche Risiko zu tragen, ohne verlässliche Abnahmemengen oder entsprechende Vereinbarungen zu schaffen.
Wir brauchen deshalb einen viel engeren Austausch zwischen Trägern und Industrie, um zu klären, welche Mengen benötigt werden oder wie sich zum Beispiel der Verbrauch entwickeln und Engpässe entstehen könnten. Wenn beide Seiten solche Informationen transparenter teilen und längerfristige Vereinbarungen treffen, können Unternehmen auch ihre Lieferfähigkeit wesentlich besser planen. Multisourcing ist aus meiner Sicht wichtig. Wer Versorgung absichern will, kann nicht ausschließlich von einem oder vom billigsten Anbieter abhängig sein.

Was wäre für Sie am Ende der Maßstab dafür, ob die Reformpartnerschaft erfolgreich war?
Dass wir nicht an der Oberfläche bleiben. Finanzierung und Verantwortung gehören stärker in eine Hand, Qualität und Behandlungsergebnisse müssen zum Maßstab werden, und Digitalisierung muss Prozesse wirklich verbessern. Wenn uns das gelingt und gleichzeitig die Expertise der Medizinprodukte-Branche frühzeitig einbezogen wird, kann die Reform einen echten Unterschied für die Versorgung machen.