Vom Plan zur Wirklichkeit

Der Gesundheitsplan 2040+ soll Niederösterreichs Versorgung fit für die Zukunft machen. Im Mittelpunkt stehen mehr Spezialisierung, stärkere Vernetzung und eine gezielte Bündelung medizinischer Leistungen. Anton Kasser, Landesrat für Finanzen und Kliniken, erklärt, warum Konzentration nicht automatisch weniger Nähe bedeutet und wie hochwertige Versorgung trotz knapper Personalressourcen in allen Regionen gesichert werden soll.

© Philipp-Monihart

Wie würden Sie den aktuellen Zustand der Gesundheitsversorgung in Niederösterreich in einem Satz beschreiben?
Vernetzung, Spezialisierung und wohnortnahe Versorgung.

Wo ist aktuell der größte Handlungsbedarf?
Die Gesundheitsversorgung steht durch den demografischen Wandel vor großen Herausforderungen. Damit alle Menschen auch in Zukunft optimal versorgt werden, müssen medizinische und pflegerische Strukturen an den gesellschaftlichen Wandel angepasst werden. Bis 2040 wird in Niederösterreich eine halbe Million Menschen über 65 Jahre alt sein – knapp jede und jeder Dritte. Gleichzeitig gehen die Geburten stark zurück, die Art der Behandlung und Pflege verändert sich zunehmend und neue Behandlungsmethoden wie Telemedizin gewinnen an Bedeutung. Begrenzte Personalressourcen stellen das Gesundheitssystem zusätzlich vor große Herausforderungen.

Welche Reformen wurden bereits umgesetzt und was ist in Planung?
Der Gesundheitsplan 2040+ ist der Fahrplan, um die Versorgung nachhaltig in hoher Qualität abzusichern. Er wurde von Expertinnen und Experten entwickelt und von allen Regierungsparteien einstimmig auf den Weg gebracht. Bereits im ersten Jahr wurden zahlreiche Maßnahmen umgesetzt, die unmittelbare Vorteile für Patientinnen und Patienten bringen.
Ein zentraler Ansatz ist die Bündelung von Leistungen. So wurde etwa die Geburtshilfe in Tulln und Korneuburg gebündelt. Nicht jedes Haus muss alle Leistungen anbieten, entscheidend ist, dass innerhalb der Region die Versorgung gesichert ist. Die Standorte entwickeln klare medizinische Schwerpunkte und stimmen Schwerpunkt- und Akutleistungen regional ab.

Was verändert sich für Patientinnen und Patienten?
Für Patientinnen und Patienten soll vor allem die richtige Versorgung im Fokus stehen. Medizinische Expertise wird gebündelt und stationäre Aufenthalte sollen verringert werden. Tagesklinische Eingriffe ermöglichen spezialisierte Behandlung ohne längeren Krankenhausaufenthalt, verkürzen Wartezeiten und entlasten stationäre Einrichtungen.
Spezialisierung von Leistungen bedeutet dabei nicht, dass die Versorgung aus der Region verschwindet. Das Ziel ist ein dichtes, abgestuftes Versorgungsnetz aus Primärversorgungs- und Facharztzentren, Kliniken mit unterschiedlichen Größen und Spezialisierungen, Rettungswesen, Community Nurses, Herzkatheterlabors und Stroke Units.

© NÖ LGA/Robert Herbst

In jeder Region sollen auch künftig alle medizinischen Leistungen angeboten werden.
Die Rückmeldungen der Bevölkerung bestätigen den eingeschlagenen Weg: 90 Prozent sagen, dass sie lieber ambulant als stationär behandelt werden wollen, wenn es medizinisch möglich ist. 89 Prozent möchten lieber in einem Klinikum mit spezialisierten Expertinnen und Experten operiert werden, auch wenn sie dafür bis zu 30 Minuten länger fahren müssten.

Was macht Niederösterreich anders als andere Bundesländer?
Ein wesentlicher Vorteil Niederösterreichs ist die Vernetzung der Klinikstandorte. Klinikverbände ermöglichen Spezialisierungen, vermeiden Doppelstrukturen und bündeln medizinische, pflegerische und administrative Expertise. Seit Anfang 2026 arbeiten weitere Kliniken in Verbänden zusammen, etwa Tulln und Klosterneuburg, Wiener Neustadt und Hochegg sowie Stockerau, Korneuburg und Hollabrunn.
Auch die onkologische Versorgung wird durch Vernetzung gestärkt: Seit Anfang 2026 nehmen alle NÖ Kliniken mit onkologischer Versorgung am zentralen Tumorboard teil. Rund 800 Patientinnen und Patienten konnten seit August davon profitieren. Gleichzeitig wird robotische Chirurgie weiter ausgebaut: In Wiener Neustadt und St. Pölten wurden bereits mehr als 5.000 Operationen durchgeführt, Krems und Mistelbach sind seit heuer ebenfalls dabei, weitere Standorte folgen.

Woran lässt sich der Erfolg dieser Reformen konkret messen?
Der Erfolg der Reform soll nicht allein an neuen Strukturen gemessen werden. Entscheidend ist, ob die Menschen tatsächlich eine hochwertige, verlässliche und möglichst wohnortnahe Versorgung erhalten. Mehrere Bereiche sind dafür entscheidend: Versorgungssicherheit, Qualität und Expertise sowie Patientenzufriedenheit und Zugänglichkeit. Konkret geht es darum, ob die notwendigen Leistungen in allen Regionen in guter Qualität verfügbar sind, die Notfallversorgung rund um die Uhr funktioniert, Spezialisierung und Zusammenarbeit die Versorgungsqualität erhöhen und die Menschen schnell zur richtigen Behandlung kommen.
Messbare Entwicklungen gibt es bereits. 2025 wurden mehr als 44.000 tagesklinische Eingriffe durchgeführt. Auch die Zahl der über das Tumorboard betreuten Patientinnen und Patienten, neue Angebote in der Akutgeriatrie und Remobilisation, reduzierte Wartezeiten durch „HNÖ hilft“ zur Förderung einer qualitativ hochwertigen und bedarfsgerechten medizinischen Versorgung für tagesklinische HNO-Operationen bei Kindern sowie die Entlastung der Notaufnahme in Baden durch die Erstversorgungsambulanz sind konkrete Indikatoren für die Umsetzung.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?
Die größte Herausforderung bleibt, die Gesundheitsversorgung angesichts der alternden Bevölkerung, des steigenden medizinischen Bedarfs und begrenzter Personalressourcen langfristig abzusichern. Der Gesundheitsplan 2040+ wird deshalb Schritt für Schritt realisiert. Die Maßnahmen tragen dazu bei, die Versorgung moderner, koordinierter und patientenorientierter zu gestalten.
Niederösterreich schafft damit die Voraussetzungen, die Gesundheitsversorgung auch für die kommenden Generationen abzusichern. Die Kombination aus Spezialisierung, Vernetzung und wohnortnaher Versorgung soll sicherstellen, dass medizinische Expertise dort zur Verfügung steht, wo sie den größten Nutzen bringt. Der Weg ist dabei ein fortlaufender Prozess: damit die Menschen auch in Zukunft auf eine hochwertige, verlässliche und wohnortnahe Gesundheitsversorgung vertrauen können.