Angststörung erhöht KHK-Risiko

Die Psychokardiologie befasst sich mit den engen Verflechtungen zwischen kardialen Erkrankungen und psychischen Veränderungen sowie dem Einfluss von psychosozialen Faktoren.
Kardiologische Leitlinien enthalten keine spezifischen Empfehlungen für die Behandlung psychischer Komorbiditäten.1 Psychische Beschwerden können auf vielfältige Weise entstehen und den Verlauf kardialer Erkrankungen beeinflussen: als eigenständiger Risikofaktor für das Entstehen – psychiatrische Krankheitsbilder stellen einen Risikofaktor für einen ungünstigen Lebensstil dar, wie z. B. Rauchen, unregelmäßige Medikamenteneinnahme und Bewegungsmangel –,2 als Komorbidität, die das kardiologische Management erschwert, oder erst als Folge der Herzkrankheit, welche die Lebensqualität der Betroffenen zusätzlich stark beeinträchtigt.3 Auch psychosoziale Faktoren wie niedriger sozioökonomischer Status, Mangel an sozialer Unterstützung, Ängstlichkeit, Feindseligkeit u. v. m. spielen für die Entwicklung und den Verlauf zahlreicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine bedeutende Rolle.4 Sie sollten deshalb schon in der Anamnese als fester Bestandteil neben somatischen Risikofaktoren wie Rauchen, Hypertonie, Diabetes, Hypercholesterinämie und Adipositas berücksichtigt werden.

Epidemiologie

Koronare Herzkrankheit und Psyche: Angststörungen erhöhen das Risiko für eine KHK um 26 %, das Mortalitätsrisiko um 48 %.2 Sie liegen bei ca. 30 % der Patient:innen nach Herzinfarkt vor, im weiteren Verlauf bei ca. 20 %.4 Vermehrte Angst nach einem Myokardinfarkt führt häufig zu weiteren kardialen Komplikationen wie Reinfarkt, wiederkehrender Ischämie, ventrikulären Arrhythmien oder kongestiver Herzinsuffizienz.3 Bei posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) nach einem traumatisierenden kardialen Ereignis – insbesondere akut erlebtem Myokardinfarkt, aber auch Reanimation bei Kreislaufstillstand oder Defibrillation mit einem automatischen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD) – ist die Wahrscheinlichkeit einer kardiovaskulären Rehospitalisierung innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt.2

Die Depression ist ein wichtiger unabhängiger Risikofaktor sowohl für das Neuauftreten als auch für einen ungünstigeren Verlauf einer KHK.3 Gefühle der Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit treten bei 20–50 % der KHK-Patient:innen auf, bei 15–20 % davon eine ausgeprägte klinische Symptomatik im Sinne einer Depression.2 Es besteht ein erschwerender bidirektionaler Zusammenhang zwischen KHK und Depression: Depression und Depressivität steigern zum einen das Risiko für eine KHK, und zum anderen können sie aber auch aus einer Herzerkrankung resultieren und die Prognose beeinträchtigen.

Häufig werden depressive Patient:innen in der kardiologischen Praxis nicht erkannt, da sie sich ruhig und unauffällig verhalten. Bei allen Herzpatient:innen sollten deshalb schon in der Akutklinik und während des weiteren Verlaufs mit Hilfe eines kurzen Fragebogens die häufigsten psychischen Symptome erfasst werden.3 Akute emotionale Erregung wie Ärger oder Angst können ein akutes Koronarsyndrom auslösen.4 Auch der Verlust eines nahen Angehörigen ist für die folgenden 30 Tage mit einer bis zu 20-fach erhöhten Myokardinfarkt-Inzidenz assoziiert.4

Herzrhythmusstörungen und Psyche: Angst- und Panikstörung können Herzrhythmusstörungen – Extrasystolen, supraventrikuläre Tachykardien (SVT), Vorhofflimmern/-flattern, ventrikuläre Rhythmusstörungen – auslösen, aber auch durch sie verursacht werden. Auch hier besteht ein Zusammenhang, der häufig zu Fehldeutung von Symptomen führt. Zur Differenzierung sollte man daher eine genaue Anamnese der Krankheitsgeschichte und Symptome vornehmen und ein Langzeit-EKG aufzeichnen.2, 4 Patient:innen mit einem ICD stellen eine besondere Risikogruppe für die Entwicklung einer PTBS und einer Angststörung dar3, besonders bei Schockabgaben oder Komplikationen aufgrund der ICD-Implantation. Bei 11–26 % liegt eine Angststörung im eigentlichen Sinne vor.4

Herzinsuffizienz und Psyche: Aufgrund der hohen Prävalenz einer Depression in dieser Patientengruppe von ca. 22 %2, und da sie im klinischen Alltag oft übersehen wird, weil die Betroffenen sich zurückziehen und ihre Emotionen nur zurückhaltend äußern, sollte immer ein einfaches Depressionsscreening nach Empfehlung der Nationalen Versorgungsleitlinie Unipolare Depression erfolgen: Wenn eine von 2 Fragen – „Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?“, „Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?“ – mit „Ja“ beantwortet wird, sollte eine ausführliche Depressionsdiagnostik veranlasst werden.2 Herzinsuffiziente zeigen im Vergleich zu einer gesunden Probandengruppe ein 1,6-fach höheres Risiko für kognitive Beeinträchtigungen.2

Sonderfall Takotsubo-Syndrom (Stress-Kardiomyopathie): Bei einer Subgruppe von 1–2 % aller Patient:innen mit akutem Koronarsyndrom ist mit Stress ein psychischer Faktor pathognomonisch verantwortlich2: Stress-Kardiomyopathie tritt meist nach einem emotional hoch belastenden Lebensereignis auf.

Konsequenzen für die Praxis

Bei Verdacht auf psychische Störungen sollten bei Herzpa-tient:innen Fragebogen-Screenings eingesetzt werden – z. B. Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D), zur PTBS die Impact of Event Skala, revidierte Version (IES-R), zur Demenzabklärung der DemTec – und ggf. eine Einbindung von Psychotherapeut:innen oder Psychiater:innen erfolgen.2 Im Rahmen von einer psychosomatischen Grundversorgung können zunächst begrenzte Gesprächsangebote zur Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung angeboten werden.3 Das kardiale Risiko kann durch eine erfolgreiche Depressionsbehandlung gesenkt werden.4 Bei zumindest mittelgradiger Depression kann zusätzlich zur Psychotherapie eine Therapie mit SSRIs erwogen werden, allerdings unter strenger Beachtung von Kontraindikationen und Warnhinweisen hinsichtlich des kardiologischen Kontextes.4