Bericht über die WONCA-Konferenz Juli 2026 in Paris

Die Atmosphäre war geprägt von internationalem Austausch, spürbarer Motivation und einer starken Präsenz junger Kolleg:innen. WONCA-Kongresse sind traditionell Orte des Dialoges, der Vernetzung und der Weiterentwicklung unseres Faches – und Paris 2026 bildete hier keine Ausnahme.

Motto: „Acting for more liberty, equity and fraternity“

Das diesjährige Motto – vom französischen Nationalmotto abgeleitet – griff die 3 zentralen Werte der Allgemeinmedizin auf und übersetzte sie in die Versorgungsrealität:

  • Freiheit bedeutet im Kontext der Allgemeinmedizin die Autonomie in Diagnostik und Therapie, die freie Wahl der Praxisform sowie die Stärkung der Selbstfürsorge von Patient:innen.
  • Gleichheit steht für den gleichberechtigten Zugang zu Behandlung, Prävention und wissenschaftlicher Evidenz – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder sozialem Status.
  • Verbundenheit beschreibt die interkollegiale Zusammenarbeit, die Vor-Ort-Versorgung, die Diversität der Praxisformen und die gelebte Solidarität innerhalb der Profession. Ein zentraler Bestandteil ist der One-Health-Ansatz, der die Wechselwirkungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt in den Blick nimmt.

Thematische Schwerpunkte

Die Konferenz bot ein breites Spektrum an Themen, welche die aktuelle und zukünftige Rolle der Allgemeinmedizin widerspiegeln. Hier nur ein paar Beispiele:

  • Humanismus in der Allgemeinmedizin
  • Klimawandel und Public Health
  • Multimorbidität und Kontinuität der Versorgung
  • Behandlungslast, Priorisierung und Polypharmazie
  • nichtpharmakologische Interventionen
  • EBM im Wandel – hin zu kontextsensitiver Evidenz
  • Netzwerke und SIG: EGPRN (Forschung), EQuiP (Qualität), EURACT (Lehre), EURIPA (Rural Health), EUROPREV (Prävention), EYFDM (Young Doctors) sowie zahlreiche Special Interest Groups (Lifestyle, Social Prescribing, Infektiologie, Kardiologie, Allergologie u. a.)

Keynotes – Impulse für die Zukunft der Allgemeinmedizin

Besondere Aufmerksamkeit erhielten die Keynotes, die zentrale Herausforderungen und Chancen unseres Faches beleuchteten. Einige Ausgewählte:

  • Valérie Masson-Delmotte (IPCC) betonte die unmittelbare Relevanz des Klimawandels für die Primärversorgung und die Notwendigkeit, ökologische Faktoren stärker in die Versorgung zu integrieren.
  • Harini Sathanapally widmete sich der Multimorbidität – einer der größten Herausforderungen in der täglichen Praxis. Sie zeigte, dass nur die Allgemeinmedizin mit Kontinuität, Priorisierung und patientenzentrierter Steuerung Themen wie Polypharmazie und Behandlungslast effizient managen kann.
  • Iveta Nagyova und Gregory Ninot präsentierten das NPIS Registry für nichtmedikamentöse Interventionen. Zertifizierte Leitfäden für psychosoziale, ernährungsspezifische und physische Therapieverfahren bieten eine wertvolle Ergänzung zur Routineversorgung – ein Bereich, der bislang oft zu wenig Beachtung findet.
  • Trisha Greenhalgh und Alexandre Gouveia diskutierten die Grenzen der klassischen EBM und die Weiterentwicklung hin zu einer kontextsensitiven, patientenorientierten Evidenz.

Beiträge aus Österreich

Es gab erfreulicherweise auch mehrere Konferenzbeiträge aus Österreich. Darunter unter anderem:

Professorin Dr.in Erika Zelko (JKU und Präsidiumsmitglied der ÖGAM) präsentierte erste Ergebnisse des Projektes „Mapping of Family Medicine Postgraduate Training Across Europe“, das die Vielfalt und Unterschiede der Weiterbildungssysteme sichtbar macht.

Dr. Johannes Oswald (PMU und Vorstandsmitglied der ÖGAM) organisierte eine gut besuchte Session mit dem Titel „Sleep medication – which one for which patient?“ als praxisnahes Thema während der Preconference.

Atmosphäre und Bedeutung der WONCA-Kongresse

WONCA-Kongresse zeichnen sich durch ein hohes Engagement der internationalen Kollegenschaft aus. Die Stimmung in Paris war geprägt von Positivität, Offenheit und kollegialem Austausch. Besonders auffällig war die starke Beteiligung junger Ärzt:innen – ein Zeichen für die Zukunftsfähigkeit unseres Faches.

Im Mittelpunkt stand weniger die Behandlung einzelner Erkrankungen, sondern der komplexe Kontext, in dem Allgemeinmedizin stattfindet: Interprofessionalität, Versorgungsrealität, gesellschaftliche Verantwortung und internationale Zusammenarbeit. Und selbstverständlich kam auch das abendliche Social Programme bei so einem Kongress nicht zu kurz.

Fazit

Die WONCA Europe 2026 zeigte eindrucksvoll, wie lebendig, vielfältig und zukunftsorientiert die Allgemeinmedizin ist. Die großen Themen unserer Zeit – Klimawandel, Multimorbidität, Humanismus, Evidenzentwicklung und One Health – wurden nicht nur diskutiert, sondern mit konkreten Projekten und Netzwerken unterlegt. Die ausgewählten Vorträge sind über die WONCA-Europe-2026-Website abrufbar.