Keeping Patients close at Heart in the digital Era

Die hausärztliche Primärversorgung ist ein wesentlicher Bestandteil eines kosteneffizienten und patientenzentrierten Gesundheitssystems, sieht sich jedoch mit großen Herausforderungen konfrontiert – national wie international. Personalmangel, steigende Lebenserwartung (nicht unbedingt in Gesundheit), eine überalternde Gesellschaft mit wachsendem Bedarf an Betreuung chronisch kranker Menschen und zunehmende Anforderungen an Diagnostik und Therapie sind nur ein paar davon. Eine weitere Herausforderung ist die rasante Entwicklung im Bereich der digitalen Technologien und künstlichen Intelligenz (KI bzw. AI), über die wir im Alltag nachdenken müssen und – wenn wir in dieser Position sind – auch lehren müssen: Digitalisierung – ein Fluch oder Segen? Ergänzung oder Ersatz? Unterstützung oder Gefahr? Wir sind auf einmal mit Fragen zum Datenschutz und Datenmanagement, zur Verantwortlichkeit, aber auch mit Fragen zur gesundheitlichen Chancengleichheit, Nachhaltigkeit und Ethik konfrontiert. Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf die Arzt-Patienten-Beziehung? Welche auf die medizinische Ausbildung? Telemedizin und virtuelle Realität sind Beispiele für Innovationen der letzten Jahre, die bereits heute die klinische Praxis und die Ausbildung prägen – doch könnten Avatar-Ärzt:innen sowie virtuelle Lehrende die Zukunft sein? Die einfache Antwort: Jein.

Für das Erklären dieser Antwort bedarf es dann aber doch mehr. Mit der vielschichtigen Antwort dieses „Jeins“ hat sich auch die 4. Konferenz der EURACT (Europäische Akademie der Lehre in der Allgemein- und Familienmedizin, ein Netzwerk der WONCA) beschäftigt. In Iaşi/Rumänien trafen sich über 250 Lehrende der Allgemein- und Familienmedizin aus Europa und darüber hinaus, um digitale Entwicklungen in der hausärztlichen Versorgung und in der medizinischen Ausbildung zu diskutieren, Innovationen der Digitalisierung in der Lehre zu präsentieren und ethische Aspekte und Herausforderungen zu thematisieren. Ziel war ein intensiver Diskurs darüber, wie man zukünftige Ärzt:innen darauf vorbereiten kann, die mit der Digitalisierung verbundenen Herausforderungen speziell in der Allgemein- und Familienmedizin kompetent zu bewältigen, sich digitale Anwendungen und elektronische Gesundheitsakten zu Nutze zu machen und sich von lernenden Algorithmen und KI unterstützen, jedoch nicht ersetzen und irreführen zu lassen. Digitale Tools können das Lernen, die Diagnostik und Versorgung verbessern, dabei hervorgehoben wurde aber mehrfach der wesentlichste Punkt: KI soll die ärztliche Entscheidungsfindung unterstützen, aber nicht ersetzen. Vertrauen, menschliche Verantwortung und die Wahrung der Arzt-Patienten-Beziehung bleiben zentrale Voraussetzungen für einen sinnvollen Einsatz digitaler Technologien. Und: Es braucht Reflexion und Resilienz, um sich nicht der Bequemlichkeit digitaler Anwendungen ohne kritische Bewertung zu unterwerfen.

Teil der Diskussionen blieb natürlich auch die gesundheitspolitische Perspektive, in einer sehr klaren und prägnanten Keynote von Josep Figueras (MD, MPH, PhD [econ.], FFPH, Director Emeritus of the European Observatory on Health Systems and Policies und Vorstandsmitglied des European Health Forums Gastein) wurde auch diese im Kontext der Digitalisierung aufgegriffen. Trotz jahrzehntelanger Evidenz für den Nutzen einer starken Primärversorgung gelingt es vielen Ländern nur unzureichend, politische Absichtserklärungen zur Stärkung der Primärversorgung in nachhaltige Reformen umzusetzen. Diskutiert wurden Hindernisse wie eine krankenhauszentrierte Finanzierung bzw. Parallelsysteme der Finanzierung, die Transparenz in der Kostenrealität und Folgekostenabschätzung verhindern, der Fachkräftemangel und fragmentierte Zuständigkeiten. Als Lösungsansätze wurden eine stärkere Ausrichtung der Finanzierung auf die Primärversorgung, moderne Teamstrukturen, der gezielte Einsatz digitaler Werkzeuge sowie Investitionen in Aus- und Weiterbildung hervorgehoben. Die Ausbildung zukünftiger Hausärzt:innen wurde dabei als wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Reformen betrachtet.

Do I still need you, Professor?

Provokant stellte die Medizinstudentin Karolina Orocz (Krakau/Polen) diese Frage in ihrer Keynote. Sie reflektierte über moderne Lernmethoden, die sich vor allem aus digitalen Tools, Microlearnings, Gamification und informellem, selbstgesteuertem Lernen mithilfe von Youtube und Communitys zusammensetzen. Sie gab Einblick in die Realität des modernen medizinischen Lernens – ganz klar kam hierbei heraus: In vielen Fällen „hinkt“ die Didaktik der Lehrenden diesen modernen Entwicklungen hinterher, was dazu führt, dass die zunehmende Selbstständigkeit beim Lernen und die niederschwellige Verfügbarkeit von Lernmaterialien über Digital Devices eine größere Distanz zwischen Lehrenden und Lernenden erzeugt: Diese muss jedoch von beiden Seiten aus wieder verringert werden: Modernere Lehrmethoden wie „flipped classrooms“ (die Theorie wird zu Hause mithilfe von solchen digitalen Tools als Vorbereitung gelernt; in der Unterrichtseinheit wird dann das Wissen vertieft, diskutiert und gefestigt und nicht die Theorie vermittelt) und die Einbindung – oder das dezidierte Offline-Gehen – von digitalen Devices kann Aufgabe der Lehrenden sein. Klare Aufgabe der Studierenden ist es, nicht der Versuchung zu unterliegen, mit der Aufmerksamkeit aus dem Unterricht zu ihren Lernhilfen oder gar in ihre „soziale Bubble“ zu gehen, nur weil eine Unterrichtseinheit gerade langweilig erscheint – da dies verhindert, dass dann genau jene Erfahrungen und genau das Wissen wahrgenommen werden, die den relevanten Unterschied zum KI-basierten bzw. digitalen Lehren ausmachen.

Auch Adam Windak, Professor und Leiter des Instituts für Allgemein- und Familienmedizin an der Universität in Krakau und innerhalb der EURACT und WONCA jahrzehntelange Triebfeder für die Weiterentwicklung des Faches und der Lehre für Allgemein- und Familienmedizin, griff die Frage auf, inwieweit das ständige „Kleben am Bildschirm“ relevantes Hindernis für zwischenmenschliche Interaktion und Beziehungsbildung ist, die empathischen Kompetenzen von Ärzt:innen schwächt und aufgrund dieser Schwächung zur Barriere und zum ethischen Dilemma werden kann. Er plädierte für die Lehre und das Leben einer „digitalen Balance“, die technologische Kompetenz und menschliche Nähe gleichermaßen fördert und dazu führt, dass KI-gestützte Systeme die Ausbildung und Patientenversorgung verbessern.

Nicht ganz ohne Interessenkonflikt wurde von Gideon Shimshon, Co-Founder und CEO der Global Health Education Group (GHEG), ein praxisnaher Blick auf eine mögliche Zukunft der medizinischen Ausbildung geworfen: Er zeigte eine praktische Anwendung eines Blended-Learning-Konzepts am Beispiel der Plattform „Virtual Clinical Experiences“, bei der durch die Ausrüstung bestimmter Ärzt:innen durch entsprechende Hardware und Software eine virtuelle Teilnahme an Patientenkonsultationen und reale Praxiserfahrung mit Überbrückung weiter Distanzen möglich sind, um dadurch Ausbildungskapazitäten zu vergrößern und Studierende früher und stärker in die hausärztliche Versorgung(srealität) einzubinden.

Insgesamt machte diese Konferenz deutlich, dass die moderne Allgemein- und Familienmedizin unbedingt nach einer „digitalen Balance“ streben sollte; weder die Rückkehr in die analoge Vergangenheit noch das unkritische Stürmen in eine vollständig digitalisierte Versorgung werden die Lösung sein. Vielmehr wird es darum gehen, technische Innovationen und digitale Tools verantwortungsvoll zu nutzen und dabei die grundlegenden Werte unseres Faches zu bewahren: Kontinuität, Vertrauen, Empathie und Orientierung am Menschen.

Letztlich sollte KI als Werkzeug verstanden werden, das die kognitiven Fähigkeiten von Ärzt:innen erweitert und den „human in the loop“ unterstützt, anstatt ihn zu ersetzen. Die damit verbundenen ethischen Herausforderungen müssen durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Gesundheitsfachkräften, politischen Entscheidungsträger:innen, KI-Entwickler:innen und Ethiker:innen adressiert werden, um einen verantwortungsvollen Einsatz sicherzustellen. Berufliche Standards, gesetzliche Regelungen und klare Leitlinien sind dabei unerlässlich, um die ethische Integrität der digitalen Gesundheitsversorgung zu gewährleisten und Distanzen abzubauen, statt sie zu vergrößern. Dann kann uns Zeit verschafft werden, um unsere Versorgungsqualität zu steigern und trotzdem unsere Patient:innen auch in Zukunft „nah am Herzen“ zu behalten.