Typischerweise verläuft die multiple Sklerose (MS) in Schüben; d.h., Phasen mit Neuauftreten neurologischer Beschwerden oder Zunahme bereits bestehender Beschwerden wechseln sich mit Phasen der Stabilität ab. Dieser Verlauf nennt sich schubförmiger Verlauf. Er kann, muss aber nicht, nach mehreren Krankheitsjahren in einen sekundär progredienten Verlauf übergehen, bei dem es zu einer langsamen Verschlechterung bestehender Symptome kommt. Früher hieß es, dass etwa die Hälfte der Betroffenen nach etwa 10 Jahren Krankheitsdauer einen sekundär progredienten Verlauf entwickelt. Diese Zahlen stimmen schon lange nicht mehr, da dank früher Diagnosestellung und wirksamer Therapien bei vielen MS-Betroffenen auch über Jahrzehnte keine bleibenden Symptome auftreten. Bei nur etwa 10 % der Personen wird eine primär progrediente MS diagnostiziert, die sich von Anfang an durch eine zunehmende neurologische Verschlechterung, z. B. fortschreitende Paresen ohne vollständige Remission, äußert.
Das Risiko, MS zu entwickeln, die Häufigkeit der Schübe, die Rückbildungstendenz von Schüben und das Progressionsrisiko sind altersabhängig – mit großen individuellen Unterschieden. Bei jungen MS-Betroffenen und kurzer Krankheitsdauer ist das Schubrisiko höher, während mit fortschreitendem Alter und zunehmender Krankheitsdauer das Schubrisiko abnimmt. Umgekehrt dauern Schübe bei jungen Personen kürzer und bilden sich auch besser zurück. Das Risiko einer schleichenden Verschlechterung bestehender Symptome hingegen nimmt mit dem Alter zu.
Kindes- und Jugendalter. Bei Beginn der MS im Kindes- oder Jugendalter muss daher von einer höheren Schubrate und einem schnelleren Zuwachs an Läsionen im MRT ausgegangen werden. Jugendliche mit MS benötigen eine besondere Aufmerksamkeit im Hinblick auf eine ausreichende Kontrolle der Krankheitsaktivität, da anhaltende Schübe und neue MRT-Läsionen mit einer langfristig schlechteren motorischen und kognitiven Prognose assoziiert sind. Mit einer wirksamen Therapie sind auch die Fehlzeiten am Arbeitsplatz oder in der Schule geringer, und sie verbessert so die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Mittleres und höheres Lebensalter. Mit zunehmendem Alter müssen mögliche Komorbiditäten berücksichtigt werden, die einen Einfluss auf den MS-Verlauf haben können. Adipositas, kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes und psychiatrische Erkrankungen können sich negativ auf den Verlauf der MS auswirken und müssen daher sorgfältig abgeklärt und behandelt werden. Hier ist eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit inklusive entsprechender Vorsorgeuntersuchungen von großer Bedeutung, denn häufig werden bei MS-Betroffenen sämtliche Beschwerden auf die MS zurückgeführt. So kann z. B. für eine Sehverschlechterung auch ein grauer Star verantwortlich sein oder für Parästhesien und Schmerzen in den Beinen eine diabetische Polyneuropathie oder eine periphere arterielle Verschlusskrankheit. MS-Betroffene mit psychiatrischen Begleiterkrankungen haben zudem ein signifikant höheres Risiko für einen schweren Verlauf.
Frauen stellen den überwiegenden Anteil der MS-Betroffenen dar. Je nach Alter und Lebenssituation sind daher Verhütung, Schwangerschaft, postpartale Phase und die Wechseljahre ein zentrales Thema im Rahmen der Betreuung. Im Hinblick auf die Verhütung ist anzumerken, dass alle gängigen Verhütungspräparate möglich sind und nicht mit den MS-Medikamenten interferieren.
Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillzeit. Ein potenzieller Kinderwunsch sollte bei Frauen im gebärfähigen Alter mit der immunmodulierenden oder -suppressiven Therapie abgestimmt werden; am besten schon vor Therapiebeginn. Mit einer Schwangerschaft sind die Anti-CD20-Antikörper gut kompatibel; und auch Cladribin ist bei entsprechender Planung eine sinnvolle Option. Natalizumab kann ebenso in bestimmten Situationen eingesetzt werden. Die Interferone und Glatirameracetat sind in der Schwangerschaft zugelassen; jedoch sollten diese nur bei milden Verläufen eingesetzt werden. Die Sphingosin-1-Rezeptor-Antagonisten und Teriflunomid sind in Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert; Dimethylfumarat sollte bei Bekanntwerden der Schwangerschaft pausiert werden (siehe entsprechende Fachinformationen). Ziel ist es, die Familienplanung entspannt zu gestalten im Hinblick auf die bestmögliche MS-Kontrolle einerseits und das geringstmögliche Risiko für das Kind andererseits. Bei entsprechender Planung steht daher einer Erfüllung eines Kinderwunsches ohne nachteilige Auswirkungen auf die MS nichts im Wege. In der Stillzeit, d. h., sobald die Muttermilch reif ist, sind mittlerweile Ofatumumab, Ocrelizumab und Ublituximab zugelassen. Die jeweils beste Option sollte mit den behandelnden Neurolog:innen frühzeitig abgesprochen werden.
Menopause. Die Menopause äußert sich auch bei Frauen ohne MS oft nicht nur mit den bekannten Symptomen wie Schlafstörung und Hitzewallungen, sondern sie kann sich unter anderem auf die Blasenfunktion, das kognitive und emotionale Befinden, Schmerzen und orthopädische Probleme auswirken. Viele der bekannten MS-Symptome überlappen sich daher mit Symptomen der Menopause und müssen sorgfältig erfragt werden. Eine etwaige Hormonersatztherapie ist bei entsprechenden Beschwerden bei Frauen mit MS durchaus empfehlenswert und kann Linderung bringen.
Zusammenfassend ist im Rahmen der Behandlung einer chronischen Erkrankung wie der MS das jeweilige Alter und die jeweilige Lebenssituation zu berücksichtigen. Erfreulicherweise findet sich heutzutage für die meisten Fragestellungen eine gute Lösung.