Neue ADA/EASD-Empfehlungen zur antihyperglykämischen Therapie des Typ-2-Diabetes

KOMMENTAR: Implikationen für aktualisierte ÖDG-Leitlinien 2012

Im letzten Monat wurden von ADA und EASD gemeinsame Empfehlungen für die antihyperglykämische Therapie des Typ-II-Diabetes veröffentlicht. Aufgrund der Entwicklungen der vergangenen Jahre war es notwendig, den gültigen ADA/EASD-Konsensus zu überarbeiten und generell eine Individualisierung der Diabetestherapie zu empfehlen – wie das auch schon in unseren Leitlinien 2009 dargestellt wurde. Interessanterweise sind die jetzigen ADA/EASD-Empfehlungen betont pragmatisch und mehr an der Evidenz als an der Eminenz ausgerichtet.
Ganz allgemein gesehen wird ein HbA1c-Wert unter 7 % als Ziel der blutzuckersenkenden Therapie vorgegeben. Bei kurzer Diabetesdauer, langer Lebenserwartung und dem Fehlen einer signifikanten koronaren Herzkrankheit werden weiterhin niedrigere HbA1c-Werte (6,0– 6,5 %) angestrebt. Patienten mit regelmäßigen, schweren Hypoglykämien, relativ kurzer Lebenserwartung, fortgeschrittenen Komplikationen, zahlreichen zusätzlichen Komorbiditäten oder anderen Faktoren, welche eine sichere Therapie erschweren, sollen einen HbA1c-Zielwert zwischen 7,5 % und 8 % erreichen. Diese Empfehlungen entsprechen in etwa unserer Leitlinie.
Die Studien der letzten Jahre wie ACCORD, ADVANCE und VADT haben gezeigt, dass nicht jede Patientin und nicht jeder Patient von einer intensivierten Blutzuckertherapie profitiert. Wichtig zu erwähnen ist hier, dass der konservative Arm der ACCORD -Studie mit seinen HbA1c-Werten bereits deutlich unter dem intensiven Arm der UKPDS lag, und wir daher diese Studien schwer miteinander vergleichen können.
Nach wie vor stellt die Lebensstilmodifikation im Sinne von körperlicher Bewegung und dem Einhalten einer Diät eine der wichtigsten Therapiesäulen dar. Entgegen den aktuell gültigen Leitlinien der ÖDG empfiehlt das ADA/EASD-Positionspapier bei rezent diagnostizierten Patienten mit einem HbA1c-Wert < 7,5 % den Versuch einer Lebensstilmodifikation noch vor dem Beginn einer medikamentösen Therapie mit Metformin. Weiters empfehlen wir neben der Metformin-Therapie bereits frühzeitig eine duale Therapie.
Hinsichtlich der Gewichtsproblematik rückt die bariatrische Chirurgie als weitere Behandlungsmöglichkeit immer mehr in den Vordergrund – dies ist allerdings nicht unkritisch zu sehen. Weiters werden in dem Papier auch in Europa noch nicht etablierte Ansätze wie Colesevelam, Bromocriptin und Pramlintid diskutiert.
Neben der blutzuckersenkenden Therapie wird die hohe Wertigkeit eines multifaktoriellen Therapieansatzes (antihypertensive Therapie + lipostatische Therapie + Hemmung der Thrombozytenfunktion) durch die vorliegende Arbeit unterstrichen.
Wenn wir die neuen ADA/EASD-Positionen – mit ihrem Beginn über die Metformin-Therapie und Eskalation über de facto alle derzeit am Markt befindlichen oralen Substanzen inkl. GLP-1-Rezeptoragonisten und Insulintherapie – mit unseren 2009 veröffentlichten Therapiestrategien vergleichen, dürfen wir feststellen, dass wir für ein Update eigentlich relativ wenige Veränderungen machen müssten, sollten wir uns an die neuen ADA/EASD-Leitlinien anlehnen.

Kommentar von: Univ.-Prof. Dr. Martin Clodi

Universitätsklinik für innere Medizin III, Medizinische Universität Wien, Vorsitzender des Leitlinienausschusses der Österreichischen Diabetes Gesellschaft


DF 02|2012

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Guntram Schernthaner, ÖDG
Publikationsdatum: 2012-05-03