HPV-Impfung: Ist das wirklich schon alles, Österreich?

Mit dem humanen Papillomavirus (HPV) assoziierte Malignome machen weltweit ca. 3,5 % aller neu aufgetretenen Tumorerkrankungen aus und sind für ca. 4,6 % aller tumorbedingten Todesfälle verantwortlich. Die Rate an HPV-assoziierten neu aufgetretenen Tumorerkrankungen lag 2018 in Österreich bei 4,2–9,8/100.000 Frauen. In Österreich werden jährlich ca. 6.000 Konisationen und zigtausende Kolposkopien durchgeführt und das Lebenszeitrisiko einer HPV-Infektion liegt für jede sexuell aktive Person praktisch bei 100 %.

Man könnte meinen, dass die konsequente Umsetzung der HPV-Impfung in Österreich aufgrund der vielen Argumente im Interesse aller liegt und problemlos und zeitnah durchführbar sein sollte. Dennoch liegt Österreich mit seiner Durchimpfungsrate noch immer in einem sehr beschaulichen Bereich im Vergleich mit sowohl anderen europäischen Ländern als auch weltweit.

Das mag in Österreich daran liegen, dass wir zum Einen aufgrund eines insgesamt sehr guten Screeningprogramms bereits eine sehr niedrige Rate an Zervixkarzinomen jährlich beobachten und damit die unmittelbare Gefahr für jeden einzelnen überschaubar ist – die anderen HPV-assoziierten Tumorerkrankungen (HNO-Tumore, Vulvakarzinom, Analkarzinom) sind, obwohl sie in der Anzahl jährlich steigen, ebenfalls eher selten und nach wie vor außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Zum Zweiten liegt das Impfalter in einem Bereich, in dem man sich als Eltern(teil) nachvollziehbarerweise noch nicht über die Konsequenzen einer sexuell übertragbaren Infektion mit potenziell bedrohlichen Folgen für die Kinder (Stigmatisierung, aufwändige Abklärung inklusive Gewebsproben, Operationen, Rezidivrisiko, Verunsicherung während einer darauffolgenden Schwangerschaft, Krebserkrankung etc.) Gedanken machen möchte und wahrscheinlich auch nicht kann.

Andererseits beträgt z. B. in Botswana die Durchimpfungsrate ca. 99 % in der Zielpopulation und in Australien soll die Zahl der Neuerkrankungen des Zervixkarzinoms 2028 bereits < 4/100.000 betragen und 2067 voraussichtlich < 1/100.000. Also dürfen wir uns auch hierzulande nicht schon mit mittelprächtigen (Teil-)Erfolgen und moderaten Durchimpfungsraten zufriedengeben.

Wir wollen daher initiativ werden und mit einer HPV-Presseenquete am 3. 3. 2020 (der Tag vor dem Welt-HPV-Tag) fächerübergreifend unter der Federführung der Österreichischen Krebshilfe und der AGO Austria (Arbeitsgemeinschaft für gynäkologische Onkologie der OEGGG) unserer Forderung nach Umsetzung eines „Opt-out“-Konzepts zur HPV-Impfung Nachdruck verleihen. Die Enquete steht unter dem provokanten Motto: „Botswana kann es, kann es Österreich auch?“

Vor diesem Hintergrund haben sich einige KollegInnen dankenswerterweise bereit erklärt, in einem Heftschwerpunkt der vorliegenden Ausgabe von GYN-AKTIV zum humanen Papillomavirus das Thema für Sie möglichst breit zu beleuchten und in den wichtigsten Aspekten darzustellen. Die Themengebiete reichen von den HPV-assoziierten gynäkologischen Erkrankungen über die HPV-Impfung – insbesondere auch aus Sicht der SchulärztInnen – bis hin zu den HPV-assoziierten HNO-Tumoren. ¢

Ich wünsche Ihnen eine interessante und unterhaltsame Lektüre!

AutorIn: Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Christoph Grimm

Abt. für Allgemeine Gynäkologie und ­Gynäkologische Onkologie, Gynecologic Cancer Unit, ­Comprehensive Cancer Center, MedUni Wien

Foto: Ben Leitner


GA 01|2020

Herausgeber: em. o. Univ.-Prof. Dr. Sepp Leodolter, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien
Publikationsdatum: 2020-03-02