Für mehr Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz

Ein wesentliches Ziel der Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung ist das Wohlbefinden der Mitarbeiter am Arbeitsplatz. „Wir wissen, dass die Aspekte ,Wohlfühlen‘ und ,Gesundheit‘ wesentlich sind, damit ein Unternehmen als guter Arbeitgeber wahrgenommen wird“, berichtet Mag. Doris Palz, Managing Director, Great Place to Work. Wie kann nun in einer Arbeitswelt, in der Zeitdruck und Belastung sehr hoch sind, das Wohlbefinden unterstützt werden? „Im Grunde gibt es drei wesentliche Aspekte, damit Menschen sich auch in einer stressigen Arbeitswelt wohlfühlen und dadurch belastbar bleiben“, ist Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit, Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien, überzeugt:

  1. Uneingeschränkte Wertschätzung des anderen: „Das bedeutet nicht, dass man immer mit allem einverstanden sein muss, aber dass man den anderen und ihren Vorschlägen, Ideen etc. wohlwollend gegenübersteht. Es geht darum, die Entfaltungsmöglichkeiten des anderen wertzuschätzen und zu ermöglichen. Das sollten auch Führungskräfte berücksichtigen“, so Musalek.
  2. Herzenswärme bzw. Warmherzigkeit: „Wenn wir warmherzig aufeinander zugehen, bringt das mehr Freude – für uns alle!“, betont Musalek.
  3. Freude an der Arbeit haben: „Jeder kann natürlich auch selbst dazu beitragen, dass er/sie Freude an der Arbeit hat. Genauso wichtig ist es, dass die Rahmenbedingungen dies ermöglichen. Und in erster Linie empfinden wir dann Freude an der Arbeit, wenn wir gemeinsam etwas geschafft haben“, erklärt Musalek.

 

Ein Ansatz, der auch für Palz stimmig ist. Zudem unterstreicht sie, dass Offenheit eine wichtige Rolle spielt: „Es braucht in einem Unternehmen, das ein ,Great Place to Work‘ sein will, eine ,Offene-Ohren-Politik‘. Das bedeutet, dass Mitarbeiter Vertrauen haben können, Dinge, z.B. auch gesundheitliche Probleme, offen anzusprechen. Wir wissen auch aus der Glücksforschung, dass ein offenes Konstrukt, in dem Mitarbeiter sich einbringen und eine sinnstiftende Arbeit leisten können, zu einer vermehrten Produktion von Glückshormonen führt“, so Palz.

Unternehmen profitieren mehrfach von BGF

Was versteht man nun genau unter betrieblicher Gesundheitsförderung? „Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, Maßnahmen zum Arbeitnehmerschutz umzusetzen; das betrifft die Prävention von Unfällen und Erkrankungen. Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) geht darüber hinaus und ist freiwillig. Sowohl Arbeitnehmerschutz als auch BGF sind wichtige Zeichen der Wertschätzung“, erklärt MMag. Petra Streithofer, Arbeiterkammer Wien, Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Arbeit. Und Mag. Julia Lebersorg-Likar, AUVA, ergänzt: „Arbeitsplatzevaluierung sollte ein wesentlicher Teil der Unternehmenskultur sein, denn gesunde Mitarbeiter mit wenig Ausfallzeiten sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die BGF ergänzt den ArbeitnehmerInnenschutz und sollte im Idealfall auf diesen abgestimmt sein.“
Ziel der BGF ist es, die Gesundheit und die Ressourcen der Mitarbeiter zu stärken. Dr. Gert Lang, Gesundheitsreferent, Fonds Gesundes Österreich (FGÖ), betont, dass die BGF eine moderne Unternehmensstrategie ist, die eine Win-win-Situation zur Folge habe, da sie für Betrieb und Mitarbeitende – und in weiterer Folge sogar für die gesamte Gesellschaft – einen Nutzen erbringe.
„BGF dient der allgemeinen Unterstützung der Gesundheit und des Wohlbefindens der Mitarbeiter. Hierzu gehören als wichtige Faktoren Ernährung, Bewegung und psychische Gesundheit. Auch die AUVA, deren Fokus vor allem auf dem Arbeiternehmerschutz liegt, unterstützt die BGF, z.B. durch das Projekt AUVAfit (siehe Kasten). Das Ziel dabei ist, Risikofaktoren für Muskel- und Skeletterkrankungen zu reduzieren“, erklärt Lebersorg-Likar.

Gütesiegel BGF

Das Netzwerk BGF, ein Zusammenschluss der Träger der gesetzlichen Krankenversicherung, der gesetzlichen ­Unfallversicherung, des Dachverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, der Interessenvertretungen Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer,

Gewerkschaftsbund und Industriellenvereinigung sowie des Fonds ­Gesundes Österreich als unterstützender ­Partner, hat 15 Qualitätskriterien für betriebliche Gesundheitsförderung definiert. „Denn mit einem Obstkorb und dem Angebot eines Yo­gakurses ist es nicht getan“, betont Streithofer. Stattdessen sei ein Mix aus verhaltensorientierten Maßnahmen – diese zielen auf mehr Bewegung, gesunde Ernährung und Entspannung ab – und verhältnisorientierten Aspekten – z.B. dass Arbeitnehmer mehr Handlungsspielraum erhalten, dass in der Kantine gesundes Essen angeboten wird, dass eine angenehme Betriebskultur herrscht, die auch in den Führungsstil einfließt, und dass altersgerechtes Arbeiten möglich ist – umzusetzen.
Mittlerweile kann das Netzwerk BGF auf mehr als 20 Jahre Erfahrung im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung zurückblicken und bietet ein Angebotsportfolio, das individuell maßgeschneidert werden kann. Zudem erhalten antragstellende Betriebe – bei erfolgreichem Abschluss und Implementierung der BGF in den Regelbetrieb – nach Qualitätsprüfung das BGF-Gütesiegel.

Stellenwert von BGF nimmt zu

„Das Gütesiegel, das das Netzwerk BGF vergibt, wird immer öfter beantragt. Das zeigt uns, dass betriebliche Gesundheitsförderung zunehmend an Bedeutung gewinnt“, erklärt Streithofer. Dies kann Lang bestätigen und ergänzt: „Von der Arbeitnehmerseite aus betrachtet, bemerken wir, dass die Mitarbeiter es immer mehr einfordern, dass Betriebe ihre Fürsorgepflicht wahrnehmen.“
Auch die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) setzt eine Vielzahl von Maßnahmen, um betriebliche Gesundheitsförderung zu unterstützen (siehe Kasten) – und das Angebot wird von den Betrieben gerne genutzt. „Das BGF-Programm zählt zu den erfolgreichsten Angeboten der ÖGK: Fast 1.200 Betriebe in Österreich mit insgesamt 500.000 Arbeitsplätzen nutzen das BGF-Know-how der ÖGK auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit. Und das freiwillig, aus voller Überzeugung und ohne gesetzliche Verpflichtung“, erläutert Mag. Harald Schmadlbauer, Bereichsleiter Gesundheitsförderung der Österreichischen Gesundheitskasse. „Dabei sind die Motive, BGF zu nutzen, vielfältig und nicht auf die Senkung von Krankenständen beschränkt. Viele Betriebe wollen mit BGF auch die Firmenbindung ihrer Mitarbeitenden festigen, Fachkräfte halten, potenzielle Burn-out-Stolperdrähte kappen und die Motivation ihrer Teams schärfen. Kurzum: Sie wollen Gesundheit als ‚Werkzeug mit mächtigen Funktionen‘ für den gesamten Betrieb nutzen“, so Schmadlbauer.

Psychische Gesundheit im Fokus

„Die Maßnahme des Gesetzgebers, auch die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz zu evaluieren, hat sicherlich dazu geführt, dass zum einen generell die Bedeutung der Gesundheitsförderung nochmals zugenommen hat und zum anderen vermehrt Maßnahmen für die psychische Gesundheit gesetzt werden“, ist Palz überzeugt. Aus ihrer Sicht ist es wichtig, immer mit den Mitarbeitenden in Dialog zu sein. „So können Störfaktoren ermittelt und beseitigt werden. Daher ist es von großer Bedeutung, dass Führungskräfte zuhören können“, betont Palz.
Auch die Möglichkeit für flexibles Arbeiten unterstützt ihrer Meinung nach die psychische Gesundheit, denn während der eine die soziale Interaktion am Arbeitsplatz braucht, bevorzugt der andere zumindest ab und zu die Möglichkeit, sich ins Homeoffice oder an einen anderen Arbeitsplatz zurückzuziehen. Palz. „Es ist wichtig, dass jeder Mitarbeitende innerhalb gewisser Vorgaben selbst entscheiden kann, wie er den Arbeitsalltag für sich möglichst stressfrei gestalten kann. Denn jeder braucht etwas anderes und für jeden passt etwas anderes.“

Burn-out vorbeugen

„Die Entstehung eines Burn-outs ist nicht allein auf Überarbeitung zurückzuführen. Auch unstrukturierte Arbeitssituationen, die keine Sicherheit bieten, ein unangenehmes Arbeitsklima, mangelnde Fairness sowie zu wenig Lob, also positive Rückmeldungen, führen zu Energieverlust und begünstigen die Entstehung eines Burn-outs“, erläutert Musalek. „Im Gegensatz dazu bringt alles, was Freude macht, uns mehr Energie – und das ist arbeitsförderlich.“
Zur Burn-out-Prophylaxe empfiehlt der Experte unter anderem mehr Offenheit. „Burn-out entsteht nicht im Einzelnen, sondern in der Gemeinschaft. Falls Sie bei einem Kollegen/Mitarbeiter das Gefühl haben, dieser könnte sich in Richtung Burn-out bewegen, sollten Sie dies in einem Vieraugengespräch ansprechen. Dabei sollte es darum gehen herauszufinden, wie man das Problem gemeinsam lösen kann“, betont Musalek. Er ist generell davon überzeugt, dass wir uns von dem Modell, alles alleine schaffen zu müssen, verabschieden sollten: „Wir sind Gemeinschaftswesen und brauchen den Austausch – letztendlich ist es auch das Gefühl, gemeinsam etwas erreicht zu haben, das uns Freude bereitet.“

„Work“ und „Regeneration“ in Balance

Den Begriff „Work-Life-Balance“ findet Musalek furchtbar: „Arbeit findet ja nicht außerhalb des Lebens statt, sondern Arbeit strukturiert das Leben. Daher spreche ich lieber von ‚Work-Regenerations-Balance‘. Es geht darum, Arbeit in ein schönes Leben hineinzunehmen.
“Die Balance zwischen Arbeit und Freizeit ist gerade in Österreich ein wichtiges Thema, denn die Beschäftigten hierzulande sind Spitzenreiter in Bezug auf die Arbeitszeit, berichtet Streithofer: „Lange Arbeitszeiten – bis zu 12 Stunden täglich, also 60 Stunden die Woche – werden von vielen als anstrengend und belastend empfunden. Auch die ständige Erreichbarkeit sorgt für Druck und wird als problematisch erlebt. Umso wichtiger ist es, Zeit für Regeneration, für Familie und Freunde zu haben.“ Streithofer erklärt weiter, dass die Arbeitszeitflexibilisierung hier eine große Rolle spielt: „Neben Gleitzeit sollten Unternehmen auch über andere Arbeitszeitmodelle wie eine 4-Tage-Woche, einen Homeoffice-Tag in der Woche etc. nachdenken. Dabei ist es oft so, dass Unternehmen zwar grundsätzlich eine Arbeitszeitflexibilisierung wollen, aber darauf vergessen, die Mitarbeiter hier mitreden zu lassen. Dabei ist es ein wesentlicher Aspekt, dass die Beschäftigten ein Mitspracherecht haben. Das steigert die Zufriedenheit.“

Lang betont ebenfalls, dass die Digitalisierung mit der dadurch möglichen ständigen Erreichbarkeit die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit verschwimmen lässt: „Daher ist die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ein wichtiger Aspekt der BGF. In manchen Betrieben werden beispielsweise zwischen 19:00 und 7:00 Uhr keine E-Mails mehr zugestellt, um den Mitarbeitenden die nötigen Erholungszeiten zu ermöglichen. Auch flexible Arbeitszeiten und soziale Wertschätzung, in deren Rahmen auch das Privatleben anerkannt wird, sind wichtig. Es benötigt eine Balance von privaten und beruflichen Anforderungen. Dabei haben die Führungskräfte Vorbildfunktion.“Letzteres unterstreicht auch Schmadlbauer: „Gute BGF beginnt mit engagierten, überzeugten und sachlich sensibilisierten Führungskräften. Nur wenn die Chefs ein aktives und ehrliches Bemühen um die Gesundheit im Betrieb vorleben, werden auch die Mitarbeitenden der Idee folgen. Und nur dann kann eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur zu wachsen beginnen.“

 

 

 

Tipps für Ihre BGF

  • Greifen Sie bei den Maßnahmen der BGF auf innerbetriebliche Bedarfsanalysen (z.B. Gesundheitsbefragung, Ergebnisse der Arbeitsplatzevaluierung) zurück.
  • Analysieren Sie innerbetriebliche Stärken, Schwächen und Problemlagen. Nur wenn die Ausgangslage und die Ziele klar sind, können wirksame Maßnahmen für die Mitarbeitenden gesetzt werden.
  • Ziehen Sie die Arbeitsmedizin- und Sicherheitsfachkräfte des Unternehmens hinzu.
  • Erstellen Sie ein Programm, das zur Betriebskultur passt.
  • Setzen Sie sowohl verhältnis- als auch verhaltensorientierte Maßnahmen um.
  • Lassen Sie die Belegschaft mitbestimmen, z.B. über den Betriebsrat.
  • Stellen Sie klar, dass bei Erhebungen, die im Unternehmen durchgeführt werden, Datenschutz und Anonymität gewahrt werden.
  • Halten Sie regelmäßige Gesundheitszirkel für einen Austausch mit den Beschäftigten ab. So können Sie die BGF-Maßnahmen entsprechend anpassen und dafür sorgen, dass diese in die Strukturen übergehen.
AutorIn: Mag. Nicole Gerfertz-Schiefer

PA 01|2020

Herausgeber: Dr. Wolfgang Tüchler
Publikationsdatum: 2020-03-24