Epidemiologische Entwicklungen

In einer ersten chinesischen Arbeit von Guan et al. wurden 1.099 Patienten, welche im Zeitraum vom 11. 12. 2019 und 29. 1. 2020 einen positiven SARS-CoV- 2-Nasen/Rachenabstrich (Diagnostik mittels PCR) hatten, ausgewertet. Das mediane Alter betrug 47 Jahre und 42 % waren weiblich. Im Verlauf mussten 5 % auf die Intensivstation verlegt werden, 2,3 % wurden mechanisch beatmet und 1,4 % sind verstorben. Die Autoren suszipieren im „Real-world-Szenario“ jedoch eine noch niedrigere Case Fatality Rate, da oligosymptomatische Patienten ohne Inanspruchnahme einer medizinischen Leistung nicht in die Studie inkludiert wurden, wobei hier kritisch anzumerken ist, dass das untersuchte Patientenkollektiv hauptsächlich mittleren Alters war. An klinischen Faktoren trat Fieber zu Beginn bei 44 %, im Verlauf bei 89 % auf und Husten bei 68 %. Die mediane Inkubationszeit lag bei 4 Tagen. Das bei Aufnahme häufigste radiologische Feature war eine sogenannte Milchglastrübung bei 56 % im CT, laborchemisch traten bei 83 % eine Lymphopenie und bei 36 % eine Thrombopenie auf. Keine pathologisch veränderten bildgebenden Auffälligkeiten gab es bei 18 % der Patienten mit milden Verläufen und bei nur 3 % mit schwerem Verlauf.
In Italien sind mit Stand 13. 4. 2020 18.641 Todesfälle durch COVID-19 zu verzeichnen. 150.189 Menschen wurden positiv getestet, davon sind ganze 11 % im Gesundheitswesen tätig. Das mediane Alter lag bei 62 Jahren. Die Case Fatality Rate (CFR) beträgt in der Gruppe der 20–29-Jährigen 0,1 %, bei 30–39-Jährigen 0,4 %, 40–49-Jähri- gen 0,9 %, 50–59-Jährigen 2,5 %, 60–69-Jährigen 9,3 %, 70–79-Jährigen 23,8 %, 80–89-Jährigen 30,5 % und bei > 90-Jährigen 25 %. Von 53.342 ausgewerteten Fällen wurden 2,4 % als kritisch und 18 % mit schwerem Erkrankungsverlauf beschrieben. Diese Zahlen sind jedoch bei einer vermutlich hohen Dunkelziffer mit Vorsicht zu interpretieren. Die hohe CFR im Vergleich zu beispielsweise Deutschland dürfte dadurch bedingt sein, dass in Italien hauptsächlich schwerer erkrankte Menschen getestet werden, während Deutschland schon sehr früh viele oligosymptomatische Patienten erfasst hat.
Ein etwas detaillierterer italienischer Report des Istituto Superiore di Sanità mit Stand 9. 4. 2020 zeigte, dass über 70 % der Todesfälle in den Regionen Lombardei und Emilia-Romagna zu verzeichnen sind. Das mediane Alter der Verstorbenen war 80 Jahre und 33 % waren weiblich. Frauen hatten zum Todeszeitpunkt ein höheres mittleres Alter als Männer mit 83 Jahren respektive 78 Jahren. 1,2 % der Todesfälle waren unter 50 Jahre alt, davon 44 < 40 Jahren mit doppelt so vielen Männern wie Frauen. Bei 8 Verstorbenen < 40 Jahren konnte keine wesentliche Begleiterkrankung festgestellt werden. Bei 1.453 an COVID-19 verstorbenen, hospitalisierten Patienten konnten die Begleiterkrankungen erhoben werden. Durchschnittlich waren 3 Vorerkrankungen zu verzeichnen, während nur 3,5 % der Verstorbenen keinerlei Komorbidität aufwiesen. Am häufigsten zeigten sich eine arterielle Hypertonie (70 %), DM2 (32 %), ischämische Herzerkrankung (28 %), CNI (23 %), Vorhofflimmern (23 %) sowie COPD, Demenz, aktive Malignomerkrankung in den letzten 5 Jahren sowie Herzinsuffizienz mit jeweils ca. 15–18 %. Zum Zeitpunkt der Hospitalisierung hatten 76 % der verstorbenen Patienten Fieber, 72 % Dyspnoe, 38 % Husten und 6 % Diarrhoe. Bei 97 % war ein ARDS zu beobachten, gefolgt von ANV (23 %), Superinfektion (11 %) und „acute cardiac injury“ in 10 %. Die mediane Dauer vom Auftreten der Symptome bis zum Tod betrug 10 Tage. Die Zeitspanne von der Hospitalisierung bis hin zum Tod betrug bei Patienten mit ICU-Aufenthalt 7 Tage vs. 4 Tage ohne Behandlung in einer ICU. An therapeutischen Interventionen erhielten 84 % der Verstorbenen eine Antibiose, 55 % wurden antiviral behandelt und 33 % erhielten Cortison, in 20 % wurden alle 3 Substanzklassen verabreicht. In etwa 3 % wurden mit dem IL-6-Hemmer Tocilizumab behandelt.
Eine bisher noch nicht publizierte amerikanische Arbeit untersuchte Risikofaktoren der Hospitalisierung und kritischen Erkrankungsverläufe bei 4.103 an COVID- 19 erkrankten Patienten in New York City. Etwa die Hälfte wurde hospitalisiert. Von den 445 beatmeten Patienten verstarben 36 %. Die höchsten Risikofaktoren für eine Hospitalisierung waren ein Alter > 75 Jahren (OR = 66,8) und ein Alter 65–74 Jahre (OR = 10,9), BMI > 40 (OR = 6,2) sowie eine bestehende Herzinsuffizienz (OR = 4,3). Für einen kritischen Erkrankungsverlauf prädiktiv war eine Sauerstoffsättigung < 88 % (OR = 6,99) zum Zeitpunkt der Hospitalisierung, D-Dimer > 2.500 ng/ml (OR = 6,9), Ferritin > 2.500 ng/ml (OR = 6,9) und CRP > 200 mg/l (OR = 5,78).

Das schwere, akut auftretende Atemnotsyndrom wird also durch SARS-CoV- 2 verursacht. Primär kam es zu einer tierischen Infektion, in weiterer Folge wurden auch Menschen von infizierten Tieren angesteckt. Die für die weitere Ausbreitung verantwortliche Mensch-zu-Mensch-Übertragung von COVID-19 führte zu einer raschen internationalen Problematik. Dies machte die Behandlung der Infizierten und Isolation von anderen Patienten mit nahezu vollständigem Stillstand des öffentlichen Lebens, des Handels und der Industrie in der Mehrzahl der betroffenen Länder erforderlich. Ende Jänner 2020 wurden noch 7.734 Infektionen in China berichtet sowie weitere in 90 anderen Ländern (Taiwan, Thailand, Vietnam, Malaysia, Nepal, Sri Lanka, Kambodscha, Japan, Singapur, Korea, Vereinigte Arabische Emirate, USA, Philippinen, Indien, Australien, Kanada, Finnland, Frankreich & Deutschland). Da in China überhaupt nur schwer erkrankte Patienten auf COVID-19 getestet wurden, wird angenommen, dass initial eine weit größere Anzahl an Personen infiziert war. Diese wurden weder isoliert, noch suffizient abgeklärt, wodurch das Virus sich so schnell weiterverbreiten konnte (letztlich aufgrund der hohen Mobilität bzw. Migrationsbewegungen chinesischer Arbeitnehmer über die Staatsgrenzen von China hinaus). Die berechnete Todesfallrate lag zu diesem Zeitpunkt bei 2,2 % (170 von 7.824). Ende Februar waren bereits Fälle in 46 weiteren Ländern (exklusive China) beschrieben (WHO Situation, Report-38). Bezüglich der aktuellen Erkrankungszahlen, der Anzahl symptomloser, -armer sowie schwer symptomatischer, hospitalisierter Patienten muss auf die entsprechenden offiziellen Quellen (z. B. WHO, CDC, R. Koch Institut) verwiesen werden.

 

 

Übertragungswege

Die Infektion mit COVID-19 wird in erster Linie als eine aus dem Tierreich (Primärwirt: Fledermäuse, aber auch andere Arten) auf den Menschen übergesprungene Erkrankung (Zoonose) angesehen. Die Mensch-zu-Mensch-Transmission erfolgt bei nahen Kontakten analog zur Übertragung bei der früheren SARS- (2002/2003) und MERS-Erkrankung (2012). Hinsichtlich des wahrscheinlich häufigsten Weges einer Infektionsübertragung, nämlich jener als Aerosol- bzw. Tröpfcheninfektion (Nasensekret, Speichel), wird hier auf den pulmologischen/intensivmedizinischen Beitrag verwiesen, wo eine detaillierte Behandlung dieses Themas erfolgt. Weitere mögliche Infektionswege werden diskutiert (faecooral als Schmierinfektion). Gastroenteritische Beschwerden werden in einer begrenzten Anzahl von Fällen beobachtet; in ca. 2–10 % wurden in Faeces von diesen Patienten RNA-Bestandteile des COVID-19-Virus detektiert. Eine Übertragung über Blut bzw. Blutprodukte wurde bisher nicht beschrieben. Ebenso wurde eine diaplazentare/perinatale Übertragung im Rahmen von Schwangerschaften bisher nur selten beobachtet. Prinzipiell ist aber eine Infektion über andere Körpersekrete zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit letzter Sicherheit auszuschließen.

Für die Nachweisbarkeit auf Oberflächen und die entsprechende Virulenz werden unterschiedliche Zeiträume (wenige bis 48 Stunden) angegeben, letztlich hängt aber offenbar die Infektion über Oberflächen-/Schmierinfektion neben der Virendosis und Art des Trägers (Plastik länger als Karton) vom Bestehen eines feuchten Milieus ab; auf trockenen Oberflächen kann der Erreger zwar bis zu 48 Stunden nachgewiesen werden, scheint jedoch dann nicht mehr infektiös zu sein.

 

Literatur:
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-Rothan HA & Byrareddy SN. The epidemiology and pathogenesis of coronavirus disease (COVID-19) outbreak. J Autoimmun 2020. doi:10.1016/j.jaut.2020.102433
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-Wu Z & McGoogan JM. Characteristics of and Important Lessons From the Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Outbreak in China: Summary of a Report of 72 314 Cases From the Chinese Center for Disease Control and Prevention. JAMA 2020.Advance online publication. doi:10.1001/jama.2020.2648
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AutorIn: Michael Fillitz, Sabine Burger, Victor Rathkolb, Robert Spörk, Gülsah Sabirli-Gök, Lisa Obenaus, Peter Valent und Felix Keil

SO Covid-19

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser, Univ.-Prof. Dr. Markus Raderer
Publikationsdatum: 2020-05-19