Melanomvorsorge 4.0

Die rasante Digitalisierung und der Einzug der künstlichen Intelligenz (KI) (oder englisch: Artificial Intelligence [AI]) in allen Lebensbereichen führt auch zu neuen Möglichkeiten und Risiken in der Melanomvorsorge.

„Melanoma“ in den App-Stores

Für die Patientinnen, oder wie nun von den verschiedenen Gesundheitsbetrieben bezeichnet Konsumentinnen, stehen viele technische Hilfsmittel und Applikationen zur Verfügung. Sucht man zum Beispiel im App Store oder Google Store „Melanoma“ findet man über 20 verschiedene Apps, die sich mit Früherkennung des Melanoms, Verlaufskontrollen von Muttermalen und anderen Informationen zur Melanomvorsorge beschäftigen. Man kann im Internet auch für 80 US-Dollar ein Dermatoskop für ein Mobiltelefon kaufen und zu Hause auflichtmikroskopische Aufnahmen machen. Diese werden dann über eine teledermatologische Applikation zu Expertinnen zur Befundung übermittelt. Es gibt auch Applikationen, die eine automatisierte Einteilung in gutartige Läsion oder verdächtige Läsion anbieten. Diese Einteilung erfolgt durch verschiedene Algorithmen, die durch das sogenannte deep learning erstellt und ständig verbessert werden. Wird die Läsion als verdächtig eingestuft, wird auch bei einigen dieser Applikationen das klinische Bild zur Beurteilung zu Expertinnen geschickt. So hilfreich diese Applikationen auch im Einzelfall und für einzelne Hautläsionen sein mögen, können sie nicht eine Selbstuntersuchung ersetzen. Die Selbstuntersuchung und die Untersuchung der Haut von Partnerinnen und Angehörigen sind enorm wichtig, da mehr als die Hälfte der Melanome von Patientinnen oder Angehörigen entdeckt werden.1 Daher muss bei allen neuen technischen Möglichkeiten doch auch immer wieder darauf hingewiesen werden, welche Hautläsionen besondere Aufmerksamkeit verdienen. Hier ist weiterhin die ABCDE-Regel bedeutsam und einfach zu vermitteln: A steht für Asymmetrie, B für irreguläre Begrenzung, C für verschiedene Farben (Colorit), D für Durchmesser größer als 6 mm und E steht für Evolution, das heißt für Veränderungen in Größe, Farbe, Form, Struktur.
Sollte nun eine Läsion von den Konsumentinnen als bedenklich eingestuft und einer automatischen Analyse mit einer der vielen Apps zugeführt werden, ergeben sich sicherlich auch Risiken. Erstens haben alle Applikationen einen sehr niedrigen Schwellenwert zur Identifizierung von möglicherweise bösartigen Läsionen, da ja eine möglichst hohe Sensitivität angestrebt wird. So wird eine Vielzahl von sogenannten atypischen, dysplastischen, großen erworbenen Nävi oder Verrucae seborrhoicae als potentiell maligne eingestuft. Dies führt einerseits zu einer Verunsicherung der Konsumentinnen und andererseits auch zu einem Ansturm in die dermatologischen Praxen. Auch kann es zu einer schwierigen Situation für die Dermatologinnen kommen, da häufig eine Exzision der von der Applikation als suspekt eingestuften Läsion von den Patientinnen gewünscht wird. Hier bedarf es oft einiger Überzeugungsarbeit, um unnötige Exzisionen solcher Läsionen zu vermeiden. Zweitens können sich die Konsumentinnen, falls die Applikationen einen gutartigen Befund errechnet haben, in falscher Sicherheit wiegen. Die eine Läsion mag zwar gutartig sein, aber eine nicht bemerkte und daher auch nicht analysierte Läsion an einer anderen Körperstelle kann ein Melanom sein.
Für Patientinnen, die Hochrisikogruppen für die Melanomentwickung angehören, erscheinen die entwickelten Applikationen derzeit überhaupt nicht geeignet. Wie sollen Hunderte melanozytäre Nävi selbst untersucht werden? Für Patientinnen mit mehr als 100 melanozytären Nävi, Patientinnen mit multiplen atypischen, dysplastischen, großen erworbenen Nävi und für Patientinnen mit großen kongenitalen melanozytären Nävi bleibt die regelmäßige Kontrolle bei der Dermatologin alternativlos.

Dermatologische Vorsorgeuntersuchung

Aber auch bei der dermatologischen Vorsorgeuntersuchung schreiten die technischen Möglichkeiten rasant voran. Sicherlich bleiben die klinische und die auflichtmikroskopische Untersuchung des gesamten Körpers die Basis und der Standard einer gründlichen Melanomvorsorgeuntersuchung, aber die fotografische Dokumentation bekommt immer mehr Bedeutung. Hier können sowohl klinische Aufnahmen als auch dermatoskopische Aufnahmen durchgeführt werden. Die Palette der Geräte für klinische Aufnahmen reicht von der Kamera eines Smartphones über hochauflösende Videosysteme bis zu Geräten, die mehr als 20 hochauflösende Fotoapparate verwenden, um in zwei Sekunden eine Ganzkörperaufnahme zu machen und so eine dreidimensionale Darstellung der Patientin zu ermöglichen. Ebenso wird für die dermatoskopischen Aufnahmen von einzelnen Läsionen eine Vielzahl verschiedener Geräte angeboten. Auch hier gibt es spezielle Aufsätze für Mobiltelefone, digitale Kameras und Videosysteme, die speziell für die digitale Verlaufskontrolle von auflichtmikroskopischen Untersuchungen entwickelt wurden. Alle diese Systeme ermöglichen den Vergleich von zwei Aufnahmen desselben Nävus zu unterschiedlichen Zeitpunkten. So können auch geringe Veränderungen über einen Zeitraum von drei oder sechs Monaten oder länger objektiviert werden. Die meisten computergestützten Dermato­skopiesysteme bieten bereits eine auf künstlicher Intelligenz basierende automatisierte Beurteilung des wahrscheinlichen Malignitätsgrades an (Abb.). In verschiedenen wissenschaftlichen Studien zeigten sich die verwendeten Algorithmen im Vergleich mit Experten in der Einschätzung einer malignen oder benignen melanozytären Läsion als zumindest ebenbürtig.2 Neben der Beurteilung durch künstliche Intelligenz kann auch über verschiedene Applikationen leicht und sicher eine Zweitmeinung einer Expertin teledermatologisch eingeholt werden. Für diesen Zweck bietet die Universitätsklinik für Dermatologie der Medizinischen Universität Graz eine Webapplikation (https://mug.telederm.at) an, die derzeit kostenlos zur Verfügung steht.

 

 

Initiativen und Förderprogramme

Bei all den technischen Entwicklungen für die sekundäre Melanomprävention sollte nicht auf die primäre Prävention vergessen werden. Aktionen wie die von der ÖGDV (Österreichische Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie) und der Österreichischen Krebshilfe jährlich veranstaltete Aktion „Sonne ohne Reue“ oder Aufklärung in den Kindergärten und Schulen sind essentiell, um die Inzidenz und die Mortalität des Melanoms nachhaltig zu senken. Die Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie der Medizinischen Universität Graz führt im Rahmen des „talente-regional“ Förderprogrammes des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technik und der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) das Projekt „hautnah-Telehaut“ (http://www.hautnah-telehaut.at) durch. Hier wird Kindern in Volksschulen und in den Unterstufen der höheren Schulen spielerisch die Wichtigkeit des vernünftigen Umganges mit der Sonne nahegebracht. Außerdem wurden ein Computerspiel und eine teledermatologische Applikation für Kinder entwickelt, um mögliche verdächtige Läsionen in der Familie zu finden und zu einer Expertin zu schicken.

Resümee

Es ist zu hoffen, dass die neuen technischen Möglichkeiten in der primären und sekundären Prävention von Hautkrebs zu einer Senkung der Mortalität des Melanoms in den nächsten Jahren führen werden, da immer mehr Melanome in den durch eine einfache Exzision heilbaren Stadien von Patientinnen und Ärztinnen entdeckt werden.

1 Avilés-Izquierdo JA et al., Who detects melanoma? Impact of detection patterns on characteristics and prognosis of patients with melanoma.
2 Haenssle HA et al., Man against machine: diagnostic performance of a deep learning convolutional neural network for dermoscopic melanoma recognition in comparison to 58 dermatologists.

 

AutorIn: ao. Univ.-Prof. Dr. Rainer Hofmann-Wellenhof

Leiter der Forschungseinheit Teledermato­logie, Prävention und innovative diagnostische Verfahren in der Dermatoonkologie, Univ.-Klinik für Dermatologie, Medizinische Universität Graz


SO 01|2019

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski, Univ.-Prof. Dr. Markus Raderer
Publikationsdatum: 2019-02-21