Weltkrebstag am 4. Februar 2020

„In einem Umfeld von Restriktionen und Rationierungen ist der größte Conflict of Interest heutzutage eigentlich der, als Arzt für seine Patienten einzutreten.“ Mit sinngemäß diesen Worten hat Primarius Univ.-Prof. Dr. Richard Greil rezent einen Vortrag in Wien eingeleitet.
Allerdings haben wir in Österreich äußerst günstige Voraussetzungen. Primarius Greil: „Der Patient hat juristisch garantierte Rechte auf einen optimalen Zugang zur optimalen Behandlung. In Wahrheit ist es eine Arzt-Patienten-Entscheidung.“ Man muss derzeit davon ausgehen, dass jeder 2. Mann und jede 3. Frau im Laufe des Lebens an Krebs erkrankt, jeder 4. Mann und jede 5. Frau stirbt derzeit an Krebs. Es gibt keine Erkrankung mit einem größeren vorzeitigen Verlust von Lebensjahren. Es haben sich aber dramatische Veränderungen ergeben. Primarius Greil: „Wenn vor 40–50 Jahren weniger als 50 % aller Menschen mit neu diagnostizierten Krebserkrankungen 1 Jahr lang überlebten, so sind heute weniger als 1 % aller an Krebs erkrankten Menschen weniger als 1 Jahr lang am Leben.“
Aktuell sinkt die Krebssterblichkeit um etwa 1,8 % jährlich, wobei der größte Teil des Fortschritts dem Einsatz medikamentöser Therapien zu verdanken ist. Stand 2018 sollen sich 1.200 neue Onkologika in Entwicklung befinden, von denen ein Teil an die Oberfläche dringen wird.

Etwas, das zu denken geben kann, ist, dass sich Österreich von der sprichwörtlichen (oder auch tatsächlichen) Nr. 1 in Europa, was den raschen Zugang zu Medikamenten betrifft, weg entwickelt. Wenn es in den frühen 2000er Jahren nur 88 Tage gedauert hat, bis ein zugelassenes Medikament für Patienten refundiert zugänglich war, so ist diese Zeitspanne in den Jahren 2014–2016 auf 329 Tage angewachsen. Diese Zahlen suggerieren einen Rückgang von Platz 1 auf Platz 8 (hinter Großbritannien). Primarius Greil: „Wenn man dazurechnet, dass die EMA Medikamente etwa ein Jahr nach der FDA zulässt, kommt man auf zwei Jahre Verzögerung für Innovationen, was durchaus relevant ist und zum Schluss führt, dass nur die Teilnahme an Studien die gute Position Österreichs im onkologischen Bereich wahren lässt.“ Es gibt in ganz Österreich eine umfangreiche Anwendung neuer Substanzen in Studien, und zwar lange vor der Anwendung in der klinischen Praxis und damit einer Budgetierung über die verschiedenen Träger. In Salzburg soll dieser Gegenwert an Medikamenten im Rahmen klinischer Studien in den Jahren 2003–2019 über 81 Millionen Euro betragen haben und innerhalb der AGMT in den Jahren 2008–2017 rund 45 Millionen Euro.
Wir haben den Weltkrebstag 2020 als Anlass genommen, um Presseaussendungen onkologischer Zentren zu sammeln und damit auf aktuelle Leistungen und Herausforderungen hinzuweisen. Wir möchten bei dieser Gelegenheit die Vision der Initiative „Wir besiegen Krebs.at“ in den Mittelpunkt stellen, nämlich dass im Jahr 2050 in Österreich niemand mehr an Krebs sterben soll.

„Wir besiegen Krebs.at“

„Im Jahr 2050 soll in Österreich niemand mehr an Krebs sterben“, lautet die Vision der Initiative „Wir besiegen Krebs. at“ des Salzburg Cancer Research Institutes. Primarius Univ.-Prof. Dr. Richard Greil, Leiter der III. Medizinischen Universitätsklinik Salzburg, zieht zum Weltkrebstag eine Bilanz.

Rückgang der Krebssterblichkeit

„Eine rezente Analyse der Entwicklung der Krebssterblichkeit in den USA hat ergeben, dass für die 10 Jahre zwischen 2008 und 2017 die Krebsmortalität für alle Krebserkrankungen zusammen um 1,5 % pro Jahr in den USA zurückgegangen ist, für die Summe aller anderen Todesursachen aber gleichgeblieben ist“, erklärt Professor Greil. „Für die Jahre 2013 bis 2017 war die stärkste Verminderung im Bereich des nichtkleinzelligen Bronchialkarzinoms mit ca. 5 % pro Jahr bei Männern und ca. 4 % bei Frauen gegeben.“ Dies war die stärkste jemals beobachtete jährliche Verbesserung. Bei Patienten mit Melanomen war eine Abnahme um 7 % pro Jahr zu vermerken.
Diese Entwicklung war insbesondere auch bei Patienten in einem Alter von über 65 Jahren zu beobachten, die historisch zu den am stärksten diskriminierten Patienten gehören. Im Vergleich verlangsamte sich in den USA die Abnahme der kardialen Mortalität, die Mortalität für zerebrale Gefäßereignisse blieb gleich und die Mortalität durch Alzheimer nahm deutlich zu. Krebsbehandlung ist also zunehmend und überproportional erfolgreich.

Erfolgreiche medikamentöse Tumortherapien

Die erzielten Fortschritte in der Abnahme der Krebssterblichkeit sind zum überwiegenden Anteil auf die sehr raschen Fortschritte im Verständnis der Biologie der Tumorerkrankungen, insbesondere die genetischen Mechanismen und die Tumorvermittelten Immunsystem-Unterdrückungen, zurückzuführen. Auf dieser Basis werden mit großer Geschwindigkeit neue Medikamente der Präzisionsmedizin sowie der Immuntherapie entwickelt.

Schneller Zugang zu wirksamer Therapie ist essentiell

„Angesichts der hohen Erfolgsrate medikamentöser Tumortherapien ist es entscheidend, dass Patienten den schnellstmöglichen Zugang zu wirksamen Krebstherapien erhalten“, betont Professor Greil. Dies ist insbesondere über klinische Krebsstudien möglich. Am Salzburg Cancer Research Institute-Center for Clinical Cancer and Immunology Trials (SCRI- CCCIT) bzw. an der III. Medizinischen Universitätsklinik Salzburg stehen pro Zeiteinheit ca. 90 Studien und Register-Programme offen. Im Jahr 2019 wurden 23 völlig neue Substanzen in die Testung eingeführt, wobei neue Substanzen der vorangegangenen Jahre auf Grund der Laufdauer der Studien parallel weitergeführt wurden. Dabei konnten im Bereich der Immuntherapien Erkrankungen wie Melanome, Bronchialkarzinome und Urothelkarzinome zwischen 600 und 1.100 Tagen vor der Zulassung von Immunmodulatoren durch die EMA mit neuen Medikamenten behandelt werden. Ähnliches gilt für Medikamente der Präzisionsmedizin, die in diesen Programmen beim Bronchialkarzinom, Melanom, bei lymphatischer und myeloischer Leukämie sowie bei Myelomen oft mehrere Jahre bis zu maximal 1.800 Tage vor der europäischen Zulassung zum Einsatz kamen. Dies betrifft insbesondere auch Untersuchungen, in denen unabhängig von der Art der Krebserkrankung in Basket-Studien bestimmte Treibermutationen konterkariert werden. „Dabei haben Patienten am SCRI-CCCIT und der III. Medizinischen Universitätsklinik zum Teil als erste Patienten in Europa Zugang zu neuen Medikamenten erhalten“, so Professor Greil. Dieser Vorteil von Studienpatienten verbessert sich weiter, wenn man bedenkt, dass es zwischen der EMA-Zulassung und der Abrechenbarkeit erfolgreicher Medikamente in Österreich deutlich mehr als 1 Jahr dauern kann und dass weltweit Patienten in hoch studienaktiven Institutionen grundsätzlich bessere Erfolgswahrscheinlichkeiten haben als in Einrichtungen mit geringer oder keiner Studienaktivität. Der Zugang zu erfolgreichen Therapien kann sich daher um viele Jahre unterscheiden. Umso wichtiger ist es daher, dass österreichischen Krebspatienten ein sehr rascher Zugang zu neuen Krebsmedikamenten – zumindest nach erfolgter Zulassung durch die EMA – garantiert bleibt und die Anwendbarkeit nicht weiter verzögert wird, was massive Nachteile für die österreichische Krebsmedizin und ihre Position zugunsten der Patienten bedeuten würde. Die Kostenanteile der gesamten Krebsmedizin unter Inklusion aller Therapieverfahren machen seit Jahrzehnten stabil nur knapp 6 % aller Gesundheitskosten aus – und rezent die Krebsmedikamente knapp 1 % –, obwohl jeder 2. Mann und jede 3. Frau im Laufe des Lebens an Krebs erkranken.
Die Krebsmedizin ist auf Grund aller Kenndaten in Österreich sehr gut finanzierbar. Umso wichtiger bleibt der rasche Zugang zur bestmöglichen Medizin mit allen auch wirtschaftlich vorteilhaften Konsequenzen für Patienten, Familie und Gesellschaft.

Nach Vortrag von: Prim. Univ.-Prof. Dr. Richard Greil

Universitätsklinik für Innere Medizin III Salzburg und Salzburg Cancer Research Institute


Redaktion: Gerhard Kahlhammer, Mag. Sandra Standhartinger, Dr. Katharina Ostermann

SO 01|2020

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser, Univ.-Prof. Dr. Markus Raderer
Publikationsdatum: 2020-02-25