Vorwort zum Focusthema Blasenkarzinom

Sehr geehrte Kolleginnen, sehr geehrte Kollegen!

Nach Jahren des Stillstandes haben die jüngsten Entwicklungen der therapeutischen Optionen für das Urothelkarzinom den Stellenwert der Uroonkologie stark hervorgehoben.
Für die Zukunft sind neue Paradigmenwechsel zu erwarten, die sicherlich das Überleben der Patienten mit fortgeschrittenem Karzinom des Harntraktes verbessern werden.

Das Team um Professor Schmitz-Dräger aus Nürnberg beleuchtet die Behandlungsstandards des nichtmuskelinvasiven Blasenkarzinoms. Der hohe Evidenzlevel der perioperativen und adjuvanten Instillationstherapie ist beispiellos. Es laufen allerdings mehrere Studien, um das Ansprechen der Instillationstherapie zu steigern und die assoziierten Nebenwirkungen zu minimieren. Die Ansätze kombinieren unter anderem die lokale Immuntherapie durch BCG mit der systemischen Gabe von Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICI). Letztlich soll die Senkung des Rezidiv- und Progressionsrisiko den Harnblasen­erhalt fördern.

Bei Progression zum muskelinvasiven Blasenkarzinom ist die radikale Zystektomie die unangefochtene Therapie der Wahl. Dennoch rezidivieren 50 % der operierten Patienten, und die 5-Jahres-Überlebensrate bei lokal fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung liegt bei 15 %. Das Gesamtüberleben kann durch eine neoadjuvante cisplatinbasierte Chemotherapie verbessert werden, die durch die Leitlinien empfohlen wird. Die Zielpopulation mit Urothelkarzinom besteht aber meist aus älteren, multimorbiden Patienten, die eine cisplatinhaltige Chemotherapie wegen der hohen Toxizität nicht erhalten kann.

Dr. Szabados vom Barts Cancer Institute in London beleuchtet die vielversprechenden Ergebnisse der beiden Phase-II-Studien zum neoadjuvanten Einsatz der deutlich besser verträglichen Immun-Checkpoint-Therapien (ICI) bei cisplatin­ungeeigneten Patienten. Ferner stellt sie laufende Studien dar, die mit dem Ziel der pathologischen kompletten Remission mehrere neoadjuvante Kombinationsansätze untersuchen.

Die bevorzugte Erstlinientherapie der metastasierten Erkrankung ist seit Jahrzehnten die Kombinationschemotherapie mit platinhaltigen Wirkstoffen. Die Plethora an neuen Substanzen für die Behandlung des metastasierten Blasenkarzinoms hat insbesondere das Angebot für cisplatinungeeignete Patienten deutlich verbessert. Die neueste Änderung betrifft in unmittelbarer Zukunft aber sicherlich das Vorgehen nach der Erstlinienbehandlung.

Prim. Dr. Loidl aus dem Ordensklinikum in Linz stellt unter anderem den anstehenden Paradigmenwechsel mit dem Einsatz von ICI als Erhaltungstherapie nach der Chemotherapie vor.
Somit kann potenziell Patienten der Zugang zu einer Immuntherapie ermöglicht werden, wie Privatdozentin Dr. Pichler, Universitätsklinik für Urologie, Innsbruck, in ihrem Beitrag betont. Hier wird auch die sinkende Wertigkeit des PD-L1-Markers bei allen Indikationen des Urothelkarzinoms einleuchtend erklärt.
Die zielgerichtete medikamentöse Therapie anhand molekulargenetischer Biomarker wird von Privatdozent Dr. Schulz und Professor Dr. Stief der LMU in München anhand des Karzinoms des oberen Harntraktes vorgestellt.
Ferner zeigt die molekulare Subtypisierung des Urothelkarzinoms Unterschiede bei Blasenkrebs und Krebs des oberen Harntraktes in Hinblick auf das Ansprechen der heute gängigen Therapien und stellt eine neue Sichtweise dar, die möglicherweise in Zukunft klinische Relevanz erlangen wird.

Zusammenfassend lässt sich hervorheben, dass die Systemtherapie des Urothelkarzinoms weiter an Komplexität, aber auch an Relevanz gewinnen wird und uns Urologen immer mehr herausfordern wird.

AutorIn: OÄ Dr. med. Jozefina Casuscelli, FEBU

Leiterin der Uro-onkologischen Tagesklinik, Urologische Klinik und Poliklinik, LMU Klinikum der Universität, München

Foto: Andreas Steeger


SU 03|2020

Herausgeber: Dr. Karl Dorfinger, Prim. Dr. Wolfgang Loidl
Publikationsdatum: 2020-09-29