Insektengiftallergien: Forschung, die Leben rettet

Insektenstiche sind die häufigste Ursache für anaphylaktische Reaktionen im Erwachsenenalter und sind somit eine bedeutende Ursache von Morbidität und Mortalität. Relevante Insekten in unserem Breiten sind Hymenopteren (Hautflügler), in erster Linie Bienen, Wespen und Hornissen. Zur Symptombehandlung stehen Adrenalinautoinjektoren, Antihistaminika und Glukokortikoide zur Verfügung, welche von Betroffenen in Form eines Notfallsets mitgeführt werden. Die einzige kausale Therapie stellt die seit Jahrzehnten bewährte subkutane spezifische Immuntherapie mit Insektengift (VIT, „venom immunotherapy“) dar, welche 95 % der behandelten Wespengiftallergiker bzw. 85 % der Bienengiftallergiker vor weiteren systemischen Stichreaktionen schützen kann.

Moderne Diagnostik

In der Spezialambulanz für Insektengiftallergien werden jährlich etwa 300 Patienten mit suspekten allergischen Insektenstichreaktionen abgeklärt. Nach einem ersten Anamnesegespräch erfolgen Hauttestungen mit verdünnten Bienen-und Wespengiftextrakten und eine weiterführende Labordiagnostik. Diese umfasst nicht nur die Bestimmung von spezifischen IgE-Antikörpern gegen Extrakte von Bienen- und Wespengift, sondern auch eine molekulare Diagnostik, mit welcher IgE-Antikörper gegen einzelne Allergenkomponenten des jeweiligen Gifts gemessen werden können. Für Spezialfälle steht auch der Basophilenaktivierungstest (BAT) zur Verfügung. Mit diesem Testverfahren erfolgt eine In-vitro-Provokation von basophilen Granulozyten mit Bienen-und Wespengift. Eine durchfluss- zytometrische Messung des Oberflächenproteins CD63 kann dann in weiterer Folge eine Basophilen- Aktivierung bestätigen. In einer rezenten Publikation konnten wir den Nutzen dieser Methode zur Differenzierung asymptomatischer Sensibilisierungen bei doppelsensibilisierten Patienten (Patienten mit positivem Ergebnis für Bienen-und Wespengift im ImmunoCAP und im Hauttest) zeigen und somit viele unnötige Doppeltherapien mit Bienen- und Wespengift vermeiden.1 Ein weiterer wichtiger Einsatzbereich des BAT ist der Sensibilisierungsnachweis bei oft hochgradigen Insektengiftallergikern, die sowohl in herkömmlichen IgE-Nachweismethoden als auch in der Hauttestung negative Ergebnisse aufweisen.2

Patientenschulung

Die Patientenschulung umfasst die Aufklärung über Expositionsrisiken, das Verhalten im Falle eines neuerlichen Stichereignisses und die richtige Anwendung des Notfallsets. In einer aktuell laufenden Studie untersuchen wir den Erfolg üblicher Notfallset-Schulungen und vergleichen diesen mit dem Ergebnis intensivierter und regelmäßig wiederholter Schulungen. Ein weiterer und nicht zu unterschätzender Aspekt dieser Studie ist auch die Quantifizierung der Einschränkung der Lebensqualität der Patienten durch die Diagnose der Insektengiftallergie.

Spezifische Immuntherapie

Zur Einleitung der spezifischen Immuntherapie mit Insektengift bieten wir unseren Patienten frei wählbar eine ambulante, eine tagesklinische (Cluster-) und eine stationäre (Rush-) „Aufimpfung“ an. Die konventionelle ambulante Einleitung umfasste bisher 15 Injektionen im Wochenabstand. Da es den Patienten aus zeitlichen und beruflichen Gründen immer öfter schwerfällt, sich so häufig bzw., wie beim Cluster- und Rush- Schema, ganze Tage frei zu nehmen, entwickelten wir ein verkürztes ambulantes Einleitungsschema. Dieses umfasst anstatt der üblichen 15 Injektionen nur mehr 8 Injektionen im Wochenabstand. Für die VIT mit Wespengift konnten wir bereits zeigen, dass dieses Schema sowohl effizient als auch sicher ist.3 Eine noch laufende Studie überprüft dies nun auch für die VIT mit Bienengift.
Bei Spezialfragestellungen in der Routine, z. B. zur Überprüfung des „Impfschutzes“ bei Imkern nach Einleitung der VIT, oder für wissenschaftliche Zwecke haben wir auch die Möglichkeit, Stichprovokationen mit lebenden Insekten durchzuführen. Die Patienten werden dazu tagesklinisch aufgenommen und unter Monitorkontrolle und in Notfallbereitschaft von einer lebenden Biene oder Wespe am Unterarm gestochen. Damit konnte zum Beispiel in einer Studie gezeigt werden, dass Allergiker bereits 1 Woche nach Erreichen der Erhaltungsdosis der VIT vor neuerlichen Anaphylaxien geschützt sind.3

Wissenschaftliche Kooperationen

Wir sind ein Referenzzentrum für Insektengiftallergien für den Süden Österreichs. Zusätzlich zur Patientenbetreuung erfolgen wissenschaftliche Kooperationen in enger Zusammenarbeit mit anderen Zentren, vor allem im Rahmen der EAACI (European Academy of Allergy and Clinical Immunology). Unter Leitung von Herrn Assoz. Prof. DDr. Gunter Sturm wurde ein europaweites, multizentrisches Projekt initiiert, in welchem untersucht wird, ob eine antihypertensive Begleitmedikation (Betablocker, ACE-Hemmer) Einfluss auf den Schweregrad von Anaphylaxien oder Nebenwirkungen der VIT hat. Die ersten Daten dieser Studie mit mehr als 1.300 eingeschlossenen Patienten konnten beim EAACI-Kongress 2019 in Lissabon vorgestellt werden.

Fazit

Mit einer Prävalenz von 3,3–7,5 %4, 5 stellt die Insektengiftallergie ein bedeutendes Risiko für potenziell lebensbedrohliche Reaktionen dar und führt zu einer nicht zu vernachlässigenden Einschränkung der Lebensqualität betroffener Patienten. Umso wichtiger ist es auch, wissenschaftlich an der Verbesserung diagnostischer Methoden und der therapeutischen Versorgung dieser Patientengruppe mitzuwirken.

 

1Bokanovic D et al., J Allergy Clin Immunol Pract 2020; 8(1):392–394.e5
2Korosec P et al., Clin Exp Allergy 2009; 39(11):1730–7
3Schrautzer C et al., Allergy 2019; DOI: 10.1111/all.14012. [Epub ahead of print]
4Bokanovic D et al., Allergy 2011; 66(10):1395–6
5Bilo BM et al., Allergy 2005; 60(11):1339–49
AutorIn: Ass. Dr. Urban Cerpes

Universitätsklinik für Dermatologie und ­Venerologie, ­Medizinische ­Universität Graz


AutorIn: Univ.-Ass. Dr. Danijela Bokanovic

Leiterin der Ambulanz für Insektengiftallergien, Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie, Medizinische Universität Graz


SD 01|2020

Herausgeber: Ao. Univ.-Prof. Dr. Christoph Höller, Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Constanze Jonak, Ao. Univ.-Prof. Dr. Rainer Kunstfeld, Universitätsklinikfür Dermatologie, Wien; Univ.-Prof. Dr. Hubert Pehamberger, Wien
Publikationsdatum: 2020-04-03