„Harmlose“ Substanzen und ihre Folgen: Epidemiologie der Kontaktsensibilisierungen

Zu den häufigsten Erkrankungen zählen die Kontaktallergien, besonders die hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes vielfältigen Krankheitsbilder der Kontaktekzeme. Fast 20 % der Bevölkerung sind zumindest im deutschsprachigen Europa gegen mindestens einen der geläufigen Allergieauslöser sensibilisiert. Da Kontaktekzeme in nahezu allen Altersstufen vorkommen und als einer der häufigsten Gründe für eine Berufskrankheiten-Meldung einen hohen sozioökonomischen Stellenwert haben, können sie mit Recht als „Volkskrankheit“ betitelt werden, die für die Betroffenen eine deutliche Einschränkung im privaten und beruflichen Bereich darstellt.

Kontakt mit dem (Un-)Bekannten: Die Bevölkerung in den sogenannten Industriestaaten („Western-Lifestyle“) hat mit einer hohen Anzahl (Schätzungen besagen bis zu 50.000) chemisch definierter Substanzen mehr oder weniger regelmäßig einen klinisch unauffälligen Haut- oder Schleimhautkontakt, doch ca. 4.400 Substanzen sind aktuell als Auslöser allergischer Hautreaktionen identifiziert und in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben. Diese Substanzen sind zumeist an sich harmlose, synthetische wie auch natürliche Inhaltsstoffe berufsbezogener (Haarfarben, Klebstoffe, Kühlschmierstoffe, Wandfarben etc.) und alltäglicher (Konsum-)Güter (Hautpflege- und Reinigungsmittel, Parfums, Kunstnägel, Textilien etc.), die allerdings bei entsprechend sensibilisierten Personen zu teils erheblichen Problemen führen können.

Epidemiologische Forschungsansätze

Zur Erforschung epidemiologisch bedeutsamer Faktoren wurden bereits 1992 und 1993 an 14 Testzentren in Österreich Patienten mit Kontaktekzemen mittels einer eigens zusammengestellten landesspezifischen Standardserie getestet, und es konnten erstmals 11.690 Patienten an der neu geschaffenen Abteilung für Umweltdermatologie mit Schwerpunkt Allergologie zentral in Graz ausgewertet werden. Auf dieser Basis konnte sich Graz im Folgejahr – als erste Klinik außerhalb Deutschlands – dem multizentrischen, 1988 gegründeten Projekt IVDK (Informationsverbund Dermatologischer Kliniken), an dem aktuell 58 Hautkliniken und Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligt sind (Abb. 1), anschließen. Dieser Forschungsverbund hat die epidemiologische Erforschung relevanter beruflicher wie individueller Faktoren der Kontaktallergien zum Ziel. Die bei der Diagnostik gewonnenen Daten (u. a. anamnestische Angaben zum Beruf, vermutete Kontaktstoffkategorien, getestete Serien mit den entsprechenden Epikutantestergebnissen, Relevanzbeurteilungen) werden zentral in einem Register erfasst. Dabei werden halbjährlich Daten der Partnerkliniken an die Zentrale gesendet. Der so kontinuierlich wachsende Datenbestand umfasst mittlerweile die Daten von beinahe 300.000 Testpatienten. Damit lassen sich mittels EDV-gestützter Analysen Risikofaktoren für bestimmte Berufe oder bestimmte Expositionen identifizieren und quantifizieren. Ebenso besteht die Möglichkeit eines Monitorings, um geeignete Testkonzentrationen und die epidemiologische Bedeutung neuer Kontaktallergene zu ermitteln.

 

 

Wissenschaftliche Schwerpunktthemen und Ergebnisse

Der Forschungsschwerpunkt „Kontaktekzeme“ erbrachte wissenschaftlich mehrere Erstbeschreibungen von Kontaktallergenen (u. a. N-cocospropylenediamine-ammonium borate in der Desinfektion, Solvent Yellow 146 in Farbmarkern, Iodpropinylbutylcarbamat in Feuchtpapier, Nickel in Euro-Münzen etc.) und wichtige epidemiologische Arbeiten über die Häufigkeit auch medikamentöser Spättypallergene (u. a. Bufexamac, Heparine und Heparinoide). Durch die Kooperation im IVDK ergaben und ergeben sich viele Forschungsprojekte und Publikationen, beispielsweise über die allergologische Bedeutung bestimmter Epoxidharzkomponenten, Haarfarben, Konservierungsmittel und neuer Allergene. Darüber hinaus konnte Material zur Analyse von Genpolymorphismen bei kontaktallergischen Patienten zur Verfügung gestellt werden, sodass durch die multizentrische Zusammenarbeit ein erhöhtes Risiko für Kontaktallergien mit Polymorphismen der kodierenden Gene u. a. für die N-Acetyltransferase (NAT1 und 2) identifiziert werden konnte.
Folgende Stoffe können in Österreich aktuell als bedeutsame Auslöser für allergische Kontaktekzeme identifiziert werden (Abb. 2):

  • Berufsstoffe (Epoxidharze, Kaliumdichromat, Methylmethacrylate, MCI/MI)
  • Duftstoffe (Eugenol, Linalool, Perubalsam, Zimtaldehyd, Zimtalkohol)
  • Emulgatoren (Wollwachsalkohole (Lanolin, Amerchol L 101), Cetylstearylalkohol)
  • Farbstoffe (Para-Phenylendiamin, Para-Toluylendiamin, Resorcinol)
  • Konservierungsmittel (Parabene, MI, MCI/MI)
  • lokal angewandte Antibiotika (Gentamycin, Neomycin)
  • Metallsalze: Nickelsulfat, Kaliumdichromat, Kobaltchlorid, Palladiumchlorid
  • Naturprodukte (ätherische Öle, Propolis)
Literatur beim Verfasser

 

AutorIn: Ao. Univ.-Prof. Dr. Birger Kränke

Leiter der Allergieambulanz Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie, Medizinische Universität Graz


SD 01|2020

Herausgeber: Ao. Univ.-Prof. Dr. Christoph Höller, Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Constanze Jonak, Ao. Univ.-Prof. Dr. Rainer Kunstfeld, Universitätsklinikfür Dermatologie, Wien; Univ.-Prof. Dr. Hubert Pehamberger, Wien
Publikationsdatum: 2020-04-03