10 Jahre CIRSmedical in Österreich

UNIVERSUM INNERE MEDIZIN: Wozu brauchen wir Berichts- und Lernsysteme wie CIRSmedical?

Dr. Artur Wechselberger: Berichts- und Lernsysteme bieten im Sinne einer nachhaltigen Qualitätspolitik umfassende Möglichkeiten, Zwischenfälle systematisch zu analysieren. Ziel solcher Systeme ist es, allen Beschäftigten im Gesundheitswesen – und im Falle von CIRSmedical auch Patienten – die Möglichkeit zu bieten, Fehler, Beinahe-Schäden, entdeckte Risiken sowie kritische bzw. unerwünschte Ereignisse absolut anonym, unbürokratisch und sanktionsfrei berichten zu können. Um nicht nur die Qualität in der Gesundheitsversorgung weiter voranzutreiben, sondern insbesondere auch einen Beitrag zur Sicherheitskultur im Österreichischen Gesundheitssystem zu leisten, hat die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) im Jahr 2009 das anonyme Fehlerberichts- und Lernsystem www.cirsmedical.at in Österreich implementiert und die ÖQMED (Österreichische Gesellschaft für Qualitätssicherung & Qualitätsmanagement in der Medizin GmbH), eine 100%ige Tochtergesellschaft der ÖÄK, mit der operativen Umsetzung beauftragt.

Was kann/soll auf CIRSmedical berichtet werden?

Sämtliche unerwünschte Ereignisse, Beinahe-Fehler und Fehler können absolut anonym unter „www.cirsmedical.at – Vorfall berichten“ eingegeben werden. Ziel ist es, Beiträge zu melden, aus welchen Kollegen lernen können, um gleiche Fehler zu vermeiden.

Wer kann berichten?

Ursprünglich richtete sich CIRSmedical – wie andere Fehlerberichts- und Lernsysteme noch heute – ausschließlich an Berufsangehörige im Gesundheitswesen. Seit rund 2 Jahren haben auch Patienten die Möglichkeit, relevante Beobachtungen, welche zu Prozessoptimierungen oder -verbesserungen führen können, in CIRSmedical zu berichten.

Wie soll ein solcher Bericht aufgebaut sein?

Die Eingabemaske von CIRSmedical beinhaltet lediglich das Pflichtfeld „Was ist passiert (Fallbeschreibung)?“ – wird dieses Feld nicht ausgefüllt, kann der Bericht nicht übermittelt werden. Gemäß dem Regelwerk von CIRSmedical, welches mit Vertretern des Bundesministeriums für Gesundheit, Patientenvertretern, dem Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen (BIQG), dem Österreichischen Gesunden- und Krankenpflegeverband sowie der ÖÄK und der ÖQMED definiert wurde, werden Berichte mit unzureichendem Lern­effekt (sachlich, inhaltlich nicht relevante Meldungen oder Beschwerden) oder Berichte, die Beschimpfungen, Beleidigungen oder vorsätzlich herbeigeführte sicherheitsrelevante Ereignisse beinhalten, unwiderruflich gelöscht.

Was passiert mit dem Bericht nach Erhalt?

Sobald ein Beitrag von einem Melder abgesendet wurde, vergibt das System automatisch eine Fallnummer, um den aktuellen Stand des Beitrags (in Bearbeitung, gelöscht, veröffentlicht) abrufen zu können. Diese Fallnummer wird zeitgleich per E-Mail an die ÖQMED übermittelt, um den Prozess anzustoßen.
Bei sämtlichen Berichten oder Leserkommentaren wird automatisch durch das System die IP-Adresse unwiderruflich gelöscht. Nach eventuell notwendiger redaktioneller Anonymisierung und Abstrahierung des Beitrags in der ÖQMED prüft eine interne Projektgruppe die Inhalte und gibt das weitere Vorgehen bis zur Veröffentlichung bzw. Löschung des Berichts bekannt. Sollte eine Analyse des Berichts erforderlich sein, wird dieser an einen fachspezifischen Experten zur Erstellung einer Stellungnahme weitergeleitet. Nach Erhalt der Expertise wird diese mit dem Bericht an das BIQG zur Prozessfreigabe weitergeleitet. Erst nach deren Freigabe werden die Berichte unter „www.cirsmedical.at – Berichte lesen & kommentieren“ unter der jeweiligen Fallnummer veröffentlicht. Da es sich bei CIRSmedical um ein absolut anonymes System handelt, ist eine Registrierung weder zur Berichtsmeldung noch zum Nachlesen eines Ereignisses erforderlich.

Es gibt auch hausinterne Systeme: Was versteht man darunter?

CIRSmedical bietet Organisationen im Österreichischen Gesundheitswesen, unabhängig davon, ob Krankenhäuser, Rettungsorganisationen oder Pflegeeinrichtungen, die Möglichkeit, ein Duplikat von CIRSmedical zu implementieren, um Mitarbeitern ein geschlossenes, nur hausintern einsehbares und ebenfalls anonymes System zur Verfügung zu stellen. Vorteile einer hausinternen Meldegruppe ergeben sich daraus, dass Ursachen für relevante Ereignisse rasch identifiziert werden können, da diese im Haus vorgefallen sind; das interne Risikomanagement wird verstärkt, geeignete Maßnahmen können schnell und gezielt getroffen und die hausinternen Leitlinien dahingehend angepasst werden. Dadurch wird die Patienten- und Mitarbeitersicherheit erhöht, die Option wird derzeit von 22 Organisationen in Österreich genutzt.

Wie wird CIRSmedical in Österreich angenommen?

CIRSmedical hat in den letzten Jahren stark an Bekanntheit und Akzeptanz gewonnen. Insgesamt wurden seit November 2009 knapp 650 Berichte und über 510 Leserkommentare auf www.cirsmedical.at veröffentlicht. Dies entspricht rund 5 Berichten und 4 Leserkommentaren pro Monat. Um aus Fehlern zu lernen, wurde die Seite im genannten Zeitraum über 495.000-mal aufgerufen – das entspricht über 4.000 Aufrufen pro Monat.

Am häufigsten berichten Ärzte in CIRSmedical (> 50 %), gefolgt von Pflegepersonen (21 %). Weiters berichten Sanitäter, Angehörige der medizinisch-technischen Dienste und andere Gesundheitsberufe wie Apotheker oder Medizinstudenten. Derzeit wurden unter www.cirsmedical.at mit knapp 50 % mehr Ereignisse aus dem intramuralen Bereich gemeldet.

Wie hat sich CIRSmedical in den 10 Jahren seit der Einführung entwickelt?

CIRSmedical braucht im hektischen Alltag Erinnerung. Monatlich informiert ein Newsletter über neu veröffentlichte Berichte und Leserkommentare, wonach eine Zugriffssteigerung sowie ein Anstieg der neu gemeldeten Berichte und Leserkommentare verzeichnet werden kann. Aus persönlichen Gesprächen wissen wir, dass CIRSmedical eine hohe Akzeptanz bei allen Beschäftigten im Gesundheitswesen genießt.

Mit einer Zugriffssteigerung von 62 % im Jahr 2017 auf 2018 wurden die meisten Zugriffe seit Implementierung von CIRSmedical verzeichnet. In diesem Jahr wurde die Website neu gestaltet, die Eingabemaske wurde angepasst, ein Twitter-Account wurde eingerichtet sowie das Logo modernisiert. Weiters wurde im Mai 2018 der erste E-Learning-Artikel „Medikamentenfehler vermeiden – aus CIRSmedical lernen“ veröffentlicht. Dieser Artikel beinhaltete 6 Meldungen aus CIRSmedical zu Medikationsfehlern mit und ohne Folgen inkl. Erläuterungen zur Fehlervermeidung im Alltag und steht unter www.cirsmedical.at/e-learning oder www.meindfp.at allen Ärztinnen und Ärzten kostenlos zur Verfügung. Nach positivem Abschluss der MC-Fragen werden 2 DFP-Punkte verbucht, wodurch CIRSmedical knapp 730 Ärzte in deren Fortbildungspflicht unterstützt hat.

Im Juli dieses Jahres wurde ein weiterer E-Learning-Artikel „Kommunikation im Gesundheitswesen“ veröffentlicht. In diesem Artikel wurden 9 Berichte aus CIRSmedical, denen Kommunikationsdefizite zugrunde liegen, ausgewählt und bereits von 345 Ärzten positiv abgeschlossen.

 

 

 

Weitere Informationen: www.cirsmedical.at https://twitter.com/CIRSmedical

 

Interview mit: Dr. Artur Wechselberger

CIRSmedical, Wien


AutorIn: Dr. Eva Maria Riedmann

UIM 10|2019 Themenheft Krankenhaus Spezial

Herausgeber: o. Univ.-Prof. Dr. Günter J. Krejs
Publikationsdatum: 2019-12-18