Physiologisch oder pathologisch?

Guter Schlaf hängt vom richtigen Zeitpunkt ab. Die innere Uhr steuert, wann der Körper auf Schlaf oder Wachheit eingestellt ist, während der zunehmende Schlafdruck dafür sorgt, dass nach ausreichend langer Wachzeit Müdigkeit vorliegt. Mit dem Alter verändert sich jedoch dieses fein abgestimmte Zusammenspiel. Was Betroffene als „schlechten Schlaf“ erleben, ist daher nicht zwangsläufig eine Insomnie – mitunter steckt eine Veränderung des zirkadianen Schlaf-wach-Rhythmus dahinter.1

Was sich mit dem Alter verändert

Mit zunehmendem Alter werden Schlafprobleme häufiger. Dabei verändert sich der Schlaf auch unter physiologischen Bedingungen: Der Anteil an Tief- und REM-Schlaf nimmt ab, die Schlafeffizienz sinkt, und der Schlaf wird fragmentierter. Gleichzeitig kann die Amplitude der zirkadianen Rhythmik abnehmen. Diese Veränderungen sind zunächst Teil des normalen Alterungsprozesses, können aber von behandlungsbedürftigen Schlafstörungen überlagert werden. Schätzungen zufolge betrifft Insomnie etwa 20–40% der älteren Menschen, auch obstruktive Schlafapnoe und andere Schlafstörungen sind in dieser Altersgruppe häufig. Daher müssen altersbedingte Veränderungen und pathologische Schlafstörungen voneinander unterschieden werden.2

Insomnie erkennen und behandeln

Die Frage, ob hinter Schlafproblemen tatsächlich eine Insomnie steckt, erfordert gerade bei älteren Patient:innen eine sorgfältige Anamnese. Im Mittelpunkt stehen Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen und deren Auswirkungen auf Tagesfunktion und Lebensqualität. Komorbiditäten können Schlafprobleme begünstigen oder durch sie verstärkt werden, auch Medikamente und Polypharmazie können den Schlaf beeinträchtigen. Eine umfassende klinische Beurteilung ist daher entscheidend, um eine Insomnie von anderen Schlafstörungen abzugrenzen und eine geeignete Behandlung einzuleiten.3 Denn chronisch gestörter Schlaf ist nicht nur eine Belastung für die Lebensqualität, sondern wird auch mit kognitivem Abbau, kardiovaskulären Erkrankungen, Stürzen, Frailty und einer erhöhten Mortalität in Verbindung gebracht.2 Ist die Diagnose gestellt, steht zunächst die nichtmedikamentöse Behandlung im Vordergrund. Leitlinien4, 5 empfehlen die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie als Therapie der ersten Wahl – unabhängig vom Alter und auch bei Komorbiditäten. Reicht diese allein nicht aus oder ist sie nicht verfügbar, kann eine medikamentöse Therapie zum Einsatz kommen. Gerade bei älteren Patient:innen ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung wichtig. Benzodiazepine und Benzodiazepin-Rezeptor-Antagonisten sollten nicht länger als 4 Wochen eingenommen werden; eine längere Anwendung wird aufgrund von Nebenwirkungen und möglicher Abhängigkeitsentwicklung nicht empfohlen. Für Patient:innen ab 55 Jahren stellt retardiertes Melatonin eine leitliniengerechte Option dar, die bis zu 3 Monate eingesetzt werden kann.4, 5 In randomisierten Studien konnten unter 2 mg retardiertem Melatonin Schlafqualität und morgendliche Wachheit verbessert werden; Hinweise auf Rebound-Insomnie oder Entzugseffekte zeigten sich nicht.6, 7