Erkältung: Beratung bei Schwangeren (und Stillenden)

Mit einer Schwangerschaft scheinen schlagartig ⅔ der Arzneimittel wegzufallen, die man sich bereits während der Abklärung der Symptome mit der Kundin zurechtgelegt hatte. Allerdings gibt es eine wesentlich größere Auswahl an Wirkstoffen, als es auf den ersten Moment erscheinen mag. Am wichtigsten ist jedoch, gleich zu Beginn des Beratungsgesprächs abzuklären, in welcher Schwangerschaftswoche sich die Kundin befindet, denn dieses Wissen ist essenziell für die weitere Beratung und die anschließende Auswahl der Arzneimittel.

In der Schwangerschaft ist das Immunsystem ohnehin bereits stark gefordert und sollte durch gesunde, ausgewogene Ernährung unterstützt werden. Eines der wichtigsten Spurenelemente für ein starkes Immunsystem ist Zink. Während einer Schwangerschaft kommt es zu einem bis zu 50 % erhöhten Tagesbedarf, weshalb eine tägliche Zufuhr von 15–25 mg Zink empfehlenswert ist. Abgesehen davon spielt Zink eine zentrale Rolle im Nukleinsäurestoffwechsel und ist damit von essenzieller Bedeutung für Zellteilungs-und Wachstumsprozesse. Wenn es um die Steigerung der Abwehrkräfte geht, dann gilt für Schwangere dasselbe wie für alle anderen Menschen auch: Neben gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung sollten die Schleimhäute des Nasen-und Rachenbereiches immer gut befeuchtet sein, um Erkältungsviren das Eindringen zu erschweren. Sollte es dennoch zu einer Erkältung kommen, dann muss je nach Schweregrad der Symptome entschieden werden, ob schnellstmöglich ein Arzt aufgesucht werden sollte oder ob die Beschwerden auch mit Selbstmedikation ausreichend gelindert werden können.

Halsschmerzen

Fast alle Erkältungen beginnen mit einem Kratzen im Hals, da die Nasen-Rachen-Schleimhaut die Eintrittspforte für sämtliche Erkältungsviren darstellt. Die klassische Teedroge zur Behandlung von Entzündungen der Rachenschleimhaut ist sicherlich Salbei. Allerdings sollte Salbei in der Schwangerschaft und Stillzeit nicht angewendet werden. Die enthaltenen Lamiaceengerbstoffe haben durch ihre adstringierende Wirkung auch einen uterusstimulierenden Effekt, der vor allem in der Frühschwangerschaft schlimmstenfalls zum Abort führen kann. Das hauptsächlich im ätherischen Salbeiöl enthaltene Thujon ist zudem in höherer Dosierung über einen längeren Zeitraum toxisch und führt zu Herzrasen und Krämpfen. Salbei hat weiters eine laktationshemmende Wirkung, die in der Schwangerschaft und Stillzeit unerwünscht ist. Aus diesem Grund wird Salbeitee häufig zum Abstillen verwendet, wo eben diese (Neben-)Wirkung genutzt wird.

Empfehlenswert bei Halsschmerzen sind Tees mit Eibisch, Isländisch Moos oder Käsepappel, die durch die enthaltenen Schleimstoffe eine physikalische Wirkung an der Schleimhaut entfalten, diese beruhigen und befeuchten. Kamillentee wirkt entzündungshemmend und beruhigend. Die genannten Teedrogen können natürlich auch als Gurgellösung angewendet werden. Feuchtwarme Halswickel mit Topfen, Heilerde oder Zitrone wirken schmerzstillend, entzündungshemmend und beruhigend und eignen bedenkenlos für die Anwendung in der Schwangerschaft. Der rezeptfeie Arzneistoff Benzydaminhydrochlorid wirkt lokalanästhetisch, analgetisch, antimikrobiell und antiphlogistisch. Dieser kann als Gurgellösung, Spray oder Lutschpastille auch in der Schwangerschaft/Stillzeit angewendet werden.

Fieber

Hohes Fieber (> 39 °C) muss bei Schwangeren schnellstmöglich vom Arzt abgeklärt werden, da unter anderem frühzeitig Wehen ausgelöst werden könnten. Bei erhöhter Temperatur und einem grundsätzlich guten Allgemeinzustand der Schwangeren kann man zuerst fiebersenkende Hausmittel anwenden, wie zum Beispiel Essigpatscherln. Hierfür werden zwei Tücher in kühlem, essigsaurem Wasser getränkt, um beide Füße gewickelt und anschließend mit dicken, wärmenden Socken fixiert. Essigpatscherln dürfen niemals bei kalten Füßen und Schüttelfrost angelegt werden!

Holunder wirkt über eine gesteigerte Schweißsekretion fiebersenkend und kann auch bei Schwangeren eingesetzt werden. Neben Holunder hat auch die Lindenblüte antipyretische Eigenschaften. Zwar konnten bislang keine negativen Auswirkungen auf den Fötus nachgewiesen werden, aufgrund der fehlenden Daten sollte jedoch nicht explizit zur Anwendung in der Schwangerschaft geraten werden.

Paracetamol ist ein gut verträgliches Antipyretikum und Analgetikum in der Schwangerschaft und Stillzeit. Obwohl Paracetamol plazentagängig ist, ist das Fehlbildungsrisiko unter Einhaltung der therapeutischen Dosen aus heutiger Sicht nicht erhöht. Sollte zusätzlich zur fiebersenkenden und schmerzstillenden Wirkung auch eine Entzündungshemmung notwendig sein, so ist Ibuprofen das Mittel der Wahl im 1. und 2. Trimenon, ebenso wie in der Stillzeit. Nicht angewendet werden sollte Ibuprofen jedoch im letzten Drittel der Schwangerschaft, da es hier zu einem frühzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus Botalli beim Fötus und zu einer Schädigung der fötalen und neonatalen Nierenfunktion kommen kann. Ist die Einnahme von Ibuprofen im letzten Trimenon dennoch erforderlich, so ist eine engmaschige Überwachung des fötalen Kreislaufes durch den Gynäkologen notwendig.

Schnupfen

Bei verstopfter Nase, egal ob viral verursacht oder aufgrund einer Allergie, wirken hypertone Salzlösungen in Form von Nasenspülungen, -tropfen oder -sprays auf natürliche Weise abschwellend. Eine weitere Möglichkeit ist Buchweizenextrakt, der aufgrund der enthaltenen Flavonoide gefäßabdichtend wirkt und die Flüssigkeitssekretion der Nase normalisiert. Auch homöopathische Nasensprays werden mitunter gerne verwendet, um Schnupfensymptome zu lindern. Abschwellende Nasensprays mit α-sympathomimetischer Wirkung (zum Beispiel Xylometazolin, Oxymetazolin) können bei kurzzeitiger Anwendung in therapeutischer Dosierung verwendet werden, ohne ein erhöhtes Risiko für den Fötus zur Folge zu haben. Bei chronischem Abusus in wesentlich höheren Dosierungen kommt es zu systemischen Nebenwirkungen, wie einer Vasokonstriktion der Gebärmuttergefäße und einer Minderdurchblutung der Plazenta mit einer daraus resultierenden Unterversorgung des Fötus.

Husten

Husten in der Schwangerschaft ist besonders im letzten Trimenon sehr unangenehm und teilweise auch schmerzhaft im Bereich des ohnehin stark belasteten Beckenbodens. Bei Schmerzen im Beckenbereich hilft es, den Beckenboden anzuspannen und den Kopf zur Seite zu drehen, so wird der Beckenboden während eines Hustenanfalls entlastet. Es ist wichtig, zu erwähnen, dass Husten weder Wehen auslöst noch dem Fötus schadet.

Hausmittel wie Zwiebel-und Rettichsirup können auch in der Schwangerschaft angewendet werden. Die im Rettich enthaltenen Senföle wirken bakteriostatisch, virustatisch und fungistatisch. Sie werden zum Teil über die Lunge ausgeschieden, wodurch sie hier ihre Wirkung entfalten und daher gerne in jeder Phase des Hustens verwendet werden. Wärmende Brustwickel mit Kartoffeln, Topfen oder Öl wirken auf die Bronchialmuskulatur entkrampfend und verflüssigen zähen Schleim.

Eibisch und Isländisch Moos wirken aufgrund ihrer Schleimstoffe hustenreizstillend und schwach entzündungshemmend, ebenso wie Spitzwegerich. Nicht angewendet werden sollte hingegen Huflattich, da dieser aufgrund der enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide lebertoxisch und kanzerogen wirken kann. Es existieren allerdings auch schon pyrrolizidinarme Züchtungen, um ebendiese Nebenwirkungen zu vermeiden.

Obwohl Thymian zu den beliebtesten Arzneidrogen bei produktivem Husten zählt, gibt es kein ausreichendes Datenmaterial zur Anwendung in der Schwangerschaft. Bislang wurden keine schwerwiegenden Auswirkungen auf den Fötus beobachtet, dennoch kann hier keine eindeutige Empfehlung zur Anwendung in der Schwangerschaft erfolgen (gilt nicht für Produkte mit physikalischer Wirkung). Dasselbe gilt auch für Zubereitungen aus Efeu. Gut untersucht sind die Mukolytika, Azetylzystein (ACC) und Bromhexin (beziehungsweise der aktive Metabolit Ambroxol). Diese gelten auch als Mittel der ersten Wahl in der Schwangerschaft.

AutorIn: Mag. pharm. Karoline Sindelar

Apo-K 22|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-11-20