Lippenherpes: Beim ersten Kribbeln sofort handeln!

Die Erstinfektion mit dem Herpes-Simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) erfolgt meist im Kindes- oder Jugendalter als Tröpfchen- oder Schmierinfektion und ver­läuft oft asymptomatisch. Rund 60–90 % der Bevölkerung tragen den Erreger in sich, etwa 20–40 % leiden anschließend an wiederkehrendem Lippenherpes, den sogenannten „Fieberblasen“. Die Viren ziehen sich in die Ganglienzellen des Gesichtsnervs zurück, wo das Immunsystem nicht auf sie zugreifen kann. Wird das Immunsystem geschwächt, wandern die Viren entlang der Nervenfasern zu den Lippen, wo sie meist am Übergang von den Lippen zur Gesichtshaut eine Infektion auslösen. Typische Auslöser sind körperliche Belastung, psychischer Stress oder Ekel sowie UV-Strahlung und Sonnenlicht. Oft treten Fieberblasen auch nach Erkältungen oder fieberhaften Infekten auf und werden durch die Einnahme von Immunsuppressiva begünstigt. Kleine Verletzungen oder rissige Lippen können das Auftreten ebenso fördern wie eine argininreiche Ernährung. Diese Aminosäure kommt etwa in Nüssen, Schokolade, Rosinen oder Gelatine vor und wird von den Herpesviren für die Replikation benötigt.

Sind die Auslöser bekannt, kann auch leichter einem Rezidiv vorgebeugt werden. Die Lippenpflege sollte, speziell im Sommer oder bei Schneesport, einen UV-Schutz enthalten. Auch das Immunsystem freut sich nicht nur bei einer Erkältung über eine zusätzliche Dosis Zink, Selen oder Vitamin C, welche die Virenabwehr erleichtern. Viele profitieren auch von einer Einnahme von L-Lysin, das die Eigenschaften von Arginin antagonisiert. Dieses kommt natürlich zum Beispiel in Parmesan, Thunfisch oder Sojaprodukten vor und kann gemäß Erfahrungswerten bei wiederkehrenden Fieberblasen mit 1 g täglich zu weniger Rückfällen führen. Tritt dennoch eine Herpesinfektion auf, kann die Dosis auf bis zu 3 g pro Tag gesteigert werden, um die Virenvermehrung zu hemmen und die Immunantwort zu verbessern

.Eine typische Infektion beginnt mit der Prodromalphase: Die Haut juckt und kribbelt aufgrund der massiven Virenvermehrung und rötet sich. Nach meistens 6–48 Stunden entstehen dicht beieinander stehende, flüssigkeitsgefüllte Bläschen, die mehrere Millionen Herpesviren enthalten. Im Laufe einer Woche platzen diese auf (Ulzerationsphase) und verkrusten anschließend wieder. Treten die Bläschen öfter als 6-mal pro Jahr oder großflächig über die Lippen hinaus auf und kommen ein Krankheitsgefühl sowie geschwollene Lymphknoten hinzu, sollte ein Arzt aufgesucht werden, um eine Immunschwäche oder Grunderkrankung auszuschließen. Dies gilt auch für schwangere und stillende Frauen, auch wenn bei vielen Präparaten eine Anwendung möglich ist, da es bei Embryonen und Säuglingen vermehrt zu schweren Komplikationen und bleibenden Schäden kommen kann. Außerdem haben Säuglinge, Kleinkinder sowie immunsupprimierte Personen ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe und sollten deshalb genau beobachtet werden.

Topische Therapie

Die Therapie bei wiederkehrendem Lippenherpes erfolgt grundsätzlich topisch. Die Symptome werden gelindert, und die Dauer kann um durchschnittlich einen Tag verkürzt werden. Je früher interveniert wird, umso besser ist die Wirkung. Dabei empfiehlt es sich, nicht nur die unmittelbar betroffene Stelle, sondern auch das umliegende gesunde Gewebe mitzubehandeln, um noch nicht infizierte Zellen abzuschirmen. Grundsätzlich sollte man zum Auftragen der Topika Wattestäbchen verwenden. Trotzdem ist es wichtig, vor und nach der Anwendung die Hände gründlich zu waschen, um eine Verteilung der Viren zu vermeiden. Da es sich bei HSV um ein behülltes Virus handelt, reicht zuhause normale Seife zum Waschen. Für unterwegs eignen sich als viruzid oder begrenzt viruzid gekennzeichnete Handdesinfektionsmittel. Die Auswahl der „Fieberblasencreme“ erfolgt je nach Phase, in der sich die Fieberblase befindet.

Die Virostatika Aciclovir und Penciclovir werden als Prodrugs von der viruseigenen Thymidinkinase zu Triphosphaten aktiviert und in die Virus-DNA eingebaut, wo sie zu einem Kettenabbruch führen und somit die Virusreplikation hemmen. Die Behandlung sollte möglichst beim ersten Kribbeln begonnen und bis zur Bläschenphase fortgesetzt werden. Mittlerweile steht auch eine Kombination von Aciclovir und Hydrocortison zur Behandlung wiederkehrenden Lippenherpes zur Verfügung, die ulzerative Läsionen verhindern und das Entzündungsgeschehen durch den Virenangriff reduzieren soll.

Konzentrierter Melissenextrakt verhindert das Andocken der Viren auf der Oberfläche der Wirtszelle, wodurch ein Eindringen in die Zelle und die Vermehrung ebendort blockiert wird. Auch hier sollte die Anwendung so frühzeitig wie möglich erfolgen, jedoch wird empfohlen, die Anwendung bis zu 10 Tage fortzusetzen, um Rezidive zu vermeiden. Die Melisse hat den Vorteil, dass es keine Resistenzentwicklungen gibt und die Anwendung bereits für Kinder ab 2 Jahren möglich ist.

Docosanol, ein gesättigter aliphatischer Alkohol, wird ebenfalls in einem sehr frühen Stadium aufgetragen, um die Penetration der Viren in die Zelle zu verhindern. Die Wirksamkeit in der Bläschenphase und danach ist nicht nachgewiesen.

Zink wirkt schwach virusstatisch und senkt die Infektiosität der Herpesviren. In Kombination mit Heparin, das wiederum das Eindringen in die Zelle verzögert, ist die Anwendung möglichst bald nach den ersten Anzeichen empfohlen. Für die Ulzerations- und Abheilungsphase kann Zink als Oxid, eventuell in Kombination mit Benzocain, das Abheilen der schmerzhaften Wunde beschleunigen.

Auch Herpes-Pflaster sind ab der Bläschenphase gut geeignet. Das Hydrokolloid lindert Schmerzen und Juckreiz, kann die austretende Flüssigkeit auffangen und bildet ein feuchtes Wundmilieu. Die Krustenbildung wird reduziert und das Abheilen beschleunigt. Zusätzlich verhindern die Patches auch, dass man die Fieberblase mit den Fingern berührt und bieten somit auch einen Schutz vor Besiedelung mit Keimen und der Übertragung auf andere Personen oder Körperstellen.

 

AutorIn: Mag. pharm. Katharina Ender

Apo-K 22|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-11-20