Home Monitoring: Nutzen evident, Finanzierung umstritten

Die Behandlung chronischer Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellt einen zunehmend hohen Kostenfaktor im heimischen Gesundheitswesen dar, da die Behandlung oft zeitaufwendig und die Lebensqualität der Betroffenen zum Teil deutlich eingeschränkt ist. In Österreich leben mehr als 50.000 Patienten mit einem Herzschrittmacher, pro Jahr erhalten rund 8.200 Patienten einen neuen Herzschrittmacher und 2.200 einen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD). Die Implantate müssen regelmäßig kontrolliert, die Patienten kontinuierlich betreut werden. „Die Zahl nimmt aufgrund der demografischen Entwicklung zu. Auch wenn konkrete Daten fehlen, gehen unsere Schätzungen von etwa 80.000 Nachsorgeterminen pro Jahre aus“, erklärt Prim. Univ.-Doz. Dr. Andrea Podczeck-Schweighofer, Abteilungsvorstand der 5. Medizinischen Abteilung mit Kardiologie im Wiener SMZ-Süd. Die logistische Herausforderung rund um die Betreuung dieser Patienten ist nach Ansicht der Medizinerin enorm: „Krankentransporte, Ambulanzkapazitäten und nicht zuletzt die oft erforderliche Betreuung durch die Angehörigen, da es sich meist um betagte Patienten handelt, verursachen erhebliche volkswirtschaftliche Kosten“, rechnet Podczeck-Schweighofer vor.

Sicher und kostengünstig

Mithilfe der telemedizinischen Fernnachsorge, wie sie etwa das BIOTRONIK Home Monitoring® ermöglicht, können Ärzte betroffene Patienten mit einem Herzschrittmacher oder implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD) aus der Ferne betreuen und frühzeitig in eine Therapie eingreifen. Das System verwendet das Mobilfunknetz und garantiert so weltweite Mobilität und Datenverfügbarkeit. Ein kontinuierliches Monitoring des Implantats sowie des kardialen Zustandes des Patienten erlaubt die frühe Erkennung kardialer Ereignisse. Der hohe Automatisierungsgrad des CardioMessenger® von BIOTRONIK macht ein Eingreifen des Patienten zur Datenübertragung unnötig. Wichtige klinische und technische Daten werden täglich aus dem Implantat an den CardioMessenger®, ein schnurloses externes Patientengerät, übertragen. Vom CardioMessenger® werden die Daten an ein Service Center übertragen, wo sie aufbereitet und dem behandelnden Arzt über eine gesicherte Website zur Verfügung gestellt werden. Der Arzt kann diese Patientendaten am Bildschirm auswerten und erforderliche Maßnahmen einleiten. Wichtige Informationen werden zusätzlich per E-Mail, Fax oder SMS an den Arzt gesendet. Weltweit sind derzeit rund 800.000 dieser Systeme im Einsatz und schaffen die Basis für eine signifikante Verringerung des Nachsorgeaufwandes. „Die implantatbasierte Fernnachsorge ist genauso sicher wie eine Standardnachsorge in der Klinik und reduziert die ambulanten Besuche um etwa die Hälfte“, bestätigt Schweighofer.

Überzeugende Evidenz

Der ökonomische Nutzen wurde bereits in mehreren Studien bestätigt – so hat die französische ECOST-Studie gezeigt, dass dank ambulanter Fernnachsorge per BIOTRONIK Home Monitoring mehr als 300 Euro pro Patient und Jahr eingespart werden können.(1) Die klinischen Studien COMPAS (2) und TRUST (3) zeigen, dass Home Monitoring die Reaktionszeit des Arztes bei allen Arten von Arrhythmieereignissen um mehr als 34 Tage verkürzt und insbesondere auch asymptomatische Ereignisse erkennt. Die COMPAS-Studie belegt außerdem, dass Schlaganfälle und Krankenhauseinweisungen um 67 % reduziert werden können. IN-TIME (4), eine randomisierte, kontrollierte, multizentrische Studie mit 664 Patienten belegt die signifikante Reduktion der Mortalität um mehr als 50 % und die signifikante Vorbeugung der Verschlechterung von Herzinsuffizienz.
Auch Dr. Michael Nürnberg, 3. Medizinische Abteilung mit Kardiologie im Wilhelminenspital in Wien, ist vom klinischen Nutzen der via Home Monitoring geführten Therapie überzeugt: „Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz stellen komplexe Krankheitsbilder dar, die von Patient zu Patient unterschiedlich verlaufen und in ihrer Entwicklung nur schwer vorhersehbar sind. Einige Rhythmusstörungen, wie etwa das Vorhofflimmern, können auch längere Zeit unbemerkt verlaufen, der Patient verspürt keine Symptome. Daher ist eine engmaschige Beobachtung des Gesundheitszustandes des Patienten sehr wichtig für den Behandlungserfolg.“

Flächendeckende Umsetzung gefordert

Dr. Franz Xaver Roithinger, designierter Vorsitzender der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), sieht ebenfalls einen eindeutigen ökonomischen und klinischen Nutzen und fordert daher auch eine flächendeckende Umsetzung von telemedizinischen Leistungen für die Therapie von herzkranken Patienten: „Mithilfe von Home Monitoring wird der Arzt frühzeitig über klinisch relevante Ereignisse informiert und kann so rechtzeitig die Therapie anpassen. Die Behandlung orientiert sich damit am individuellen Bedarf des Patienten. Insbesondere kann die Telemedizin unnötige Routinekontrollen vermeiden. Auf diese Weise hilft uns Home Monitoring, unsere Arbeitskraft genau für die Patienten einzusetzen, die sie tatsächlich brauchen. Durch eine zielgerichtete Therapie können so schließlich Kosten für das Gesundheitssystem reduziert werden.“
Angesichts der umfangreichen Studienlage empfiehlt die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) die telemedizinische Fernnachsorge zur Schrittmacher-, ICD- und kardialen Resynchronisationstherapie. „Wir stellen jedoch noch Defizite bei der Umsetzung der Telemedizin in Österreich fest. Aufgrund der überzeugenden Studienlage und des nachgewiesenen Nutzens für den Patienten und auch für das Gesundheitssystem fordern wir daher einen flächendeckenden Einsatz der implantatgestützten Telemedizin in Österreich“, so Roithner.
Die Anwendung dieser telemedizinischen Verfahren reduziert einerseits die Belastungen der Patienten und verbessert andererseits die Versorgungsqualität bei gleichzeitiger Reduktion der Kosten. Ungeachtet aller Vorteile steht das kompetenzzersplitterte Finanzierungssystem einer flächendeckenden Verbreitung der telekaridologischen Fernnachsorge im Weg. Dabei handelt es sich um rund 1.000 Euro pro Patient für einen Zeitraum von rund acht bis zehn Jahren, die das System im Betrieb wäre, die aber von den Krankenkassen derzeit in vielen Bundesländern, allen voran Wien, nicht übernommen werden. Eine Summe, der zurzeit die Ausgaben für Krankentransporte, Ambulanzwartezeiten, Begleitung durch Sanitätsdienste oder Angehörige und die ärztliche Betreuung im Krankenhaus in keinem Verhältnis entgegenstehen.

 

Quelle: 20. Expertentreffen für Herzrhythmustherapie

1 Within 51 countries representing a population of 900 million. Dickstein K et al. ESC Guidelines for the Diagnosis and Treatment of Acute and Chronic Heart Failure 2008. European Heart Journal. 2008, 29.

2 Mabo P., et al., European Heart Journal 2011

3 Varma N. et al, Circulation 2010, 122: 325-332

4 Hindricks G., et al., The Lancet 2014; 384:583-590

Wissenschaft: Dr. Michael Nürnberg

­Wilhelminenspital Wien

© Foto Wilke


Wissenschaft: Dr. Franz Xaver Roithinger

designierter Vorsitzender der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG)


MP 03|2015

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2015-07-16