Krank gespart: Die Folgen mangelnder Hygiene

Eigentlich ist er ein harmloser Keim, der den Darm gesunder Menschen besiedelt – ein anaerobes, grampositives, endosporenbildendes Stäbchenbakterium aus der Gattung Clostridium sensu lato. Clostridium difficile – der neue Star in der Gruppe der nosokomialen Infektionen, und zwar dann, wenn andere Darmkeime durch Antibiotikagabe zurückgedrängt werden und dieser spezielle Keim plötzlich überwuchern kann. Die Ursache: leichtfertige Antibiotikagabe. Der Beweis: Immer zur Erkältungssaison steigen die antibiotikainduzierten Durchfallerkrankungen insgesamt an. Die Folgen: Toxinbildung, blutige Durchfälle, pseudomembranöse Colitis, toxisches Megacolon. Die Toxine lösen gleichsam den Darm auf. Endstation Lebensgefahr.
In den 1970er-Jahren gab es gerade einmal eine Handvoll Publikationen zu diesem Erreger. Alleine 2012 waren es rund 800, sagt Pubmed auf das Stichwort Clostridium difficile (CD). In den letzten fünf Jahren erschienen gezählte 83 Reviewartikel. Manche sprechen bereits von globaler Epidemie, in US-Spitälern ist selbst bei kurzem Aufenthalt für über 65-Jährige die Chance auf diese lebensbedrohende Infektion sprunghaft angestiegen. Als weitere Risikofaktoren gelten Immunsuppressiva, eine darmschädigende Chemo- oder Radiotherapie, eine chronisch entzündliche Darmerkrankung sowie ein stark geschwächtes Immunsystem. In Europa gehört vor allem England zu den Hauptverbreitungsgebieten – als Folge von Personaleinsparungen, mangelnder Oberflächendesinfektion und Rotstift in Sachen Hygiene. Man kann also im wahrsten Sinn des Wortes ein Krankenhaus „krank sparen“.

Sofortmaßnahme: Hygiene

CD hat mächtige Verwandte: C. perfringens löst den Gasbrand aus, C. tetani den Wundstarrkrampf und C. botulinum den Botulismus. Doch damit nicht genug, in den USA hat medizinischer Leichtsinn zu neuen Superkeimen geführt. Dieser sogenannte NAP1-Stamm (North American Pulsed field type 1, in Europa Ribotyp 027 bezeichnet) zeichnet sich durch ein binäres Toxin aus und ist durch eine kleine Mutation im Repressorgen tcdC in der Lage, 16-mal mehr Zyto-Toxin A und 23-mal mehr Entero-Toxin B zu produzieren.
Ursprünglich eine „Schmierinfektion“ gibt sich CD nun auch „airborne“ – seine Sporen beleben die Luft von Intensivstationen. Vor diesem Hintergrund klingt es fast unglaublich: die beste Sofortmaßnahme ist Hygiene, Hygiene, Hygiene. Vor allem aber ausreichend Budget für Hygienemaßnahmen und die Renaissance des Händewaschens. Gleichsam eine „Semmelweisierung“ des Hygienebewusstseins.

 

MP 02|2013

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2013-04-05