Entwicklung der onkologischen Pflege

Krebs zählt nach wie vor zur am meisten gefürchteten Krankheit, da sie mit viel Leid, Schmerzen und schwer heilbar assoziiert wird. Unabhängig von der Prognose wird sie als existenzielle Bedrohung erlebt.

Frühe Anfänge der onkologischen Pflege

Der Beginn der modernen Behandlung von Tumorpatienten wird, aus medizinhistorischer Perspektive gesehen, um die Wende des 20. Jahrhunderts datiert und ist gut untersucht.1 Über die Arbeit der Pflegenden bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts liegen jedoch nur wenige Forschungsarbeiten vor, da die primäre Quellenlage sehr spärlich ist. Aus den vorhandenen Aufzeichnungen amerikanischer Pflegepersonen geht hervor, dass die Arbeit als anstrengend und deprimierend empfunden wurde, da die Überlebenschancen der Patienten gering, der Aufgabenbereich unklar und sie oft schädlichen Substanzen, v. a. der Radiotherapie, schutzlos ausgesetzt waren. Erste Quellen über die Notwendigkeit einer spezialisierten Krebspflege finden sich ab 1943. Man war der Auffassung, dass die Pflege von krebskranken Menschen spezielle Fähigkeiten erfordere, um neben den körperlichen auch den emotionalen Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden. Bereits 1947 wurde an der Columbia University/New York der erste Universitätslehrgang in Onkologischer Krankenpflege angeboten.2 Bis in die 1980er Jahre kam es dann zu grundlegenden Fortschritten in der Krebstherapie, was auch die Rolle und Kompetenzen der Pflegenden stark veränderte. Nach und nach entstanden zahlreiche universitäre Lehrgänge. Fachschaften wurden gegründet, um die pflegerische Qualität für die Tumorpatienten zu verbessern und die Bedeutung der onkologisch Pflegenden im Gesundheitssystem und der Gesellschaft zu festigen.3 Nach wie vor beeinflusst die Pflege amerikanischer Prägung die onkologische Pflege in den deutschsprachigen Ländern.

Beginn der onkologischen Pflege im deutschsprachigen Raum

Die Entwicklung der onkologischen Pflege in den deutschsprachigen Ländern setzte in den 1980er Jahren ein. 1982 erschien das erste Lehrbuch Onkologie für Krankenpflegeberufe, herausgegeben von Agnes GLAUS et al. Der Band umfasste grundlegendes Wissen der Tumormedizin, psychologische Besonderheiten im Umgang von Menschen mit Krebs, Rehabilitation, Schmerzbekämpfung, die Rolle der Pflegenden in der Betreuung von Tumorpatienten, onkologische Notfälle sowie häufige Tumorerkrankungen. Neben dem Ziel der Vermittlung grundlegenden praxisbezogenen Wissens verfolgten die Herausgeber, vermehrtes Interesse für die Pflege krebskranker Menschen bei den Pflegenden zu wecken. Zu dieser Zeit wurde die Behandlung und Pflege von Krebspatienten als belastend erlebt und war wenig erstrebenswert wegen der nebenwirkungsreichen Therapien sowie der geringen Heilungschancen.4 Bereits 1988 erschien die 3. Auflage, ergänzt um die aktuellen Erkenntnisse, im Besonderen: neue internistische Tumortherapien, Supportivpflege, sicherer Umgang mit Zytostatika und implantierbaren Kathetern, Knochenmarktransplantation, palliative Betreuung sowie die Pflege krebskranker Kinder.5 Das Lehrbuch wurde noch bis 1997 publiziert. Herzstück der Pflege war das Konzept der Supportive Care. Es ist nach wie vor von großer Bedeutung und erfährt aufgrund neuer Erkenntnisse stete Modifizierungen und Erweiterungen. Zudem bildet es die Grundlage für die Zusammenarbeit mit den anderen Berufsgruppen. Mit dem Lehrbuch war ein Grundstein gelegt worden, der die weitere Entwicklung der onkologischen Pflege stark beeinflusste. 1994 erschien ein weiteres Grundlagenwerk: Onkologische Krankenpflege herausgegeben von Anita MARGULIES et al. mit dem Ziel, die onkologische Pflege für die Aus- und Weiterbildung theoretisch zu fundieren.6 Nach wie vor ist es wegweisend sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Die aktuelle Auflage 2017 umfasst bereits 793 Seiten. Daraus lässt sich der umfangreiche „body of knowledge“ der Onkologiepflege ablesen. Eine erste Studie über das subjektive Erleben der Krebserkrankung und die Bedeutung der sozialen Unterstützung von Schweizer Patienten verfasste 1987 Annemarie KESSELRING. Krebserfahrungen der betroffenen Patienten wurden kaum in pflegewissenschaftlichen Arbeiten untersucht. Sie zeigte auf, dass es für Pflegende wichtig ist zu wissen, welche Bedeutung Patienten der Krankheit, der Behandlung und der sozialen Unterstützung zuschreiben, um gut pflegen zu können.7 In ihrem Ansatz werden die Patientenperspektive und die Wichtigkeit des sozialen Beistandes betont, die wir heute als unerlässlich im Sinne der Patientenautonomie und -orientierung sowie familienzentrierter Pflege ansehen.

Spezialisierung der onkologischen Pflege

Etwa zeitgleich mit dem Erscheinen der ersten Lehrbücher entwickelten sich Diskussionen über die Notwendigkeit einer eigenständigen Fachweiterbildung. Ab den späten 1980er und frühen 1990er Jahre etablierten sich in den deutschsprachigen Ländern erste Weiterbildungslehrgänge. In Österreich wurde in Innsbruck ab 1994 Onkologische Pflege als Sonderausbildung angeboten und seit 1997 als Weiterbildung geführt. In der Folge wurden in fast allen Bundesländern Weiterbildungslehrgänge eingerichtet, wobei sich die Lehrpläne sowohl inhaltlich als auch von der Anzahl der Stunden in Theorie und Praxis unterschieden und nach wie vor unterscheiden.
Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung zur Vereinheitlichung von Lehrplänen nimmt seit 1991 die European Oncology Nursing Society (EONS) ein. Das aktuelle Rahmencurriculum von 2018 soll Orientierung hinsichtlich fundamentalen Wissens, Fertigkeiten und Kompetenzen geben, die für spezialisierte Pflegende erforderlich sind, um Menschen mit Krebs und deren Familien angemessen zu betreuen.8
Im Jahre 1994 wurde auf Initiative von Erich Swoboda (1. Präsident und Chefredakteur) und Bernhard Glawogger (Mitbegründer und 1. Vizepräsident) die Fachgesellschaft der AHOP gegründet. Sie sollte die Weiterentwicklung der onkologischen Pflege durch qualitativ hochwertige Bildungsangebote fördern und in gesundheits- und gesellschaftspolitischen Belangen in der Versorgung von Patienten mit Krebs Mitsprache erlangen. Aktuell will man durch verstärkte Kooperation mit der OeGHO zur Qualitätsverbesserung in der Patientenversorgung beitragen. Weitere Anliegen sind die Förderung junger Berufskollegen und die Umsetzung des Cancer Nurse Projektes.9
Ein weiterer Entwicklungsschritt war die Spezialisierung innerhalb der Onkologiepflege. Auf europäischer Ebene wurden 2007 Richtlinien zur Ausbildung von Breast Care Nurses veröffentlicht. Die Weiterbildung zur BCN sollte es ermöglichen, den hohen Anforderungen an die Betreuung von Patientinnen mit Brustkrebs und deren Angehörigen begegnen zu können. 2008 erschien ein auf Praxisorientierung, Evidenzbasierung und Interdisziplinarität fundiertes Grundlagenwerk herausgegeben von Manuela EICHER & Sarah MAQUARD.10 Erste Weiterbildungsmöglichkeiten wurden 2009 in Innsbruck und 2010 an der Universität Graz geschaffen.
Neben den onkologischen Fachausbildungen etablierten sich in den letzten zwei Jahrzehnten Möglichkeiten, Bachelor-, Master- und Doktoratsstudien zu absolvieren, um die Pflegebedürfnisse von Krebspatienten und Interventionen wissenschaftlich abzusichern. Im Zuge dieser Entwicklung entstand das Advanced Nursing Practice (ANP) Konzept. Es verbindet laut Hamric praktisches und wissenschaftsbasiertes Wissen. Das evidenzbasierte Wissen erlangte darin eine besondere Bedeutung.11 Das Institut für Pflegewissenschaft Basel eröffnete im Jahre 2000 den ersten Studiengang. Vorreiter in Österreich war die IMC FH Krems, die 2008 den ersten Bachelor-Studiengang für ANP anbot, der aktuell als Masterstudiengang geführt wird. Mittlerweile gibt es zahlreiche ANP-Studiengänge. In der praktischen Anwendung variieren Rollen, Kompetenzen und Funktionen der ANPs stark, sowohl national als auch international. Eine nationale bzw. europäische Strategie wäre wünschenswert, damit die Gesamtheit der vorhandenen Kompetenzen zum Wohle der Patienten umgesetzt werden kann.12 Onkologische Pflegeforschungen, um zur besseren Versorgung krebskranker Menschen beizutragen, werden in den letzten Jahren vermehrt durchgeführt.13 Die Forschungsschwerpunkte liegen z. B. auf der Förderung des Selbstmanagements, den Symptom-bezogenen Belastungen wie Fatigue, Schmerz, Übelkeit u. a. oder bestimmten Patientengruppen.14 Da die Forschungsarbeiten wenig aufeinander abgestimmt sind, der Forschungsbedarf hoch und die Forschungsgelder knapp sind, sollen Forschungsagenden vorrangige Themen erstellen.13 Dies erfolgte 2008 in der Schweiz, 2012 in Deutschland und in Österreich 2017 durch das Institut der Pflegewissenschaft der Universität Wien. Neben der Identifizierung von Patientenbedürfnissen und Interventionen können Studien zur Weiterentwicklung von Theorien und Konzepten beitragen. Insofern sind Forschung und Wissenschaft für die onkologische Pflege unabdingbar.

Fazit

Der Blick zurück lässt unschwer erkennen, dass sich die Pflege onkologischer Patienten von einer allgemeinen sukzessive hin zu einer Spezialdisziplin entwickelt hat. Die Rollen und Verantwortlichkeiten wurden und werden durch den medizinisch-technischen Fortschritt, gesellschaftspolitische Veränderungen, gesundheitsökonomische Vorgaben und die Pflege als etablierte wissenschaftliche Disziplin beeinflusst. Die bestehenden Ausbildungen bieten ein breites Spektrum für den Einsatz spezialisierter onkologisch Pflegender, um zu einer qualitativ hochwertigen Versorgung von krebskranken Patienten beizutragen. Nationale und internationale Fachschaften und Kooperationen unterstützten und unterstützen diese Vorhaben.

 

1 Kleeberg U, Zum Wandel unseres Krankheitsverständnisses der Onkologie. In Brähler E. Wandel der Gesundheits-und Krankheitsvorstellungen. Papst Science. 212-232, Lengerich, 2018
2 Lusk B, Prelude to specialization: US cancer nursing, 1920–50. Nursing Inquiry 2005; 12 (4): 269-277
3 Cummings G et al., The evolution of oncology nursing: Leading the path to change. Can Oncol Nurs J 2018; 28 (4): 314-317
4 Glaus A et al. (Hg.), Onkologiepflege für Krankenpflegeberufe. Thieme. Stuttgart, 1982
5 Glaus A et al. (Hg.), Onkologiepflege für Krankenpflegeberufe. Thieme. Stuttgart, 3. Auflage, 1988
6 Margulies A et al. (Hg.), Onkologische Krankenpflege. Springer. Berlin/Heidelberg, 1994
7 Kesselring A, Krebs: Was bedeuten Krankheit und Unterstützung für den Patienten? RECOM. Basel, 1987
8 EONS Cancer Nursing Education Framework (2018). European Oncology Nursing Society.
9 Titzer H, Editorial. AHOP News, 2019; 2: 8
10 Eicher M & Marquad S (Hg.), Brustkrebs. Lehrbuch für Breast Care Nurses, Pflegende und Gesundheitsberufe. Huber. Bern, 2008
11 Hamric AB et al., Advanced Nursing Practice: An Integrative Approach. W.B. Saunders. Philadelphia, 2001
12 Eicher M, Onkologische Pflege in verschiedenen (europäischen) Gesundheitssystemen. FORUM 2018; 33: 186-188
13 Jahn P & Landenberger M, Pflegeforschung in Deutschland. Aktueller Stand und Perspektiven. FORUM 2013; 28: 111-114
14 Rafaelis S et al., Entwicklung einer österreichischen Forschungsagenda für onkologische Pflege. Eine Delphi-Studie. Pro Care 2017; 22: 7-15
AutorIn: Mag.a Irene Achatz

Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege Freiberufliche Mitarbeiterin an der Akademie für Fortbildungen und Sonderausbildungen Bereich PFLEGE am AKH-Universitätsklinikum Wien


SO 03|2020

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser, Univ.-Prof. Dr. Markus Raderer
Publikationsdatum: 2020-07-02