Der Haarverlust der Frau

Der weibliche Haarverlust – und hier vor allem die androgenetische Alopezie – hat auf die Lebensqualität der erwachsenen Frau einen ausgeprägt negativen Einfluss. Historisch war Haarverlust eher ein männliches Problem, in den letzten Jahrzehnten sind es die Frauen, die hier medizinische Hilfe, ästhetische Beratung und eine Lösung ihres Problems suchen. 30 % der Frauen über 30 geben Haarverlust an, und dieser wird, im Gegensatz zu Männern, bei denen sich eine sportliche Glatze auch als jugendliches Attribut auszeichnet, von Frauen oft als Verlust an Weiblichkeit, Jugend und gutem Aussehen empfunden. Die Relevanz des Themas zeigt sich auch in den Zahlen: 30 Milliarden US-Dollar werden jährlich in Nahrungsergänzungsmittel investiert. Die ästhetische Industrie boomt in gleichem Ausmaß, wie der Leidensdruck der weiblichen Kundinnen hoch ist. Zahlreiche neue, teils invasive, teils minimalinvasive Therapien werden angeboten. Der folgende Artikel soll mehr Evidenz und Klarheit schaffen; helfen, Patientinnen gut zu unterstützen; und zeigen, wo guter Rat auch gelegentlich deutlich günstiger sein kann.

Einteilung und Pathophysiologie

Mittlerweile sind 81 % der Patienten und Patientinnen, die ein Haar-Institut aufsuchen, weiblich, und der überdurchschnittlich hohe Gebrauch von Nahrungsergänzungsmitteln ist vor allem in den jüngeren Altersgruppen (18 bis 39 Jahre) markant.1 Im Gegensatz zu Männern, bei welchen der Haarverlust so gut wie immer androgenetisch bzw. genetisch bedingt ist und somit keiner weiteren Diagnostik bedarf, sollte bei Frauen eine profunde Diagnostik erfolgen.

 

 

Der Begriff Effluvium bezeichnet den Vorgang des Haarverlustes (100–125 Haare/Tag gelten als normal), während die Alopezie das Resultat bzw. den Zustand darstellt. Das Trichogramm (Bestimmung des Haarwurzelstatus) kann mitunter in der Diagnostik zusätzlich hilfreich sein, es erfordert Übung und ein Mikroskop und hat aufgrund der technischen Schwächen an Praxisrelevanz verloren. Mittels Trichogramm können z. B. die ebenfalls sehr häufigen, aber reversiblen Telogeneffluvien gut diagnostiziert werden. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Einteilung der weiblichen Alopezie, welche nach wie vor nach morphologischen Kriterien erfolgt.2 Die häufigste Form der weiblichen Alopezie ist, abgesehen von ausgeprägten Telogeneffluvien, die androgenetische Alopezie (AGA) oder auch „female pattern hair loss“ (FPHL) genannt.1, 2 Die Inzidenz steigt mit dem Lebensalter, und ab dem 70 Lebensjahr zeigen 55 % der Frauen eine AGA.3 Die Ätiologie ist nach wie vor unbekannt, aber Androgene sollen ebenso wie bei den Männern eine Rolle spielen.4

 

 

 

Therapien

Die einzig zugelassenen Präparate bei Haarverlust und Alopezie sind das topische Minoxidil (Männer und Frauen) und systemisches Finasterid 1 mg/Tag (Männer). Minoxidil wirkt über Vasodilatation, Finasterid über die Hemmung der Typ-II-5α-Reduktase (bewirkt die Konversion von freiem Testosteron zu Dihydrotestosteron). Zusätzlich gibt es noch eine Vielzahl angebotener Therapien, die von den Kundinnen nachgefragt werden, über deren Effizienz aber wenig bekannt ist. In den letzten 5 Jahren wurden zahlreiche Studien in teils sehr unterschiedlicher Qualität und Systematik durchgeführt, was zu Schwierigkeiten in der Interpretation führt, insbesondere wenn Männer und Frauen in der Studienpopulation waren. Einen sehr guten Überblick zeigt eine rezent publizierte Arbeit aus Kanada.5 Die Autoren verglichen und analysierten systematisch sämtliche nichtinvasive Therapien zur Behandlung der AGA (Männer und Frauen). Es wurden insgesamt 4.213 Studien untersucht. Ausgeschlossen wurden nichtrandomisierte Studien sowie Studien, die Kombinationstherapien beinhalteten oder nicht die absolute Haar-Anzahl (Haare/cm2) als Endpunkt aufzeigen konnten. Von den zahlreichen, zwischen 1986 und 2018 an weiblichen Patientinnen mit AGA durchgeführten Studien zeigten nur 30 % einen hohen qualitativen Wert mit entsprechender Evidenz.5 Diese Studien verglichen z. B. topisches 5 % Minoxidil gegen Placebo. Tabelle 2 gibt einen Überblick über die derzeit angebotenen und gängigen Therapieoptionen bei AGA.

 

 

Studien, die topisches Finasterid in der Behandlung der AGA evaluierten, wurden großteils mit Männern durchgeführt und sind noch gering an der Zahl. Sie konnten jedoch vielversprechendes Haarwachstum zeigen, praktisch ohne Nebenwirkungen.6 Einige andere Studien wurden mit systemischem Minoxidil durchgeführt, wobei die Dosierungen sehr variierten, zwischen 0,25 mg/Tag und 5 und 10 mg/Tag. Die Ergebnisse zeigten einen guten therapeutischen Benefit, sowohl bei Frauen als auch bei Männern mit AGA und auch bei Patienten und Patientinnen mit Alopezia areata. Die Nebenwirkungen waren unerwünschte Hypertrichose und orthostatische Hypotension.7 Die Autoren argumentieren für das Medikament, da es im Vergleich zu topischer Minoxidil-Applikation eine höhere Adhärenz zeigte.
Obwohl das Potenzial der sogenannten „Low Level Laser“-Therapie (LLLT) bereits in den 60er-Jahren erkannt wurde, wird dieser erst rezent als neue Behandlungsmodalität gegen Haarverlust eingesetzt. Der exakte Wirkmechanismus ist unbekannt, aber es wird postuliert, dass es zur Bildung antiinflammatorischer Zytokine und Antioxidanzien kommt, welche Keratinozyten- und Fibroblasten aktivierend sein sollen.8 Die ersten Studien wurden vor 10 Jahren durchgeführt, und in den USA wurde ein entsprechendes Gerät zugelassen, das auch zu Hause in Form eines Helmes getragen werden kann. Seither gab es einige, teils verblindete, randomisierte Studien, die Haarwachstum nachwiesen, jedoch keine Vergleichsstudien zu den zugelassenen Therapien und auch keine Langzeitdaten.
Microneedling, fraktionierte Radiofrequenzbehandlung, Elektrotrichogenese und die Carboxy-Therapie zeigten in kleinen Studien mit einer Patientenzahl zwischen 25 und 73 Patienten (Männer und Frauen) einen positiven Effekt, aber keine der Studien konnte therapeutische Effizienz zeigen.8 Auch PRP-(Platelet-rich-Plasma-)Behandlungen werden bei der AGA oft durchgeführt, und es zeigten sich teils widersprüchliche Ergebnisse in verschiedenen Studien.9, 10 Teils konnte eine Erhöhung der Haaranzahl und Dichte im Vergleich zu Placebo festgestellt werden10, teils zeigte eine Studie, die bei Frauen mit AGA durchgeführt wurde, keinen Unterschied im Haarwachstum im Vergleich zu Placebo.9 Auch hier wird die Wirkungsweise durch Neovaskularisation und Follikulogenese beschrieben.
Schließlich stellt auch die Haartransplantation, vor allem für Patientinnen ab dem 50. Lebensjahr, eine immer häufiger gewählte Therapieoption dar. Sie wird in der Regel von Chirurgen durchgeführt und die vorliegende Datenlage zeigt durchaus positive Resultate. Als problematisch zu werten sind hier die hohen Kosten und fehlenden Langzeitbeobachtungen.