Sie haben gemeinsam mit dem Pharmazeuten Dr. Dominik Schantl das Buch „Dr. Cannabis“ geschrieben. Was war Ihre Motivation?
Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar: Unsere Grundidee war, dass nicht wir die „Doktoren“ des Cannabis sind, sondern dass die Pflanze selbst aufgrund ihrer langen Medizingeschichte gewissermaßen der „Doktor Cannabis“ ist. Cannabis wird seit Jahrhunderten, eigentlich seit Jahrtausenden, in unterschiedlichen Kulturen eingesetzt. Auch historisch gibt es viele Hinweise auf medizinische Anwendungen– etwa bei Schlafstörungen, Schmerzen oder anderen Beschwerden. Uns war wichtig, diese lange Tradition mit den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verbinden und zugleich Vorurteile abzubauen.
Warum ist Cannabis wissenschaftlich so schwer zu fassen?
Weil es sich eben nicht um einen einzelnen Wirkstoff handelt. Die Pflanze enthält nicht nur THC und CBD, sondern eine Vielzahl weiterer Cannabinoide, Flavonoide und Terpene. Mittlerweile kennt man über 100 Cannabinoide. Das macht die Forschung schwierig. Wir kennen zwar die Hauptsubstanzen, aber das Zusammenspiel der vielen Inhaltsstoffe ist komplex. Das ist ähnlich wie in der Phytomedizin insgesamt: Man kann nicht immer exakt sagen, welche einzelne Substanz für welchen Effekt verantwortlich ist. Genau das erschwert klassische Studien.
Beginnen wir mit THC: Wo sehen Sie hier den wichtigsten medizinischen Stellenwert?
THC ist sicher eine sehr interessante Substanz, vor allem in der Palliativmedizin. Relevante Einsatzgebiete sind Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen – etwa additiv in der onkologischen Behandlung – sowie bestimmte Schmerzformen. Wichtig ist aber immer eine vorsichtige Dosierung. Früher hatten wir mit synthetischen Präparaten deutlich mehr Probleme, auch weil zu hoch dosiert wurde. Heute wissen wir: Start low, go slow. Das ist bei Cannabinoiden ganz entscheidend.
Bei welchen Patient:innen würden Sie in der Praxis konkret an THC denken?
Bei Appetitlosigkeit in der Palliativmedizin durchaus früh. Da ist THC aus meiner Sicht eine wichtige Option. Man sollte allerdings rechtzeitig beginnen und nicht erst dann, wenn überhaupt kein Appetit mehr vorhanden ist. Bei komplett ausgeprägter Appetitlosigkeit sind die Regulationsmechanismen oft schon erschöpft. Besser ist es, frühzeitig einzugreifen.
Ein weiteres Einsatzgebiet sind neuropathische Schmerzen, also etwa brennende, einschießende Nervenschmerzen. Hier würde ich THC beziehungsweise cannabisbasierte Präparate als Drittlinientherapie sehen – also dann, wenn andere Optionen wie Pregabalin, Amitriptylin oder Opioide nicht ausreichend wirken oder schlecht vertragen werden. Auch bei Tumorschmerzen kann Cannabis additiv sinnvoll sein, insbesondere wenn die Opioidtherapie nicht den gewünschten Effekt bringt.
Welche Risiken gibt es beim Einsatz von THC?
Das Hauptproblem sind die psychotropen Nebenwirkungen. THC kann Psychosen triggern, vor allem bei entsprechender Disposition. Deshalb sind Psychosen, Schizophrenie und auch psychiatrische Erkrankungen in der Familienanamnese klare Warnsignale beziehungsweise Kontraindikationen. Besonders problematisch ist der Konsum bei jungen Menschen, weil das Gehirn erst mit etwa 23 Jahren vollständig ausgereift ist. Genau deshalb sehe ich den Freizeitkonsum kritisch.
Sie sprechen junge Menschen an – wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung?
Wir sehen durchaus, dass bei jüngeren Menschen cannabisassoziierte Psychosen zunehmen. Das ist eine reale Gefahr. Was für ältere Patient:innen in niedriger Dosierung unter Umständen therapeutisch sinnvoll sein kann, ist für junge Menschen eben nicht harmlos. Deshalb muss man hier sehr klar differenzieren: Medizinisch kontrollierter Einsatz bei definierten Indikationen ist etwas völlig anderes als unkontrollierter Freizeitkonsum.
Und welche Rolle spielt dabei CBD?
CBD ist in meinen Augen besonders spannend, weil es ein ganz anderes Profil als THC hat. Es wirkt unter anderem entzündungshemmend, anxiolytisch und antipsychotisch. Es hebt damit gewissermaßen einen Teil der unerwünschten THC-Wirkungen wieder auf. Deshalb ist die Kombination beider Substanzen oft sinnvoll.
Das Problem in Österreich ist allerdings die regulatorische Situation. Abgesehen von zugelassenen Arzneimitteln wie Epidyolex für bestimmte kindliche Epilepsieformen ist CBD rechtlich und praktisch ein Graubereich. Das erschwert den breiten medizinischen Einsatz.
Wo sehen Sie für CBD sinnvolle Einsatzmöglichkeiten?
Vor allem als Add-on-Therapie. Das möchte ich betonen: CBD ist keine Primärtherapie und kein Ersatz für etablierte Behandlungen. Interessant ist CBD zum Beispiel bei Gliomen. Hier gibt es Hinweise und eine gewisse Evidenz, dass hochdosiertes CBD ergänzend eingesetzt werden kann. Wir sprechen dabei aber nicht von freiverkäuflichen niedrigdosierten Produkten, sondern von deutlich höheren Dosierungen im Bereich von mehreren hundert Milligramm täglich. Auch bei Long COVID, Post-COVID-Syndrom, neuropathischen Schmerzen und entzündlichen Erkrankungen wie Arthritis sehen wir in Einzelfällen und bei kleineren Anwendungen durchaus positive Effekte. Aber auch hier gilt: ergänzend, nicht anstelle einer Standardtherapie.
Was bedeutet das für Allgemeinmediziner:innen – wann sollten sie an Cannabinoide denken?
Bei THC vor allem in der Palliativmedizin: bei Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und als Add-on bei bestimmten Schmerzpatient:innen. Bei neuropathischen Schmerzen kann man daran denken, wenn die üblichen Therapien ausgeschöpft sind. Bei CBD sehe ich spezialisiertere Indikationen, etwa in der Onkologie oder bei komplexen chronischen Krankheitsbildern. Hier braucht es meist mehr Erfahrung. Wichtig ist in jedem Fall, mit niedrigen Dosen zu beginnen, langsam aufzutitrieren und genau auf Wirkung und Nebenwirkungen zu achten. Cannabinoide sind keine erste Standardmaßnahme für alles, sondern gezielte Ergänzungen in ausgewählten Situationen.
Wie sollen Ärzt:innen in Österreich mit CBD praktisch umgehen, wenn es kaum zugelassene Präparate gibt?
Es gibt Apotheken, die entsprechende Zubereitungen herstellen können. Patient:innen in den „Hanf-Shop“ zu schicken ist sicher nicht der richtige Weg. Hochdosierte CBD-Anwendungen gehören aus meiner Sicht in ärztliche Hände und in eine qualitätsgesicherte Versorgung über spezialisierte Apotheken. Gerade bei Dosierung, Reinheit und Indikationsstellung braucht es Professionalität.
Gibt es von Seiten der Patient:innen Vorbehalte?
Bei THC gibt es mehr Zurückhaltung, bei CBD deutlich weniger. Viele Patient:innen berichten, dass sie besser schlafen, weniger Schmerzen haben oder sich insgesamt stabiler fühlen. Ein großer Vorteil ist, dass CBD in der Regel gut verträglich ist und im Vergleich zu vielen anderen Medikamenten relativ wenige Nebenwirkungen hat. Gerade das macht es für viele Patient:innen attraktiv.
Wo findet man Fortbildungen zu diesem Thema?
Es gibt mittlerweile Fortbildungen auf Kongressen, bei Schmerztagungen und auch im apothekerischen Bereich. Das Wissen nimmt zu, aber wir haben sicher noch Informationsdefizite – vor allem jenseits der klassischen Einsatzgebiete. Für komplexe Fragestellungen sind spezialisierte Ambulanzen weiterhin wichtige Ansprechpartner.
Was soll das Buch den Leser:innen mitgeben?
Wir wollten ein verständliches Buch schreiben, das weder unkritische Begeisterung noch pauschale Ablehnung vermittelt. Es geht um einen nüchternen Blick auf die Pflanze: ihre Geschichte, ihre Inhaltsstoffe, mögliche Wirkungen, Nebenwirkungen, Grenzen und offene Fragen. Cannabis ist keine Wundermedizin. Aber das Endocannabinoidsystem ist eines der interessantesten Systeme des Körpers, und die Forschung dazu wird uns in den nächsten Jahren sicher noch einige wichtige Erkenntnisse bringen.
Vielen Dank für das Gespräch!