Die familiäre Hypercholesterinämie (FH) wird autosomal-dominant vererbt und zählt zu den häufigsten genetischen Stoffwechselerkrankungen. Die Prävalenz beträgt heterozygot etwa 1: 250, homozygot etwa 1:250.000. Bei heterozygoten Betroffenen liegt die LDL-Konzentration zwischen 190 und 400 mg/dl, bei homozygoten können Werte von 500 bis 1.000 mg/dl erreicht werden. Das Vererbungsmuster führt dazu, dass in jeder Generation Familienmitglieder betroffen sein können.
Die Erkrankung wurde bereits im 19. Jahrhundert als gelbliche Haut- und Sehnenveränderungen (Xanthome, Abb.) mit schweren Gefäßveränderungen beschrieben. Einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag lieferte Carl Müller, der 1939 den Zusammenhang zwischen hereditärer Xanthomatose und Angina Pectoris beschrieb und damit die genetische Grundlage der Erkrankung hervorhob.
Die Diagnose erfolgt klinisch (Familienanamnese, frühzeitige kardiovaskuläre Ereignisse, erhöhte LDL-Werte von 130–190 mg/dl) und/oder genetisch. Ein positiver Gentest bestätigt die Erkrankung, ein negatives Ergebnis schließt sie jedoch nicht aus. Bei Kindern mit heterozygoter FH zeigen sich früh Gefäßveränderungen wie etwa eine erhöhte Intima-Media-Dicke, was den Beginn der Gefäßveränderungen lange vor dem Auftreten von Symptomen belegt.
Vor Beginn einer medikamentösen Therapie sind Lebensstilmaßnahmen die entscheidende Säule. Eine gesunde, fettbewusste Ernährung mit wenig gesättigten Fettsäuren (max. 10 %), ausreichend Ballaststoffen und wenig Zucker und Fertigprodukten sowie regelmäßige körperliche Aktivität senken das LDL-Cholesterin und verbessern das kardiovaskuläre Risiko. Besonders bei Kindern sollten diese Maßnahmen früh gemeinsam mit der Familie etabliert werden, sie bleiben auch unter Medikation zentral für das langfristige Management.
Die medikamentöse Therapie der FH zielt auf eine deutliche LDL-Senkung ab. Statine sind Standardtherapie und auch bei Kindern wirksam und sicher, senken LDL-Werte signifikant und verlangsamen Gefäßveränderungen. Langzeitbeobachtungen zeigen, dass früh begonnene Therapien den LDL-Spiegel dauerhaft stark reduzieren. Neuerdings stehen PCSK9-Inhibitoren, Lomitapid und RNA-basierte Therapien zur Verfügung. Evolocumab konnte in einer Studie bei Jugendlichen LDL um 44 % senken.
Trotz der klaren diagnostischen Kriterien und effektiven Therapiemöglichkeiten bleibt die FH häufig unerkannt. Ursachen sind unter anderem das Fehlen sichtbarer Symptome im Kindesalter, verbunden mit Verunsicherung und Angst der Eltern, ein begrenztes Bewusstsein für genetische Ursachen von FH sowie Wissenslücken im medizinischen Alltag. Studien zeigen, dass selbst unter Pädiater:innen teilweise Unsicherheiten hinsichtlich Prävalenz, Risikoabschätzung und Therapie bestehen.
Die FH ist eine gut charakterisierte, aber weiterhin häufig übersehene genetische Stoffwechselerkrankung. Eine frühzeitige Diagnose im Kindesalter, verbunden mit adäquater Therapie, kann das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse deutlich reduzieren.
Praxismemo