Anämie und Leukozytose richtig einordnen

Im Raum Wien leben derzeit rund 160.000 Menschen mit Blutbildveränderungen, die mit einer hämatologischen Grunderkrankung in Zusammenhang stehen könnten.
Darunter befinden sich etwa 115.000 Patient:innen mit Anämien, rund 50.000 mit allgemeinen Blutbildveränderungen wie Leukozytosen oder Thrombozytenveränderungen sowie etwa 10.000 Patient:innen mit spezifischen hämatologischen Neoplasien.

Eisenmangelanämie und Anämie der chronischen Erkrankungen

Anämie ist definiert als reduzierte Sauerstofftransportkapazität des Blutes und liegt bei Hämoglobinwerten unter 12 g/dl bei Frauen bzw. unter 13 g/dl bei Männern vor. Klinische Symptomatik, Anamnese, Hämoglobin, Hämatokrit sowie weitere Blutbildparameter wie Leukozyten- und Thrombozytenzahl liefern meist entscheidende diagnostische Hinweise. Ergänzend können Retikulozyten, Ferritin, Eisenstatus, Transferrinsättigung, Vitamin B12, Folsäure, Haptoglobin, LDH, CRP, Coombs-Test oder Hämoglobin-Elektrophorese erforderlich sein.

Tab.: Differenzialdiagnostische Parameter zur Abklärung einer Anämie

Fall 1

Eine 24-jährige Patientin wird im Rahmen einer geplanten Thrombozytenspende (oligosymptomatisch) aufgrund eines Hämoglobinwertes von 8,2 g/dl hämatologisch vorgestellt. Im Blutbild zeigt sich eine mikrozytäre hypochrome Anämie bei unauffälligen Leukozyten und Thrombozyten. Die Konstellation (Anamnese, Beschwerden, Befunde) spricht für eine Eisenmangelanämie bei chronischem Blutverlust. Unter oraler Eisensubstitution kommt es zu einem raschen Hämoglobinanstieg auf 12 g/dl in nur 6 Wochen. Bei menstruationsbedingter chronischer Blutungsanämie stellt die orale Eisensubstitution weiterhin die etablierte First-Line-Therapie dar.

Fall 2

Eine 63-jährige postmenopausale Patientin weist einen Hämoglobinwert von 9,8 g/dl (MCV und MCH im Normbereich) bei milder Thrombozytose und leicht erhöhtem CRP auf. Das Ferritin liegt im Normbereich, die Transferrinsättigung ist jedoch reduziert. Anamnestisch besteht eine rheumatoide Arthritis unter Methotrexat-Therapie. Unter mehrmonatiger oraler Eisensubstitution zeigt sich keine relevante Verbesserung der Anämie. Nach intravenöser Eisengabe steigt das Hämoglobin innerhalb von 6 Wochen auf 11,8g/dl an. Dieses Beispiel verdeutlicht die Bedeutung der Transferrinsättigung bei gleichzeitig normalem oder erhöhtem Ferritin.

Leukozytose

Üblicherweise wird bei Erwachsenen eine Leukozytose als Erhöhung der weißen Blutkörperchen auf über 11 G/l definiert. In der Mehrzahl der Fälle liegt eine reaktive Ursache vor. Entscheidend für die Differenzierung sind Verlauf, Differenzialblutbild und klinische Begleitbefunde. Warnzeichen sind insbesondere Blasten im peripheren Blut, Zytopenien, Splenomegalie oder Lymphadenopathie.

Fall 1

Ein 78-jähriger Patient stellt sich mit Fieber, Husten und Dyspnoe vor. Die Leukozytenzahl beträgt 18 G/l mit ausgeprägter Neutrophilie, das CRP ist erhöht. Überdies zeigt sich eine grenzwertige mikrozytäre, hypochrome Anämie, das Ferritin ist hoch. Das Lungenröntgen zeigt ein Infiltrat im rechten Unterfeld.Diese Kombination spricht für eine reaktive Genese. Unter Steroiden und antimikrobieller Therapie kommt es zur raschen Besserung, die Leukozytose und Anämie persistieren in geringerem Ausmaß im Rahmen der chronischen Inflammation.

Fall 2

Ein 68-jähriger Patient wird wegen persistierender Leukozytose vorgestellt. Es zeigt sich eine isolierte Lymphozytose von 46 G/l. Klinisch bestehen diskrete Lymphknotenvergrößerungen. Im Blutausstrich imponieren kleine, reif wirkende Lymphozyten sowie Kernschatten.Die Persistenz und das monomorphe Zellbild sprechen für eine klonale Lymphozytose. Die Durchflusszytometrie (CD5+, CD19+, CD23+, CD20 schwach) ist diagnostisch; eine weiterführende Beckenkammpunktion ist hier nicht erforderlich. Da Hämoglobin und Thrombozyten im Normbereich liegen, besteht aktuell keine Therapieindikation.

Fall 3

Ein 55-jähriger Patient fällt durch eine Leukozytose von 85 G/l auf. Im Differenzialblutbild zeigt sich eine ausgeprägte Linksverschiebung mit Vorstufen aller Reifungsstufen sowie Basophilie. Klinisch besteht eine Splenomegalie. Hohe Leukozytenzahl, Linksverschiebung und Basophilie sind hochverdächtig für eine chronische myeloische Leukämie. Der Nachweis einer BCR-ABL1-Fusion ist diagnostisch. Eine Beckenkammuntersuchung dient der weiteren Klassifikation. Unter Tyrosinkinaseinhibitor-Therapie kommt es in der Regel zum raschen Rückgang der Leukozytenzahl.

Fazit

Anämie und Leukozytose gehören zu den häufigsten Laborphänomenen im klinischen Alltag. Meist liegen reaktive Ursachen zugrunde, dennoch müssen hämatologische Erkrankungen sicher ausgeschlossen werden. Entscheidend sind Verlauf, Differenzialblutbild und das frühzeitige Erkennen von Warnzeichen.