Wann an Krebs denken?

Die Zahl an Krebsneuerkrankungen ist in Österreich zwischen 2014 und 2024 um 16,4% gestiegen.1 Schätzungen zufolge wird sich der Anteil der >65-Jährigen bis zum Jahr 2040 verdoppeln.2 Mit dieser demografischen Entwicklung einhergehend wird die Zahl der onkologischen Patient:innen ansteigen, da im höheren Alter das Krebsrisiko zunimmt. Dem frühzeitigen Erkennen von Red Flags (siehe Kasten), die auf eine maligne Erkrankung hinweisen, kommt daher eine entscheidende Bedeutung zu. Die Allgemeinmedizin nimmt hier eine besondere Rolle ein, da Patient:innen mit unspezifischen Beschwerden häufig zuerst eine hausärztliche Ordination aufsuchen. Durch die kontinuierliche Betreuung und die oft langjährige Arzt-Patienten-Beziehung können Veränderungen im Gesundheitszustand, persistierende Symptome oder subtile klinische Auffälligkeiten früh erkannt und einer gezielten Abklärung zugeführt werden. Vonseiten der Patient:innen kann ein Anstieg in der Konsultationsfrequenz erste Hinweise liefern: Eine populationsbasierte Registerstudie aus Dänemark wies nach, dass Betroffene 4–6 Monate vor ihrer Krebsdiagnose 1–2 zusätzliche Konsultationen in Anspruch nahmen, unabhängig von ihrem sonstigen Inanspruchnahmeverhalten.3

Allgemeinsymptome

Unspezifische Allgemeinsymptome wie anhaltende Müdigkeit bzw. Leistungsabfall trotz ausreichender Erholungsphasen, ungewollter Gewichtsverlust (>10% des Körpergewichts innerhalb von 6Monaten) sowie Fieber und Nachtschweiß können auf eine Krebserkrankung hinweisen. Diese Beschwerden haben einzeln meist nur eine geringe Spezifität und treten häufig auch im Rahmen benigner oder chronisch entzündlicher Erkrankungen auf. Klinisch relevant werden sie insbesondere bei Persistenz, progredientem Verlauf oder in Kombination mit weiteren Auffälligkeiten wie Anämie, Lymphadenopathie oder organbezogenen Symptomen. Vor allem die sogenannte B-Symptomatik mit Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust ist klassischerweise mit hämatologischen Neoplasien wie Lymphomen assoziiert, kann jedoch auch bei fortgeschrittenen soliden Tumoren auftreten. Hier sollte daher eine weiterführende diagnostische Abklärung erfolgen, wenn sich keine andere plausible Ursache findet.

Hämatologische Auffälligkeiten

Eine dänische Kohortenstudie zeigte, dass Eisenmangelanämie in der Allgemeinmedizin ein möglicher Hinweis auf eine bislang unerkannte Tumorerkrankung sein kann. Dennoch erhielt etwa die Hälfte der Patient:innen mit neu diagnostizierter Eisenmangelanämie keine weiterführende krebsrelevante Abklärung wie Koloskopie oder Gastroskopie. Die Autor:innen sehen darin potenziell verpasste Diagnosechancen (Diagnostic Delay) und betonen die Bedeutung einer konsequenten Abklärung von neu aufgetretener Eisenmangelanämie.4 Insbesondere bei Männern und postmenopausalen Frauen kann eine Eisenmangelanämie auf Tumoren des Gastrointestinaltraktes hinweisen.

Gastrointestinale Red Flags

Ein systematischer Review mit Metaanalyse zeigte, dass beim frühen kolorektalen Karzinom (<50 Jahre) typische Red Flags häufig bereits früh auftreten, darunter Hämatochezie, abdominelle Schmerzen und veränderte Stuhlgewohnheiten. Insbesondere Hämatochezie war mit einem bis zu 5-fach erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert. Gleichzeitig nimmt die Inzidenz des kolorektalen Karzinoms unter jüngeren Personen zu – dennoch kam es häufig zu diagnostischen Verzögerungen von durchschnittlich etwa 4 bis 6 Monaten, was auf eine unzureichende oder verzögerte Abklärung dieser Warnsymptome hinweist.5 Blut im Stuhl oder eine Änderung der Stuhlgewohnheiten sollten jedoch in jeder Altersgruppe ernst genommen werden.

Pulmonale Symptome

Pulmonale Symptome stellen in der Primärversorgung eine diagnostische Herausforderung dar, da typische Beschwerden wie Husten, Dyspnoe, Thoraxschmerzen oder rezidivierende Atemwegsinfekte oft unspezifisch sind und meist benigne Ursachen haben. Dennoch steigt die Wahrscheinlichkeit eines Bronchialkarzinoms bei persistierenden Beschwerden, Symptomkombinationen wie Husten und Hämoptysen sowie bei zusätzlichen Risikofaktoren wie höherem Alter oder positiver Raucheranamnese.6 Letzteres ist vor allem bei der Veränderung eines chronischen Raucherhustens zu berücksichtigen.

Urogenitale Symptome

Bereits in der Primärversorgung können urogenitale Karzinome mit relativ charakteristischen Beschwerden in Erscheinung treten: Eine europäische Primärversorgungsstudie mit über 61.000 Patient:innen, von denen 511 nach dem Aufsuchen einer allgemeinmedizinischen Praxis eine Krebsdiagnose erhielten, untersuchte in einer Subgruppenanalyse urogenitaler Karzinome die Symptome, die zur ärztlichen Konsultation führten. Makroskopische Hämaturie war insbesondere mit Blasen- und Nierenkarzinomen assoziiert und wies eine sehr hohe Spezifität auf. Häufiges Wasserlassen war vor allem mit Blasen- und Prostatakarzinomen assoziiert, unerwartete vaginale Blutungen mit Endometriumkarzinomen. Bei Ovarialkarzinomen traten Blähungen, eine Zunahme des Bauchumfangs sowie ein tastbarer Tumor als Symptome auf.7

Risikostratifizierung

Patientenbezogene Faktoren wie z.B. Alter, Geschlecht, Rauchen, Adipositas, Familienanamnese sowie eine vorangegangene Tumorerkrankung (Rezidiv- bzw. Zweitmalignomrisiko) bestimmen die individuelle Vortestwahrscheinlichkeit einer malignen Erkrankung maßgeblich. Ein identes Symptom kann damit je nach Kontext eine deutlich unterschiedliche klinische Relevanz haben. Entscheidend ist daher nicht das isolierte Symptom, sondern dessen Einordnung in einen Gesamtzusammenhang aus Symptomcharakteristik, Symptomkonstellation und zeitlichem Verlauf.8 Persistenz über mehrere Wochen, fehlendes Ansprechen auf Standardtherapien oder eine progrediente Dynamik erhöhen die diagnostische Relevanz deutlich. Besonders verdächtig sind symptomatische Cluster wie z.B. B-Symptomatik in Kombination mit Anämie, Gewichtsverlust mit gastrointestinalen Beschwerden, Kopfschmerzen mit neurologischen Defiziten oder Husten mit Hämoptysen, insbesondere bei positiver Raucheranamnese.9Die Risikostratifizierung in der Allgemeinmedizin sollte somit nicht symptomzentriert erfolgen, sondern als integrative Bewertung aller Faktoren in einem Setting niedriger Prätestwahrscheinlichkeit. Ergänzend kommt Safety-Netting als strukturierendes Element zum Einsatz: Dies umfasst konkrete Instruktionen zur Wiedervorstellung innerhalb definierter Zeitfenster bzw. auch früher bei fehlender Besserung, Verschlechterung oder dem Auftreten neuer Symptome.9 Darüber hinaus legten Untersuchungen nahe, dass auch die ärztliche Intuition eine Rolle spielt, weshalb diese durchaus eine Ergänzung in der Entscheidungsfindung hinsichtlich Überweisungswegen darstellen kann.10, 11

Neben den Red Flags, die auf eine maligne Erkrankung hinweisen, gilt es auch, auf Warnsignale bei Patient:innen mit bekannter Krebsdiagnose zu achten (siehe Kasten). Dabei kann es sich um einen onkologischen Notfall handeln, der durch die Tumorerkrankung selbst oder als Nebenwirkung der Therapie auftritt. Das rechtzeitige Erkennen und die rasche Behandlung eines onkologischen Notfalls können lebensverlängernd sein und die Lebensqualität der Patient:innen erhalten.12