6 Fragen aus der Praxis

1) Ist eine Senkung der Mortalität durch das Prostatakarzinom mittels PSA-Screening erwiesen? Was versteht man unter einer risikoadaptierten PSA-Testung?
Die urologischen Fachgesellschaften betrachten die Reduktion der prostatakarzinomspezifischen Mortalität durch PSA-basiertes Screening als belegt. Langzeitdaten über einen Zeitraum von 20 Jahren weisen auf eine relative Senkung der Sterblichkeit um etwa 20–30% hin.
Ein risikoadaptiertes PSA-Screening berücksichtigt die individuelle Ausgangshöhe des PSA-Wertes und passt die Screening-Intervalle entsprechend an: Bei erhöhten PSA-Werten wird eine engmaschige Kontrolle, beispielsweise nach einem Jahr, empfohlen; bei niedrigen Ausgangswerten kann das Intervall auf bis zu 5 Jahre ausgedehnt werden. Grundsätzlich gilt: Je niedriger der PSA-Ausgangswert, desto geringer ist das Risiko für ein klinisch relevantes Prostatakarzinom.

Prim. Priv.-Doz. Dr. Anton Ponholzer, FEBU,
Gastprofessor der MedUni Wien, Abteilung für Urologie und Andrologie, KH Barmherzige Brüder Wien


2) Gibt es frühe Symptome oder Veränderungen bei Laborparametern, die Hinweise auf ein beginnendes Pankreas-, Magen- oder cholangiozelluläres Karzinom sein könnten, und welche diagnostischen Maßnahmen sind heute Standard bei der weiteren Abklärung?
Diese Tumoren machen anfangs oft keine oder nur unspezifische Beschwerden. Mögliche frühe Hinweise sind:

  • Appetitlosigkeit, frühes Sättigungsgefühl
  • ungewollter Gewichtsverlust
  • Oberbauch- oder Rückenschmerzen
  • Gelbsucht (Gelbfärbung der Haut oder Augen)
  • Blutwerte können auffällig sein, sind aber allein nicht aussagekräftig.

Zur Abklärung gehören heute meist Ultraschall, CT oder MRT, eine Magenspiegelung und eine Gewebeprobe.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Armin Gerger,
Leiter der Inneren Medizin 2 – Abteilung für Hämatologie und Internistische Onkologie, Gastroenterologie und Hepatologie, Landesklinikum Amstetten


3) Welchen Stellenwert hat heute die Chirurgie in der Therapie des Mammakarzinoms? Welche Entwicklungen sind hier zu erwarten?
Die Chirurgie hat nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert in der Therapie des frühen Mammakarzinoms. Es gibt nach wie vor keine Daten, die darauf hinweisen würden, dass man – selbst bei sehr gutem Ansprechen auf andere Therapiemodalitäten (z.B. neoadjuvante Chemoimmuntherapie mit radiologischer Komplettremission) – bei frühem Brustkrebs auf eine Operation verzichten könnte, denn auch bei radiologischer Komplettremission findet man histopathologisch noch zu einem gewissen Prozentsatz vitales Tumorgewebe. Nur die Operation bringt daher die Sicherheit, dass der Primärtumor vollständig entfernt wurde. Was die operative Therapie der axillären Lymphknoten betrifft, so geht die Entwicklung in die Richtung möglichst wenig invasiver chirurgischer Maßnahmen.

Priv.-Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl, MBA,
Leiterin Tumorzentrum Oberösterreich, Wissenschaftliche Leiterin Krebsreport, Medizinische Leitung OeGHO


4) Wie sollte die weitere Abklärung eines im Thoraxröntgen zufällig entdeckten Rundherdes bei asymptomatischen Patient:innen erfolgen?
Hier ist keine allgemein gültige Antwort möglich, da die Empfehlungen zur weiteren Abklärung eines zufällig entdeckten Rundherdes im Röntgen stark von dessen Größe und Dichte abhängig sind, denn nicht jeder Rundherd ist maligne. Auch andere Risikofaktoren, die das Vorhandensein eines Lungenkrebses begünstigen, wie Alter, Raucheranamnese, Familienanamnese, pulmonale Komorbiditäten sowie der Allgemeinzustand der Patient:innen und deren Lungenfunktion, sollten in den weiteren Abklärungsprozess miteinbezogen werden. Neben Pneumolog:innen werden in diesen Prozess auch Radiolog:innen und Thoraxchirurg:innen stark eingebunden. So kann für alle Patient:innen ein optimales, personalisiertes Rundherdmanagement gefunden werden.
OÄ Dr.in Romana Wass, PhD,
Abteilung für Innere Medizin 4 – Pneumologie und Infektiologie, Kepler Universitätsklinikum, Linz
OA Dr. Maximilian J. Hochmair,
Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie, Klinik Floridsdorf, Wien, Karl Landsteiner Institut für Lungenforschung und pneumologische Onkologie

5) Wie ist die Evidenzlage für die Wirksamkeit einer onkologischen Rehabilitation (ambulant oder stationär)? Sind Ausdauer- und Krafttraining gleichwertig, und sollen sie immer in Kombination eingesetzt werden?
Hier ist es grundsätzlich wichtig, zwischen 1. dem „Gesamtkunstwerk“ einer multimodalen onkologischen Rehabilitation, die ja aus unterschiedlichen Modulen mit dabei unterschiedlichen möglichen Interventionen besteht, und 2. den einzelnen Modulen und dabei wiederum den einzelnen Interventionen wie z.B. Krafttraining oder Ausdauertraining zu unterscheiden.

  • Der Nachweis über die Effektivität einer stationären onkologischen Rehabilitation (als Gesamtmaßnahme) im Hinblick auf die Lebensqualität und Teilhabe konnte insbesondere durch in Österreich durchgeführte Studien (Studiengruppe um Thomas Licht et al.) belegt und hochrangig publiziert werden – und dies für unterschiedliche Krebsentitäten, Lebensalter und (biologische) Geschlechter. Dies nachzuweisen war eine sehr wertvolle wissenschaftliche Arbeit, da gerade komplexe multimodale Maßnahmen wie eine Rehabilitation hinsichtlich ihrer Effekte (insbesondere in Bezug auf deren Nachhaltigkeit) nur sehr schwierig zu evaluieren und darzustellen sind.
  • Ambulante Maßnahmen sind ebenfalls effektiv und stellen die logische Konsequenz einer stationären Rehabilitation dar, entweder einer solchen nachfolgend oder als deren Ersatz, wenn die stationäre Maßnahme nicht umsetzbar ist. Für beide – die stationäre und die ambulante onkologische Rehabilitation – werden weltweit weiterhin wissenschaftliche Studien durchgeführt, um optimale Konzepte hinsichtlich ihrer Effektivität und Effizienz weiterzuentwickeln.
  • Ausdauertraining und Krafttraining beziehen sich auf die beiden klassisch trainierbaren motorischen Grundeigenschaften Ausdauer sowie Kraft und sind essenzieller Teil der onkologischen Rehabilitation. Beide werden gebraucht, denn ein Training dieser Eigenschaften hat unterschiedliche, sich ergänzende Benefits sowohl für Gesunde als auch für Cancer Survivors. Gerade für die medizinische Trainingstherapie mit Ausdauer- und Krafttraining gibt es eine gute wissenschaftliche Evidenz – und dies für mehr und mehr Krebsentitäten und alle Lebensalter. Man darf dabei nicht vergessen: Vor etwa 20 Jahren galt körperliche Belastung als kontraindiziert – heute gilt Training als eine Art zusätzliches „Medikament“ für Krebspatient:innen bzw. Cancer Survivors, von dem die meisten sicher profitieren können. Laut weiteren eigenen Daten schätzen österreichische Expert:innen die Trainingstherapie zudem als wesentlichsten Faktor für einen gelungenen Return to Work und eine funktionierende berufliche Wiedereingliederung sowie berufliche Teilhabe ein. Natürlich gilt das auch für alle anderen Cancer Survivors – v.a. auch für jene im höheren Alter –, da eine verbesserte körperliche Leistungsfähigkeit nachweisbar eine bessere soziale Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden garantieren kann.

Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna
Präsident des Vereins „Leben mit Krebs“


6) Wann sollten Allgemeinärzt:innen Kontakt mit einem Palliative-Care-Team aufnehmen, und wie sollte die ideale Zusammenarbeit zwischen diesen beiden aussehen?
Dies ist der Fall, wenn die Krankheit fortgeschritten ist und der Fokus auf der Linderung von Symptomen und der Verbesserung der Lebensqualität liegt. Die ideale Zusammenarbeit umfasst einen regelmäßigen Austausch, bei dem die Allgemeinärzt:innen die Hauptansprechpartner:innen bleiben, während das Palliative-Care-Team spezialisierte Unterstützung bei der Linderung von Symptomen und bei der psychosozialen Begleitung bietet. Auf diese Weise wird gemeinsam eine individuelle Betreuung gewährleistet, die den Wünschen, Werten und Zielen der Patient:innen entspricht und deren Umfeld miteinbezieht. Dabei sind ein „Sowohl-als-auch“ und eine respektvolle Zusammenarbeit wichtig.
Univ.-Prof.in Priv.-Doz.in DDr.in Eva Katharina Masel, MSc,
Klinische Abteilung für Palliativmedizin, Universitätsklinik für Innere Medizin I, MedUni Wien

OÄ Priv.-Doz.in Dr.in Gudrun Kreye, MBA,
Klinische Abteilung für Innere Medizin 2, Universitätsklinikum Krems, Präsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft