Bei einer Sepsis wird die Immunantwort auf eine Infektion selbst zur Gefahr: Die Abwehrreaktion kann sich gegen körpereigenes Gewebe und Organe richten und eine lebensbedrohliche Organdysfunktion auslösen. Rund 20 % der Betroffenen versterben an der Erkrankung. Für die Überlebenschancen ist ein möglichst früher Therapiebeginn entscheidend. Anlässlich des Welt-Sepsis-Tages weist die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) auf die im März 2026 veröffentlichten aktualisierten Leitlinien der Surviving Sepsis Campaign (SSC) hin. Die Empfehlungen reichen von Früherkennung und Diagnostik über Antibiotikatherapie und Kreislaufstabilisierung bis zur Nachbetreuung. „Die neuen Leitlinien zeigen sehr deutlich, worauf es bei Sepsis ankommt: Wir brauchen eine Versorgungskette, in der ein Verdacht möglichst früh erkannt wird und die notwendigen diagnostischen und therapeutischen Schritte ohne Verzögerungen ineinandergreifen“, betont Prim. Priv.-Doz. Dr. Michael Zink, Präsident der ÖGARI. Für Österreich steht zudem ein Konsensuspapier zur Prävention, Diagnostik, Behandlung und Nachbetreuung von Sepsis aus dem Jahr 2023 zur Verfügung. „Vom ersten Verdacht über die Akutbehandlung bis zur Nachsorge darf möglichst keine Lücke entstehen. Entscheidend ist, die Empfehlungen konsequent in funktionierende Versorgungsabläufe zu übersetzen“, bringt es Zink auf den Punkt.
Standardisierte Frühwarnsysteme sollen Veränderungen von Blutdruck, Puls, Atmung, Temperatur und Bewusstseinslage rechtzeitig erfassen. Empfohlen werden etablierte Score-Systeme wie NEWS, NEWS2, MEWS oder die SIRS-Kriterien. Von einer alleinigen Orientierung am qSOFA-Score wird hingegen abgeraten. Eine Sepsis lässt sich nicht durch einen einzelnen Test bestätigen oder ausschließen, sondern bleibt eine klinische Diagnose: Entscheidend ist das Gesamtbild. Bei Verdacht sollen unter anderem Laktat und Blutkulturen bestimmt werden, ohne die Behandlung dadurch zu verzögern.
Bei septischem Schock sowie bei wahrscheinlicher oder gesicherter Sepsis sollen Antibiotika sofort, möglichst innerhalb einer Stunde, verabreicht werden. Ist eine Sepsis zunächst nur möglich und liegt kein Schock vor, soll rasch abgeklärt und bei erhärtetem Verdacht innerhalb von 3 Stunden mit der Antibiotikatherapie begonnen werden. Gleichzeitig greifen viele Maßnahmen ineinander: Unter engmaschiger Überwachung muss der Kreislauf stabilisiert und die Versorgung der Organe sichergestellt werden.
Mit der Stabilisierung und Entlassung aus dem Krankenhaus ist die Erkrankung für viele Betroffene jedoch noch nicht abgeschlossen. Nach einer schweren Sepsis können körperliche, kognitive und psychische Beschwerden über längere Zeit fortbestehen. Das Ludwig Boltzmann Institut für Traumatologie untersucht in Kooperation mit der AUVA (LBI Trauma), wie Langzeitfolgen der Sepsis früher erkannt und gezielter behandelt werden können. Häufig bestehen neurologische Probleme, Muskelschäden oder wiederkehrende Infektionen, gleichzeitig werden die Beschwerden nicht immer mit der vorausgegangenen Sepsis in Zusammenhang gebracht, wodurch sie im System unsichtbar bleiben. Die neuen SSC-Leitlinien empfehlen, Patient:innen und Angehörige bereits vor der Entlassung über mögliche Folgen einer Sepsis und intensivmedizinischen Behandlung zu informieren sowie strukturierte Nachsorgeangebote bereitzustellen. Nach längerer Beatmung soll eine physische Rehabilitation angeboten und psychische Folgen aktiv berücksichtigt werden.
Das internationale Forschungsprojekt BEATsepsis untersucht die Mechanismen hinter den Langzeitfolgen einer Sepsis. Das LBI Trauma analysiert dazu Entzündungsmarker im Blut, um Zusammenhänge mit dem Risiko für Langzeitfolgen und Post-Sepsis-Syndrom zu erkennen. Ziel ist es, Betroffene frühzeitig zu identifizieren und mögliche präventive Maßnahmen einzuleiten. Bis dahin bleibt die Aufklärung über Sepsis und ihre möglichen Nachwirkungen zentral, da sie häufig zu spät erkannt wird. Der Welt-Sepsis-Tag soll dazu beitragen, das Bewusstsein für die Erkrankung und ihre Folgen zu schärfen.