Gliome – zwischen Fortschritt und Stillstand

In Österreich erkranken ca. 650 Menschen jährlich an einem Gehirntumor. Der Großteil dieser Tumoren ist bis heute nicht heilbar. Intensive Forschung und wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahre haben jedoch zu einem beträchtlichen Wissenszuwachs und letztendlich auch zu neuen Medikamentenzulassungen geführt. Im folgenden Artikel werden die neuesten Daten zu Diagnostik und Therapie von Hirntumoren, im Speziellen den Gliomen, zusammengefasst.

Wie werden Hirntumoren diagnostiziert?

Die Bildgebung ist in der Neuroonkologie das wichtigste Instrument zur Detektion einer zerebralen Raumforderung und Prognoseabschätzung. Sie stellt ein wichtiges Werkzeug zur Erstbeurteilung der Operabilität einer Läsion dar und wird zum Monitoring des Therapieansprechens herangezogen. Die Magnetresonanztomografie (MRT) stellt hier den Goldstandard der strukturellen Bildgebung dar und wird zunehmend durch funktionelle Bildgebungsmodalitäten wie zum Beispiel die Aminosäure-Positronenemissionstomografie (PET) ergänzt.

Die MRT kann uns wichtige Informationen über Diagnose und Differenzialdiagnosen liefern. Es sollte jedoch, wenn neurochirurgisch vertretbar (Lage des Tumors, Komorbiditäten), immer eine Entfernung bzw. bioptische Sicherung mit neuropathologischer Aufarbeitung der Raumforderung angestrebt werden. Dies ist wichtig für die weitere Planung der Kontrollen, die Prognoseabschätzung und ggf. auch die Therapieeinleitung.

Seit 2021 ist die neuropathologische Aufarbeitung des Gewebes zudem noch wichtiger geworden, da hier die 5. Auflage der WHO-Klassifikation in Kraft getreten ist. Das Besondere an der neuen Auflage ist die Tatsache, dass neben den histologischen auch molekularbiologische Faktoren sowie genetische und epigenetische Veränderungen zur Klassifizierung herangezogen werden. Dies hat viel zum Verständnis von ZNS-Tumoren beigetragen und letztendlich auch zu neuen Therapien geführt, was im Folgenden kurz skizziert wird.

Praxismemo

  1. Gewebeanalysen und molekulare Marker sind für Diagnose und Therapie von Hirntumoren wegweisend.
  2. Vorasidenib ist seit 2025 für IDH-mutierte Gliome zugelassen und verlängert das progressionsfreie Intervall.
  3. Auch beim aggressivsten Hirntumor, dem Glioblastom, existieren mittlerweile zielgerichtete Therapien.

Therapie der Gliome

IDHmutierte Gliome. Niedriggradige IDH-mutierte Gliome zählen zu den häufigsten Gliomen zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr und sind bis heute nicht heilbar. Die Prognose hängt von der malignen Transformation ab, also dem Zeitpunkt, wann eine Umwandlung in ein höhergradiges Gliom stattfindet. Beim Astrozytom sind es durchschnittlich 5–10 Jahre, beim Oligodendrogliom 7–15 Jahre – ohne maligne Transformation hier auch länger. Diese Patient:innen leiden oft an (therapierefraktären) epileptischen Anfällen und kognitiven Störungen. Bei günstigem Risikoprofil kann nach erfolgter Diagnostik eine „Wait and see“-Strategie empfohlen werden, mit regelmäßigen MRT-Kontrollen alle 6 bzw. 12 Monate. Falls eine Therapie eingeleitet wird, gibt es bei den IDH-mutierten Gliomen sicherlich die größte und bedeutendste Neuerung in der Neuroonkologie.

Beinhalteten Therapieansätze in den letzten Jahren lediglich eine operative Entfernung des Tumors (auch zur histologischen und molekulargenetischen Sicherung) und anschließend je nach Risikoprofil eine Strahlentherapie und Chemotherapie in Form von PCV (Procarbazin, Lomustin und Vincristin) bzw. Temozolomid, wurde im September 2025 erstmals eine zielgerichtete Therapie für die Behandlung der IDH-mutierten Gliome in Europa zugelassen. Es handelt sich dabei um einen IDH-Inhibitor namens Vorasidenib, der in der Zulassungsstudie (INDIGO-Studie) zu einem deutlich längeren progressionsfreien Intervall und einer längeren Zeit bis zur Einleitung einer weiteren onkologischen Therapie geführt hat. In weiteren Subanalysen konnte in der Folge gezeigt werden, dass Vorasidenib auch MR-tomografisch zu einer Abnahme des Tumorvolumens und einer Abnahme der Wachstumsrate der Gliome führte. Zudem konnte auch eine Reduktion von epileptischen Anfällen beobachtet werden. Aktuell werden die EANO-Leitlinien zum Einsatz von Vorasidenib noch aktualisiert und für das 4. Quartal 2026 erwartet.

IDHWildtyp-Gliome. Zu den IDH-Wildtyp-Gliomen gehört das Glioblastom, der aggressivste Hirntumor, der trotz multimodaler Therapie mit Operation, Strahlen- und Chemotherapie mit einer sehr schlechten Prognose vergesellschaftet ist. Auf den ersten Blick scheinen die intensiven Forschungsbestrebungen hier nutzlos zu sein. Die letzte positive Phase-III-Medikamentenstudie ist aus dem Jahre 2005 – vor mehr als 20 Jahren. Erwähnenswert ist, dass 2019 eine Behandlung mit elektrischen Wechselfeldern (sogenannte Tumor Treating Fields) positive Ergebnisse brachte (PhaseIII, Medizinproduktstudie). Gesamt betrachtet liegt das Überleben aber immer noch im Median bei 15 Monaten. Wenn man sich jedoch einzelne molekulare Subgruppen ansieht, dann wird der Fortschritt erkennbar. Zum Beispiel zeigen MGMT-methylierte Patient:innen ein besseres Ansprechen auf eine alkylierende Therapie, in Form von z.B. Temozolomid oder CCNU. Gleichermaßen konnte gezeigt werden, dass ältere Patient:innen, die nicht MGMT-methyliert sind, keinen Benefit von Temozolomid haben. Das ist wichtig, um diese Patientengruppe vor unnötiger Toxizität zu schützen und die Lebensqualität zu erhalten. Weitere Zielmoleküle, die beim Glioblastom entdeckt wurden und zielgerichtet therapiert werden, sind zum Beispiel die BRAF-V600E-Mutation, die man aus der Melanombehandlung kennt, und NTRK. Auch hier gibt es mittlerweile wirksame Therapien, und die Liste der ZNS-gängigen zielgerichteten Medikamente wird langsam, aber stetig länger.

Zusammenfassend sind Fortschritte vor allem in der Behandlung kleinerer molekularer Subgruppen in der Neuroonkologie erzielt worden. Die Zulassung des IDH-Inhibitors Vorasidenib stellt einen Meilenstein in der personalisierten Behandlung von IDH-mutierten Gliomen dar, und man darf gespannt auf die weiteren positiven Entwicklungen in der Neuroonkologie blicken.