Sabrina Delphine Brunner, Karl Landsteiner Universität, Krems an der Donau, Master Thesis
Allgemeinmediziner:innen sind häufig die erste Anlaufstelle für Patient:innen mit Herzinsuffizienz, einer Folge vieler kardiovaskulärer Grunderkrankungen. Österreichische Ärzt:innen fühlen sich im Allgemeinen gut informiert und verlassen sich stark auf digitale Tools sowie evidenzbasierte Ressourcen bei Diagnostik und Behandlung. Inwiefern differieren leitlinienkonforme Vorgangsweisen in Theorie und Praxis? Gibt es Bereiche mit Verbesserungsbedarf?
Initial wurde eine explorative, webbasierte Befragung praktizierender österreichischer Hausärzt:innen durchgeführt, die Bereiche wie Demografie, Behandlungspraktiken bei Herzinsuffizienz, Wissensquellen und wahrgenommene Barrieren untersuchte. Die gesammelten Datensätze wurden eigenständig analysiert sowie mit bereits vorhandener Literatur verglichen. Obwohl die Teilnehmerzahl eher klein war, stellte sie doch einen guten repräsentativen Querschnitt dar.
Herausforderungen sah man in der interdisziplinären Zusammenarbeit, der verzögerten Diagnostik sowie dem eingeschränkten Zugang zu strukturierten Versorgungsprogrammen. Diese systemischen Barrieren erschweren häufig die leitliniengerechte Versorgung trotz der hohen Kontinuität und Patientennähe der Primärversorger:innen.
Die Ergebnisse weisen auf einen erheblichen Optimierungsbedarf sowie eine generelle Forschungslücke im Bereich des Wissensmanagements in der Primärversorgung hin. Um ein integriertes, leitlinienorientiertes Management von Patient:innen mit Herzinsuffizienz sicherzustellen, sind die Implementierung sowie Weiterentwicklung anwenderfreundlicher digitaler Gesundheitsinfrastrukturen erforderlich.
Klaus Siebenbrunner, Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung, MedUni Graz, Diplomarbeit
Allgemeinmediziner:innen werden in ihrer Ordination tagtäglich mit nichtmedizinischen Bedürfnissen ihrer Patient:innen konfrontiert. Um körperliche, psychische und soziale Gesundheit dieser Menschen zu stärken, können im Rahmen von Social Prescribing beispielsweise Sportangebote oder künstlerische oder ehrenamtliche Aktivitäten in diversen Gruppen oder Vereinen „auf Rezept“ verschrieben werden. Ärzt:innen verweisen dabei auf soziale und gemeinschaftliche Angebote, die durch eine Fachkraft mit Link-Working-Funktion koordiniert werden. In dieser Studie werden der Bedarf und die Umsetzungsmöglichkeiten von Social Prescribing in der Marktgemeinde Gröbming diskutiert.
Nach der Befragung von 5 in Gröbming tätigen Ärzt:innen wurden anschließend leitfadengestützte Interviews mit 5 regionalen Multiplikator:innen durchgeführt. Die Ergebnisse beider Erhebungen zeigen einen klaren Bedarf für Social Prescribing in der Gemeinde, insbesondere für von sozialer Isolation und Einsamkeit Betroffene. Als zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung wird die Etablierung einer qualifizierten Link-Working-Fachkraft genannt. Gleichzeitig gibt es Herausforderungen wie Finanzierung und organisatorische Einbettung. Alternativ könnte eine Anbindung an bereits bestehende regionale Projekte erfolgen. Dadurch könnten Primärversorger:innen entlastet und die gesundheitliche Versorgung nachhaltig ergänzt werden.
Nina Maria Barilich, Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung, MedUni Graz, Diplomarbeit
Osteoporose ist eine Volkskrankheit, die mit Fragilitätsfrakturen, erhöhter Mortalität, chronischen Schmerzen und hoher gesundheitssystemischer Belastung einhergeht. In Österreich wird der größte Teil der Patient:innen mit Osteoporose in der Primärversorgungsebene betreut. Studiendaten aus dem Jahr 2019 zeigen, dass 52% der betroffenen Frauen mit Osteoporose keine Therapie erhalten. 9 Jahre zuvor, 2010, betrug der Anteil der unbehandelten Osteoporoseerkrankten trotz passender Indikation ebenfalls 51 %.
20 Allgemeinmediziner:innen in der Region Steiermark wurden in Telefoninterviews zu Risikofaktoren, Diagnostik, Folgeerscheinungen der Osteoporose und zur Nutzung von Risikorechnern befragt. Alle Befragten hatten Erfahrung mit Osteoporosepatient:innen, die überwiegend weiblich waren und meist ab der sechsten Lebensdekade diagnostiziert wurden. Die Diagnosestellung erfolgte hauptsächlich über apparative Verfahren. Als zentrale Risikofaktoren wurden weibliches Geschlecht, Postmenopause und Glukokortikoidtherapie genannt, während viele weitere relevante Risikofaktoren wie stattgehabte Fragilitätsfrakturen, osteoporosefördernde Grunderkrankungen oder sturzfördernde Medikamente nur selten berücksichtigt wurden. Risikorechner waren zum Teil bekannt, wurden jedoch aus Zeitgründen kaum angewendet.
Osteoporose ist in der hausärztlichen Praxis präsent, das Bewusstsein für das breite Risikoprofil und die Bedeutung einer gezielten Anamnese erscheinen jedoch deutlich ausbaufähig.
Sabine Fritzenwallner, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg, Masterarbeit
Adipositas ist eine chronische, multifaktorielle Erkrankung mit stark zunehmender Prävalenz. Wie werden adipöse Menschen derzeit in der Primärversorgung betreut? Wo gibt es Barrieren für eine optimale Versorgung, und wo gibt es Verbesserungsmöglichkeiten?
59 Hausärzt:innen in Wien und Salzburg füllten einen Online-Fragebogen aus. Aus aktuellen Leitlinien zum Umgang mit dem Krankheitsbild Adipositas wurden anschließend zentrale Empfehlungen in einem praxisorientierten Leitfaden zusammengeführt.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich nahezu die Hälfte der Befragten fachlich nicht ausreichend qualifiziert fühlt, um Adipositas sachgerecht zu behandeln. In Leitlinien wird die Bedeutung individuell angepasster Lebensstilinterventionen und einer wertschätzenden, vorurteilsfreien Kommunikation betont. Möchte man Diätolog:innen, Psychotherapeut:innen oder Physiotherapeut:innen zur Behandlung hinzuziehen, so muss zu diesen extern zugewiesen werden. Die Wartezeiten auf kassenfinanzierte Therapieplätze sind lang, oder die Leistungen werden generell nicht von der Sozialversicherung übernommen. Diese Erkenntnisse sollten zum Anlass genommen werden, konkrete Maßnahmen und Handlungen zu setzen, um einerseits die Versorgung der Patient:innen im System zu verbessern und andererseits die Qualifikation der behandelnden Ärzt:innen zu erhöhen.
Eine Verlangsamung oder Verhinderung der prognostizierten Zunahme der Adipositasprävalenz kann nur dann gelingen, wenn auch den an der Basis tätigen Ärzt:innen entsprechendes Handwerkzeug zur Verfügung gestellt wird, da es unmöglich sein wird, künftig mehr als ein Drittel der Bevölkerung in spezialisierten Versorgungseinrichtungen zu behandeln.
Theresa Purkarthofer, Johannes Kepler Universität, Linz, Masterarbeit
Im verantwortungsvollen und herausfordernden Berufsalltag von Ärzt:innen ist es essenziell, auf die eigene Gesundheit und das Wohlergehen zu achten, um eine medizinische Versorgung auf höchstem Niveau leisten zu können. Diese Masterarbeit untersuchte erstmals umfassend den Gesundheitszustand, Lebensstil und arbeitsbezogenen Stress der in Oberösterreich tätigen Ärzt:innen sowie deren Zusammenhang mit beruflichen Faktoren.
Im Rahmen einer Querschnittsstudie mittels Online-Fragebögen wurden Daten von 1.078 in Oberösterreich intramural und extramural tätigen Ärzt:innen erhoben. 701 vollständig ausgefüllte Fragebögen flossen in die statistische Analyse ein.
Die Ergebnisse zeigten, dass 78,6% ihren Gesundheitszustand zwar als „gut“ oder „sehr gut“ einschätzen, jedoch ein Großteil im vergangenen Jahr gesundheitliche Beschwerden hatte und etwa die Hälfte regelmäßig Medikamente einnahm. Während Tabak- und Substanzkonsum gering ausfielen, wies der Lebensstil bei Ernährung und Bewegung Optimierungspotenzial auf. Zudem zeigte sich bei rund 2 Dritteln der Ärzt:innen eine Effort-Reward-Imbalance. Besonders auffallend war die Tendenz zum Präsentismus: Rund 77% der im Vorjahr erkrankten Ärzt:innen gaben an, trotz Krankheit mindestens einmal gearbeitet zu haben.
Die Analysen lieferten deutliche Hinweise auf Zusammenhänge zwischen den beruflichen Faktoren, dem Gesundheitszustand, dem Lebensstil und dem arbeitsbezogenen Stress. Daher ist weitere Forschung dringend notwendig, um ein gesundes und nachhaltiges Arbeitsumfeld für Ärzt:innen zu schaffen.
Clemens Nimmervoll, Johannes Kepler Universität, Linz, Masterarbeit
Im Standard-Laborblock der Vorsorgeuntersuchung (VU) sind die Nierenwerte nicht enthalten, und die chronische Nierenerkrankung ist in der Vorsorge insgesamt unterrepräsentiert. Die Anzahl der in Österreich lebenden Personen mit chronischer Nierenerkrankung (CKD) beträgt immerhin rund 900.000, also 10 % der Gesamtbevölkerung. Ziel der Arbeit war es, Hinweise zu finden, ab welchem Patientenalter eine Integration eines gezielten Screenings in die VU sinnvoll wäre.
An 3 PVZ-Standorten in Oberösterreich wurden im Rahmen der freiwilligen VU Personen, bei denen mindestens einer der definierten Risikofaktoren vorlag, auf ihre Nierengesundheit überprüft: Analysiert wurden die Albumin-Kreatinin-Ratio und das Serumkreatinin, auf deren Basis die eGFR berechnet und eine Stadieneinteilung der CKD vorgenommen wurde.
Insgesamt gab es bei 22,5 % der 120 untersuchten Personen auffällige Werte. Für Diabetes mellitus konnte zudem ein statistisch signifikanter Zusammenhang für das Vorliegen einer eingeschränkten Nierenfunktion gezeigt werden.
Die Ergebnisse legen nahe, dass ein gezieltes CKD-Screening insbesondere für Risikopatient:innen ab dem 60. beziehungsweise bereits ab dem 50. Lebensjahr von Nutzen sein könnte. Die Rückmeldungen der teilnehmenden untersuchenden Ärzt:innen im Hinblick auf den geringen Zusatzaufwand, um die Datenerhebung im Rahmen des Anamnesegespräches durchzuführen, waren sehr positiv. Die Integration eines solchen Screenings in bestehende Vorsorgestrukturen könnte die Früherkennung und somit auch das Management der CKD nachhaltig verbessern.
Katharina Singer, Karl Landsteiner Universität, Krems an der Donau, Master Thesis
Long COVID stellt aufgrund ihrer komplexen, multisystemischen Ausprägung eine erhebliche Belastung für Betroffene und das Gesundheitssystem dar. Für diese Masterarbeit wurden 11 Patient:innen mit Long COVID befragt – über die Zeit bis zum medizinischen Erstkontakt, den Diagnoseweg sowie die beteiligten medizinischen Kontaktstellen; außerdem über ihre Schwierigkeiten, wenn sie die Hilfe suchen und sich im österreichischen Gesundheitssystem zurechtfinden müssen. Diese Informationen aus erster Hand können zur Optimierung der Gesundheitsversorgung und patientenorientierten Betreuung in Österreich beitragen.
Long COVID ist durch anhaltende Symptome nach einer SARS-CoV-2-Infektion gekennzeichnet. Die Ergebnisse aus den leitfadengestützten Telefoninterviews zeigten, dass Hausärzt:innen in der Regel als erste Anlaufstelle fungierten. Im weiteren Verlauf kam es häufig zu fragmentierten Versorgungspfaden, verzögerten Diagnoseprozessen und einem ungleichen Zugang zur Behandlung – abhängig von der geografischen Lage des Wohnsitzes, dem Versicherungsstatus und der persönlichen Initiative. Rehabilitationsmaßnahmen wurden überwiegend als unterstützend wahrgenommen. Zusätzlich berichteten die Betroffenen von psychosozialen Belastungen, Problemen im Umgang mit Krankenkassen sowie einer unzureichenden Anerkennung der Erkrankung.
Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse komplexe Versorgungsrealitäten und eine Diskrepanz zwischen gesundheitspolitischer Planung und praktischer Umsetzung. Patient:innen könnten davon profitieren, wenn die Rolle und Ausbildung von Hausärzt:innen als zentrale Koordinator:innen gestärkt und die Verfügbarkeit sowie der Zugang zu spezialisierten Versorgungszentren erweitert würden.