Akuter oder persistierender Durchfall nach einer Auslandsreise ist häufig und umfasst ein breites Spektrum infektiöser Ursachen. Die klinischen Verläufe reichen von milden, selbstlimitierenden Formen bis hin zu schweren Erkrankungen. Trotz hoher Prävalenz wird die Reisediarrhö klinisch oft unterschätzt oder inadäquat behandelt. Je nach Reiseziel, Expositionsdauer und individuellen Risikofaktoren entwickeln etwa 30–50 % der Reisenden eine Reisediarrhö, womit sie die häufigste reisemedizinische Erkrankung darstellt.
Die Reisediarrhö ist definiert als das Auftreten von mehr als 3 ungeformten Stühlen pro Tag und wird überwiegend fäkal-oral über kontaminierte Lebensmittel oder Wasser übertragen. Bakterielle Erreger dominieren akute Verläufe, während parasitäre Infektionen v.a. bei persistierender Symptomatik relevant sind. In der Mehrzahl der Fälle tritt sie innerhalb der ersten 2 Wochen nach Reisebeginn auf, der Krankheitsverlauf ist überwiegend selbstlimitierend.
Häufige Begleiterscheinungen sind Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Fieber oder blutige Stühle. Akute bakterielle oder virale Durchfallerkrankungen beginnen meist abrupt und persistieren typischerweise nur wenige Tage. Invasive Verläufe können mit blutigen Stühlen (Dysenterie) und Fieber einhergehen. Parasitäre Infektionen präsentieren sich häufiger mit schleichendem Beginn und einem prolongierten Verlauf über Wochen bis Monate.
Relevante Komplikationen sind insbesondere Dehydratation und Elektrolytstörungen; v.a. bei Kindern und älteren Menschen kann es zu einem akuten Nierenversagen und Kreislaufinstabilität kommen. Zu den möglichen Spätfolgen zählen eine sekundäre Laktoseintoleranz und das postinfektiöse Reizdarmsyndrom. Seltene, aber relevante Komplikationen sind reaktive Arthritiden und das Guillain-Barré-Syndrom.
Die Reisediarrhö ist primär eine klinische Diagnose. Bei milden Verläufen ist in der Regel keine Erregerdiagnostik erforderlich, da die Erkrankung meist selbstlimitierend ist und sich aus dem Testergebnis keine therapeutischen Konsequenzen ergeben. Eine weiterführende Diagnostik ist bei Hinweisen auf einen schweren oder atypischen Verlauf indiziert. Dazu zählen fieberhafte oder blutige Diarrhö sowie persistierende Symptome über mehr als 7 Tage.
In den letzten Jahren hat die PCR-basierte Stuhldiagnostik, insbesondere mittels Multiplex-Panels, die konventionelle Stuhlkultur in vielen Bereichen ergänzt oder abgelöst. Vorteile sind die rasche Ergebnisverfügbarkeit sowie eine hohe Genauigkeit beim Nachweis bakterieller, viraler und parasitärer Erreger. Limitationen bestehen in der eingeschränkten Unterscheidung zwischen Kontamination, Kolonisation und klinisch relevanter Infektion sowie in den höheren Kosten. Stuhlkulturen sind insbesondere bei fehlendem Ansprechen auf eine empirische Therapie erforderlich. Die mikroskopische Stuhluntersuchung ist vor allem bei persistierender Reisediarrhö zum Nachweis intestinaler Parasiten relevant; zur Steigerung der Sensitivität sollten mindestens 3 frische Stuhlproben an unterschiedlichen Tagen untersucht werden. Für ausgewählte Erreger stehen zudem Antigentests zur Verfügung.
Bei Patient:innen mit fieberhafter Diarrhö nach Aufenthalt in einem Malariarisikogebiet muss eine Malaria ausgeschlossen werden, da sie unbehandelt potenziell letal verlaufen kann. Bei fieberhaften Verläufen sind Blutkulturen obligat, insbesondere zur Abklärung eines Typhus abdominalis sowie bakteriämischer Verläufe. Bei erhöhtem Risiko für eine Clostridioides-difficile-Infektion, etwa nach Antibiotikaexposition innerhalb der letzten 8–12 Wochen, ist eine gezielte Diagnostik mittels Antigen- und Toxinnachweis sowie ggf. toxigener PCR indiziert.
Die Therapie der Reisediarrhö richtet sich nach dem funktionellen Schweregrad gemäß der Klassifikation der International Society of Travel Medicine (Tab.).
Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution. Die wichtigste therapeutische Maßnahme ist die adäquate Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution. Bei milder Dehydratation ist eine orale Rehydratation in der Regel ausreichend. Grundsätzlich können verschiedene Flüssigkeiten verwendet werden. Optimal sind orale Rehydrationslösungen (ORS) mit ausgewogenem Elektrolyt- und Glukosegehalt, entweder als Fertigpräparate oder in WHO-konformer Zusammensetzung.
Symptomatische Therapie. Motilitätshemmende Substanzen wie Loperamid oder Sekretionshemmer wie Racecadotril können zur symptomatischen Therapie eingesetzt werden, jedoch nicht bei Patient:innen mit Fieber oder blutiger Diarrhö. Die Anwendung sollte zurückhaltend erfolgen und auf maximal 2 Tage begrenzt werden. Bei Verschlechterung der Symptomatik oder persistierender Diarrhö ist die Therapie zu beenden. Ein sinnvoller Einsatz kann insbesondere zur kurzfristigen Symptomkontrolle, etwa bei längeren Bus- oder Flugreisen, bestehen.
Antibiotika. Eine antibiotische Therapie ist meistens nicht erforderlich. Indikationen für eine antibiotische Therapie sind fieberhafte oder blutige Diarrhö, schwere Verläufe und ein erhöhtes Komplikationsrisiko wie bei schwerer Immunsuppression.
Die wirksamste Präventionsmaßnahme gegen Reisediarrhö besteht in der konsequenten Einhaltung hygienischer Verhaltensregeln während der Reise. Dazu zählen der Verzicht auf potenziell kontaminierte Lebensmittel und Getränke sowie eine sorgfältige Händehygiene. Rohes oder unzureichend erhitztes Gemüse, Salate, ungeschältes Obst, Speisen von Straßenhändler:innen sowie Leitungswasser und daraus hergestellte Eiswürfel sollten vermieden werden.