Wieder Gehör finden: Durchbruch in der Implantationstechnik

Neben zahlreichen Berichten über eine neue Indikation auf dem Gebiet der Cochlea-Implantation bei einseitiger Taubheit mit Tinnitus stand auf dem diesjährigen ­Österreichischen HNO-Kongress in St. Pölten und dem Hörgeräteakustiker-Kongress EUHA, Frankfurt, der ­Erfahrungsaustausch mit innovativen auditorischen Intact-Skin-Implantationssystemen bei Schallleitungsschwerhörigkeit im Fokus.

Hören durch Knochenleitungsstimulation

„Die Intact-Skin-Technologie hat sich seit vielen Jahren bewährt und zeichnet sich durch geringe Komplikationsraten und einfache Handhabung aus“, berichtet Prim. Dr. Klaus Böheim, Vorstand der HNO-Abteilung im Landesklinikum St. Pölten. „Nun ist diese Technologie erstmals für die Knochenleitungsstimulation verfügbar.“ Mit der Entwicklung eines aktiven Knochenleitungsimplantats, der sogenannten „Bonebridge“, wurde ein effizientes Intact-Skin-Implantat auf den Markt gebracht, das für Patienten mit Schallleitungs- und gering- bis mittelgradig kombinierter Schwerhörigkeit geeignet ist. Es handelt sich dabei um ein semi-implantierbares System zur Anregung des Innenohrs über die Knochenleitung. 
Ist der natürliche Weg des Schalls in das Innenohr versperrt, können Patienten mithilfe ihrer Knochenleitung hören. Der Schädelknochen empfängt dabei die Audiosignale und leitet die Schallwellen an das Innenohr weiter. Herkömmliche Hörsysteme erfordern die Implantation einer perkutanen Schnappkopplung hinter dem Ohr, an die ein Hörgerät angeschlossen wird. „Die Hörergebnisse sind zwar gut, jedoch weist das Verfahren relativ hohe Komplikationsraten auf, wie etwa eine Wundheilungsstörung, ein Infektionsrisiko oder anhaltende Schmerzen“, so Böheim.

Zulassung für Kinder

Die Bonebridge ist ein teilimplantierbares Knochenleitsystem, das auch bei Fehlbildungen des Ohrs eingesetzt werden kann. Seit rund einem Jahr wird die neue Implantationstechnologie bei Erwachsenen angewandt. „Die guten Ergebnisse lassen eine Zulassung in nächster Zukunft auch für Kinder erwarten“, so Böheim. Im Rahmen der nun laufenden Kinderstudie wurde einem 11-Jährigen mit beidseitiger Ohratresie und Schallleitungsausfall die Bonebridge eingesetzt. Bisher wurde die vorliegende Schwerhörigkeit mit einem Knochenleitungshörgerät, das der junge Patient an einem Stirnband trug (BAHA Softband), ausgeglichen. Anstelle der ursprünglich vorgesehenen Umstellung vom Softband auf eine perkutane Knochenschraube wurde am Landesklinikum St. Pölten in einer kurzen Operation das Knochenleitungsimplantat eingesetzt. 
Böheim: „Die Erfahrung zeigt, dass die behandelten Patienten dank ihres ausgezeichneten Hörvermögens aus ihrer sozialen Isolation herausfinden, was mit einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität einhergeht.“ Jedenfalls ist die neue Implantationstechnik eine weitere Bereicherung für Behandlungsmöglichkeiten von hörgestörten Menschen und ermöglicht vielen bisher verzweifelten und unzufriedenen Patienten eine ausgezeichnete audiologische Rehabilitation bei gut kalkulierbarem und geringem chirurgischem Risiko.

 

Innovatives Konzept


Die Bonebridge besteht aus zwei Komponenten: einem hinter dem Ohr unter der Haut liegenden Implantat und einem extern getragenen Audioprozessor, der die Schallwellen aufnimmt. Der Audioprozessor wandelt den Schall in Signale um, die durch die intakte Haut an den implantierten Teil übertragen und in den Knochen abgegeben werden. Voraussetzung für den höchstmöglichen Hörprofit ist bei der Bone­bridge allerdings ein Mindestmaß an intakten Sinneszellen im Innenohr.

 

Interview mit: Prim. Dr. Klaus Böheim

Vorstand der HNO-Abteilung im Landesklinikum St. Pölten


MP 05|2012

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2012-12-13