Vorwort: Der erhobene Finger bringt Männer nicht zur Vorsorge

SPECTRUM Urologie: Die Österreichische Krebshilfe feiert 2020 ihr 110-jähriges Bestehen. Im September 2020 werden Sie 20 Jahre als Präsident an der Spitze stehen. Welches Resümee ziehen Sie?

Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda: Wir haben gemeinsam mit den 9 Landesvereinen in dieser langen Zeit, die von mir so keinesfalls geplant war, viele gesundheitspolitisch relevante Ziele initiiert und auch in Umsetzung gebracht. Die wichtigsten davon waren die HPV-Impfung als kostenlose Schulimpfung für Buben und Mädchen, die Einführung des organisierten Mammografiescreenings und zuletzt als größter Erfolg die Durchsetzung des Nichtraucherschutzes in der Gastronomie.

 

 

LOOSE TIE ist seit 2015 das Markenzeichen für die Männergesundheit. Können Sie den Lesern kurz schildern, warum diese Informationskampagne zur Prostatakrebs-Vorsorge gemeinsam mit der ÖGU und dem bvU gestartet wurde?

Die Grundlage für diese Initiative liegt in den Umfragen, die wir alle 10 Jahre österreichweit durchführen, bei denen das Vorsorgeverhalten der Österreicherinnen und Österreicher abgefragt wird. Dabei hat sich gezeigt, dass Männer echte Vorsorgemuffel sind, die zwar über die Vorteile der Früherkennung des Prostatakarzinoms wissen, aber die Untersuchung nur selten durchführen lassen. Es war daher das Ziel der Krebshilfe gemeinsam mit der ÖGU und dem bvU, Männer auf die Wichtigkeit der Prostatakrebs-Früherkennung hinzuweisen und dafür auch Überzeugungsarbeit zu leisten. Dafür haben wir die gelockerte Krawatte – also „Loose Tie“ – als Markenzeichen geschaffen.

Im Mai dieses Jahres wurde LOOSE TIE mit dem „gesund&fit-AWARD“ als „Initiative des Jahres“ ausgezeichnet. Was zeichnet für Sie den Erfolg der Kampagne aus?

Wir erleben die zunehmende Akzeptanz dieses Themas in den Medien und in der Öffentlichkeit. Wir haben vom extrem erfolgreichen Pink-Ribbon-Projekt gelernt, dass es nicht der erhobene Finger ist, der Männer zur Vorsorge bringt, sondern die sympathische Überzeugungsarbeit mit sachlicher Information gepaart mit prominenten Unterstützern, die mit gutem Beispiel vorangehen.

Die Österreichische Krebshilfe informiert in Zusammenarbeit mit Experten über die Prostata-Vorsorge hinaus – Stichwort 1: Blasenkarzinom und Rauchen:
a) Wie bewusst – glauben Sie – ist Rauchern das Rauchen als Risikofaktor?

Ich glaube, dass Raucher extrem verdrängen können und ihnen, wenn sie sich gesund fühlen und auch gesund sind, die extreme Risikogefährdung nicht bewusst ist.

b) Gibt es Überlegungen, medial noch intensiver die Awareness zu steigern, insbesondere auch bei jungen Frauen?

Grundsätzlich ist Bewusstsein für sinnvolle Vorsorge auch eine Frage der Bildung und Erziehung. Junge Frauen sind durch den Mutter-Kind-Pass einerseits und durch die lange Tradition der Krebsvorsorgeuntersuchung mittels Krebsabstrich andererseits überdurchschnittlich vorsorgebewusst. Vor allem bildungsferne Schichten nehmen jedoch die Möglichkeiten der Früherkennung und auch der Impfung weniger wahr, und hier gilt es, das Bewusstsein und die Information noch zu optimieren. Dies trifft natürlich auch für das Rauchen zu.

Stichwort 2: HPV: a) Anlässlich des „2. Internationalen HPV-Tages“ rief die Österreichische Krebshilfe zu einem nationalen Schulterschluss von Ärzten, Eltern und Politik auf – zum Wohl der Kinder und der „next generation“. Was ist Ihr größtes Anliegen?

Die möglichst lückenlose Durchimpfung der Buben und Mädchen im Rahmen des kostenlosen Schulimpfprogrammes in der 4. Klasse Volksschule. Wir könnten damit HPV-assoziierte Krebserkrankungen nicht nur des Gebärmutterhalses, sondern auch anderer Unterleibskrebserkrankungen bei der Frau und auch beim Mann sowie die große Gruppe der HNO-Tumoren vielleicht sogar ausrotten.

b) Was wäre Ihr diesbezügliches Anliegen an Urologinnen und Urologen?

Die HPV-Impfung der Männer und Buben ist deswegen von großer Bedeutung, da sie als Überträger der HP-Viren eine wichtige Rolle in der Verbreitung der HPV-Infektionen spielen. Es sollten daher auch die Urologinnen und Urologen bei den Männern nachfragen, ob sie HPV-geimpft sind, bzw. bei den Vätern, ob sie ihre Kinder auch zur HPV-Impfung geschickt haben.

Ein weiteres besorgniserregendes Thema: Gemäß dem Österreichischen Gesundheitsbericht 2016 sind 32 % der Bevölkerung übergewichtig, knapp 14 % adipös – Männer häufiger als Frauen. Bei jungen Menschen (15–30 Jahre) ist der Anteil Übergewichtiger und Adipöser seit 2006/2007 deutlich gestiegen. Nun hängt starkes Übergewicht mit einem erhöhten Krebsrisiko zusammen. Kommt hier ggf. eine Aufgabe auf die Krebshilfe zu?

Fettleibigkeit ist tatsächlich ein sehr wichtiges Thema, welches wir seitens der Krebshilfe bereits in den vergangenen Jahren immer wieder thematisieren. In den Empfehlungen zu einem gesunden Lebensstil stehen die Bewegung und damit auch die Vermeidung von Fettleibigkeit an oberster Stelle. Wir hatten in der Vergangenheit bereits Kooperationen mit dem Vienna City Marathon, in mehreren Bundesländern gibt es Laufveranstaltungen, wie beispielsweise den Pink Run in Bad Gastein. Neben der regelmäßigen Bewegung ist auch das Thema gesunde Ernährung ein zentraler Aspekt dazu. Unsere Broschüre „Gesunde Ernährung“ steht kostenlos online zur Verfügung.

 

Foto: FOTO: FEELIMAGE / MATERN

Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda

Präsident der Österreichischen Krebshilfe, Vorstand der Gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung, Brustgesundheitszentrum Hietzing, Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel


AutorIn: Mag. Sandra Standhartinger

SU 04|2019

Herausgeber: Dr. Karl Dorfinger, Prim. Dr. Wolfgang Loidl
Publikationsdatum: 2019-12-16