Der Terminus „männlicher Hypogonadismus“ beschreibt die klinischen Auswirkungen eines länger bestehenden Testosteron-(T-)Defizites. Es handelt sich also nicht um einen verringerten Laborwert allein, sondern um eine komplexe Erkrankung, die verschiedene Organe betreffen und die Lebensqualität beeinträchtigen kann.1 Die Prävalenz des männlichen Hypogonadismus liegt bei Männern mittleren Alters zwischen 2,1 % und 12,8 %.1 Männer mit bestimmten Komorbiditäten sind noch häufiger betroffen: Bei Männern mit Adipositas liegt die Prävalenz bei 52,4 %, mit Typ-2-Diabetes bei 50,0 % und mit Hypertonus bei 42,4 %. Auch Männer mit allgemein schlechtem Gesundheitszustand haben ein erhöhtes Risiko für einen Hypogonadismus.2, 3
Es werden 3 Formen unterschieden: der primäre Hypogonadismus infolge eines testikulären Schadens, der sekundäre Hypogonadismus bei hypothalamisch oder hypophysär bedingten Störungen und der funktionelle Hypogonadismus.3, 4, 5 Der primäre und sekundäre Hypogonadismus sind organisch bedingt und in der Regel irreversibel.
Der funktionelle Hypogonadismus ist – wie der Name sagt – funktionell bedingt und potenziell reversibel. Seine Symptome können ggf. durch Lebensstilveränderungen oder Behandlung der Grunderkrankung gebessert werden.3–6 Ein funktioneller Hypogonadismus tritt gehäuft bei älteren Männern auf. Insbesondere ältere Männer mit viszeraler Adipositas haben ein erhöhtes Risiko für einen symptomatischen T-Mangel.3 Dennoch ist das Alter per se nicht die Ursache für einen funktionellen Hypogonadismus. Vielmehr steigt mit zunehmendem Alter die Inzidenz für bestimmte Komorbiditäten – insbesondere Adipositas, Hypertonus, Typ-2-Diabetes sowie weitere metabolische oder auch chronisch entzündliche Erkrankungen.7, 8 Ebenso können bestimmte Medikamente wie z. B. Opioide die T-Produktion hemmen.3–6
Bleibt ein T-Mangel längerfristig unbehandelt, kann das negative Auswirkungen auf die Lebensqualität des Betroffenen haben. Darüber hinaus kann es zu der Entwicklung von weiteren Erkrankungen kommen (z. B. metabolisches Syndrom, Typ-2-Diabetes).3, 9 Zudem kann sich die Gesamt- sowie die kardiovaskuläre Mortalität erhöhen.3, 10 Ebenso kann sich eine Osteoporose entwickeln, die ein erhöhtes Risiko für Frakturen zur Folge hat.1,3,5
Ein männlicher Hypogonadismus liegt vor, wenn dauerhafte Symptome und ein laborchemischer Nachweis eines T-Mangels bestehen.3–5 Die Diagnostik basiert auf Anamnese, körperlicher Untersuchung und der Labordiagnostik. Da Testosteron einem zirkadianen Rhythmus unterliegt und die Spiegel morgens am höchsten sind, sollte die Blutabnahme vor 11 Uhr sowie nüchtern erfolgen.3 Gemäß der EAU-Leitlinie „Sexual and Reproductive Health“ liegt der untere Grenzwert für einen T-Mangel bei 12 nmol/l für das Gesamttestosteron (Gesamt-T).
Für die Diagnose muss dieser Wert bei mindestens 2 unabhängigen Messungen unterschritten werden. Zusätzlich sollten zur Ermittlung der Hypogonadismusart das luteinisierende Hormon (LH) und ggf. das follikelstimulierende Hormon (FSH) bestimmt werden.3
Bei einem Gesamt-T unter 8 nmol/l und bestehenden Symptomen (Tab.) gilt die Diagnose „männlicher Hypogonadismus“ als gesichert. Liegt der Wert zwischen 8 nmol/l und 12nmol/l, sollte das freie Testosteron aus Gesamt-T, sexualhormonbindendem Globulin (SHBG) und Albumin mit Hilfe der Vermeulen-Formel berechnet werden.11 Der untere Grenzwert für das freie Testosteron liegt bei 220pmol/l.3
Ein symptomatischer T-Mangel wird in der Regel mit einer Testosterontherapie (TTh) behandelt.3 Vor Beginn der Behandlung müssen die absoluten Kontraindikationen ausgeschlossen werden:
In Österreich stehen 3 Therapieoptionen zur Verfügung.6 Zum einen können transdermale T-Gele verwendet werden, die der Patient täglich selbst anwendet. T-Gele in Dosierspendern sind besonders individuell dosierbar. Zum anderen sind kurz- oder langwirksame intramuskuläre Depotinjektionen verfügbar, die in der Arztpraxis in der Regel alle 2 bis 3 bzw. alle 10 bis 14 Wochen verabreicht werden.6
Bei Kinderwunsch ist eine TTh absolut kontraindiziert, weil sie die Gonadotropin-Ausschüttung und damit die Spermienproduktion unterdrückt.3 Eine TTh kann T-Mangel-Symptome lindern und die Lebensqualität steigern.1, 3 Allerdings ist zu beachten, dass die Symptomlinderung zeitverzögert auftritt. Je nach Symptom kann es 3 bis 4 Wochen oder mehrere Monate dauern, bis der Patient Verbesserungen wahrnimmt.12 Erfolgt eine TTh mit T-Gelen oder langwirksamen Testosteronundecanoat-(TU-)Injektionen, führt dies zu stabilen T-Spiegeln im Normbereich. Beide Behandlungsformen stellen wirksame Optionen mit gutem Sicherheitsprofil dar.3 Gele haben insbesondere bei Behandlungsbeginn den Vorteil, dass die TTh im Falle unerwünschter Nebenwirkungen schnell angepasst oder abgesetzt werden kann.1, 3, 4
Klinische Studien zeigen, dass eine TTh das Risiko weder für kardiovaskuläre Ereignisse noch für das Auftreten von PCa erhöht.13–15Dass eine TTh in Bezug auf das Auftreten schwerer kardiovaskulärer Ereignisse („major adverse cardiovascular events“, MACE) kein erhöhtes Risiko gegenüber Placebo birgt, bestätigte 2023 die TRAVERSE-Studie.13 Zudem belegte eine Subgruppenauswertung, dass eine leitliniengerechte TTh bezüglich des PCa-Risikos und anderer Prostataereignisse unbedenklich ist.15
Eine TTh führt dem Körper das fehlende Testosteron zu und ist laut internationalen Leitlinien die Therapie der Wahl.3, 4, 6 Nahrungsergänzungsmittel (NEM), welche die T-Produktion steigern sollen, sind hingegen nach allgemeiner Maßgabe nicht zu empfehlen. Oft enthalten NEM fragliche Inhaltsstoffe in unbekannter Dosierung.16 Eine Metaanalyse fand zudem keine robusten Daten zur Wirksamkeit von NEM bei erektiler Dysfunktion und T-Mangel.17
In einer Beobachtungsstudie zur Frage nach klinisch relevanten T-Schwellenwerten erhielten 266 hypogonadale Männer 6 Jahre TU i. m.18 Bei der Rückkehr von Symptomen wurden Gesamt- und freies Testosteron gemessen. Die T-Werte waren intraindividuell konstant, interindividuell jedoch sehr unterschiedlich (D Gesamt-T: 9,4 nmol/l). Jeder Mann hatte also individuelle T-Schwellenwerte, die im Studienverlauf konstant blieben, sich aber zwischen den Männern deutlich unterschieden.18 Daher wäre es für Männer empfehlenswert, ihren individuellen T-Normalwert frühzeitig bestimmen zu lassen, also, bevor ein T-Mangel auftritt.