Interview

Europas Plan gegen die stille Pandemie

Herr Prof. Scherr, mit dem Safe Hearts Plan hat die EU erstmals einen eigenen Aktionsrahmen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verabschiedet. Warum war ein solcher Plan notwendig, und was soll er konkret verändern?
Scherr: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache – auch in Österreich. Jährlich sterben hierzulande über 30.000 Menschen daran, statistisch gesehen alle 15 Minuten ein Mensch. Das kann man durchaus als „stille Pandemie“ bezeichnen. Besonders problematisch ist, dass ein erheblicher Anteil dieser Todesfälle vermeidbar wäre.

Vor diesem Hintergrund wurde der Safe Hearts Plan auf europäischer Ebene entwickelt. In den vergangenen zwei Jahren haben zahlreiche Expert:innen – darunter auch ich im Rahmen des ATLAS-Projekts zur Analyse kardiovaskulärer Gesundheitsdaten in Europa – an diesem Aktionsplan mitgearbeitet. Er wurde Ende 2025 offiziell vorgestellt und vom EU-Parlament verabschiedet, verbunden mit dem Auftrag an die Mitgliedstaaten, bis 2027 eigene nationale Herz-Kreislauf-Gesundheitspläne zu etablieren.
Inhaltlich konzentriert sich der Plan auf drei zentrale Säulen: mehr Prävention, frühzeitiges und gezieltes Screening sowie eine verbesserte Versorgung. Ergänzt wird das durch Querschnittsthemen wie den sinnvollen Einsatz digitaler Technologien, die stärkere Berücksichtigung der Frauengesundheit und den Abbau sozialer Ungleichheiten im Gesundheitsbereich. Gleichzeitig soll der Austausch von Best-Practice-Beispielen zwischen den Ländern gefördert werden.
Ein wesentliches Ziel ist es, die kardiovaskuläre Sterblichkeit in Europa bis 2035 um rund 25 % zu senken. Dabei wird bewusst ein breiter Ansatz verfolgt, der auch eng verknüpfte Erkrankungen wie Diabetes mellitus, chronische Nierenerkrankungen oder neurologische Komplikationen einbezieht. Im Fokus steht eine koordinierte, langfristige und patientenzentrierte Versorgung – zunehmend auch im Sinne eines integrierten kardiovaskulär-renal-metabolischen Ansatzes.

Lassen Sie uns die einzelnen Säulen näher betrachten, beginnend mit der Prävention: Wo steht Österreich hier im europäischen Vergleich?
Gerade im Bereich Prävention und Bewusstseinsbildung zeigt sich im internationalen Vergleich ein deutlicher Nachholbedarf. Das betrifft vor allem verhaltenspräventive Maßnahmen in klassischen Risikobereichen wie Tabakkonsum, Alkohol und Ernährung. Dabei geht es nicht nur um das Ernährungsverhalten im Erwachsenenalter, sondern auch um eine frühzeitige Ernährungsschulung bei Kindern und Jugendlichen. Zentrale Hebel wären hier unter anderem preis- und steuerpolitische Maßnahmen, Einschränkungen von Werbung und Marketing sowie verbindliche Vorgaben in wichtigen Lebenswelten – etwa in Schulen, am Arbeitsplatz oder in öffentlichen Einrichtungen. Viele dieser Maßnahmen sind auch im Safe Hearts Plan vorgesehen, da 36 % aller Herz-Kreislauf-Todesfälle primär auf verhaltensbedingte Risikofaktoren zurückzuführen sind.
Allerdings greifen diese Ansätze weit über den Gesundheitsbereich hinaus und erfordern ressortübergreifende politische Entscheidungen. Der Handlungsspielraum medizinischer Fachgesellschaften wie etwa der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG) ist hier naturgemäß begrenzt – die Problemlage ist jedoch klar erkennbar.

Als zweite Säule des Safe Hearts Plan hatten Sie das frühzeitige und gezielte Screening erwähnt. Wo gilt es hier in Österreich anzusetzen?

Im Bereich Früherkennung und Screening geht es in erster Linie um eine Stärkung der Vorsorgeuntersuchung – und zwar sowohl in horizontaler als auch in vertikaler Hinsicht.
Horizontal bedeutet, dass die Teilnahme deutlich gesteigert werden muss: Derzeit liegt die Inanspruchnahme in Österreich bei unter 20 %. Ziel muss sein, die Vorsorgeuntersuchung als breites, niederschwelliges Präventionsinstrument in der Bevölkerung zu etablieren. Vertikal geht es darum, die Inhalte an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse anzupassen. Die letzte umfassende Überarbeitung erfolgte 2005. Seither haben sich sowohl die Evidenz als auch die diagnostischen Möglichkeiten deutlich weiterentwickelt. Konkret betrifft das etwa die differenziertere Erfassung des Lipidprofils – hier etwa LDL-Cholesterin oder Lipoprotein(a) – oder die Erfassung der Albumin-Kreatinin-Ratio zur Früherkennung chronischer Nierenerkrankungen. Ein entsprechender Entschließungsantrag liegt seit 2019 vor, wurde jedoch bislang nicht umgesetzt. Hier sehen wir einen klaren Handlungsbedarf und möchten uns aktiv in die Weiterentwicklung einbringen.
Der EU Safe Hearts Plan sieht unter anderem vor, dass bei mehr als 75 % der Erwachsenen (und bei mehr als 90 % der über 65-Jährigen) der Blutdruck mindestens einmal jährlich kontrolliert wird. Zudem sollen bei mehr als 65 % der Erwachsenen (und bei mehr als 90 % der über 65-Jährigen) mindestens einmal jährlich Blutzucker und Cholesterin überprüft werden.

Die dritte Säule betrifft die Versorgung: Wo stehen wir hier aktuell?
Österreich verfügt grundsätzlich über ein exzellentes Gesundheitssystem, das insbesondere in der Behandlung bereits manifester Erkrankungen sehr gut aufgestellt ist. Dort, wo Versorgung stattfindet, erfolgt sie auf hohem Niveau und leitlinienbasiert.
Verbesserungspotenzial sehe ich vor allem in der besseren Abstimmung zwischen den einzelnen Gesundheitsanbietern sowie in einer konsequenteren Nutzung digitaler Möglichkeiten. In Österreich gibt es zahlreiche innovative digitale Initiativen in der Herzmedizin – von digitalen Früherkennungsprogrammen für Vorhofflimmern bis hin zu telemedizinischen Versorgungsmodellen bei Herzinsuffizienz. Die zentrale Herausforderung besteht darin, diese evidenzbasierten Projekte aus der Pilotphase in die Regelversorgung zu überführen und strukturiert im Gesundheitssystem zu verankern. Verbesserungsbedarf besteht auch im Bereich der Frauengesundheit: Obwohl Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch bei Frauen die häufigste Todesursache sind, werden sie häufig unterschätzt, später erkannt und nicht ausreichend geschlechtsspezifisch behandelt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Einbindung der Patient:innen. Ein zentrales Prinzip des Safe Hearts Plan lautet „know your numbers“. Es geht darum, Gesundheitskompetenz zu stärken und Menschen dazu zu befähigen, ihre eigenen Risikoparameter zu kennen– etwa Blutdruck, LDL-Cholesterin oder HbA1c-Wert. So selbstverständlich wie Telefonnummer oder Autokennzeichen sollten auch diese Werte präsent sein. Hier besteht weiterhin deutlicher Aufholbedarf.

Welche Rolle kommt der ÖKG im weiteren Umsetzungsprozess des Safe Hearts Plan zu?
Als ÖKG verstehen wir uns als zentraler Ansprechpartner für die kardiovaskuläre Versorgung und möchten uns aktiv auf mehreren Ebenen einbringen: als fachliche Plattform und Orientierungshilfe für unsere Mitglieder, die Kardiolog:innen; als Stimme für mehr Public Awareness in der Bevölkerung; sowie als kompetenter Partner auch für Politik, Sozialversicherung und andere Stakeholder.
Konkret planen wir, gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften und Partnern neue Versorgungsstrukturen zu entwickeln, etwa spezialisierte, interdisziplinär ausgerichtete Ambulanzen. Dabei soll die Versorgung stärker an der Realität der Patient:innen ausgerichtet werden, die häufig mehrere Erkrankungen gleichzeitig aufweisen, etwa kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes oder Niereninsuffizienz.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Prävention und Früherkennung. Hier wollen wir zur besseren Analyse der aktuellen Versorgungssituation beitragen, evidenzbasierte Maßnahmen priorisieren und konkrete Empfehlungen erarbeiten. Ziel ist es, diese auch in die Praxis zu bringen und entsprechende Awareness-Initiativen zu unterstützen.
Letztlich braucht es einen nationalen Herz-Kreislauf-Gesundheitsplan für Österreich. Erste Gespräche mit relevanten Stakeholdern laufen bereits, und wir sind zuversichtlich, dass sich daraus konkrete Fortschritte ergeben werden.