Mentale und kardiovaskuläre Gesundheit interagieren auf vielen Ebenen. Bereits längerfristige psychosoziale Belastungen wie Einsamkeit, finanzielle Sorgen, Stress am Arbeitsplatz oder in der familiären Situation führen durch Veränderungen neuroendokriner Achsen und Inflammationsaktivierung zu einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Dieses Risiko ist durchaus mit jenem von klassischen somatischen Risikofaktoren vergleichbar. Darüber hinaus können psychische Erkrankungen als eigenständige Risikofaktoren angesehen werden.
Kardiologische Erkrankungen wiederum können erhebliche psychische Reaktionen und eine langfristige Beeinträchtigung der mentalen Gesundheit hervorrufen. Viele Patient:innen verspüren Todesangst, Hilflosigkeit, Wut, Trauer und Sorgen durch ein unerwartetes Krankheitserleben. Komplexe medizinische Prozeduren, die Notwendigkeit von Lebensstiländerungen und der drohende Verlust von Eigenständigkeit führen zu einem Verlust an Lebensqualität und können zu Depression, Angst bzw. posttraumatischem Belastungssyndrom führen. Die Schwere der Erkrankung aus ärztlicher Sicht steht in keiner direkten Korrelation zur Schwere der psychischen Reaktion. Scheinbar harmlose und keinesfalls lebensbedrohliche Erkrankungen können erhebliche psychische Störungen auslösen. Der oftmalige Personalmangel und der daraus resultierende Zeitdruck in der Akutversorgung machen eine ausreichende Arzt-Patient-Kommunikation oft schwierig und tragen in vielen Fällen zu einer dysfunktionalen Verarbeitung der Geschehnisse durch die Patient:innen bei.
Depression. Etwa 30 % der Patient:innen mit Herzinfarkt leiden an einer klinisch relevanten Depression. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Depressionen sind mit gesundheitsschädlichem Verhalten wie Tabak- und Alkoholkonsum, körperlicher Inaktivität, ungesunder Ernährungsweise und anderen kardiovaskulären Risikofaktoren wie Diabetes oder Hypertonie assoziiert. Diese Risikofaktoren führen in weiterer Folge zu einer Verschlechterung der Prognose mit nachweislich erhöhter Mortalität.
Angststörungen. Die Prävalenz der Angststörungen bei Patient:innen mit kardiovaskulären Erkrankungen liegt bei der Auswertung von Fragebögen ebenfalls bei etwa 30%. Schon unangenehme Empfindungen wie Brustschmerzen oder Palpitationen können Auslöser sein. Auch hier sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Generalisierte Angststörungen führen zu einer deutlichen Verschlechterung der Prognose nach Herzinfarkten: In einem Beobachtungszeitraum von 10 Jahren war eine Verdoppelung von kardiovaskulären Ereignissen und Gesamtmortalität feststellbar. Während einige Patient:innen die Therapie auf Grund ihrer Ängstlichkeit besonders genau nehmen, dürfte die weitaus überwiegende Anzahl der Betroffenen zu einem ungesunden Lebensstil und Vermeidungsverhalten neigen, was sich negativ auf die Therapieadhärenz auswirkt.
Posttraumatische Belastungsstörung. Es dürfte einen gewissen Zusammenhang zwischen der Schwere der medizinischen Prozedur und der Häufigkeit einer posttraumatischen Belastungsstörung bei Herzpatient:innen geben. Nach einem akuten Myokardinfarkt wird die Häufigkeit mit etwa 12 % angegeben, nach einer koronaren Bypassoperation mit bis zu 20 %. Die Datenlage hinsichtlich der Auswirkungen auf Morbidität und Mortalität ist weniger aussagekräftig, es gibt aber auch hier Hinweise auf reduzierte Lebensqualität und eine erhöhte Rehospitalisierungsrate.
Da es einen so engen Zusammenhang zwischen psychischer Belastung und Herzerkrankungen gibt, ist es eine zentrale Aussage des ESC-Konsensus 2025, dass jede:r Herzpatient:in in der Routineversorgung mit einfachen, standardisierten Methoden gescreent werden sollte. Depressionen und Angststörungen können sonst in der klinischen Routine leicht übersehen werden. Für dieses Screening ist keine besondere Ausbildung erforderlich. Jede:r Ärzt:in kann mit Hilfe einfacher Frage-Tools (Whooley Questions, PHQ-2, GAD-2) die Verdachtsdiagnose psychische Belastung/Erkrankung stellen. Der Zeitaufwand dafür ist minimal. Bei positivem Screening-Test sollte die weitere Abklärung durch entsprechend geschultes Fachpersonal (etwa aus den Bereichen klinische Psychologie, Psychotherapie oder Psychiatrie) erfolgen.
Die Psychokardiologie sieht sich als interdisziplinäres Fachgebiet, das psychosoziale Zusammenhänge bei Herz-Kreislauf-Patient:innen hinterfragt, diagnostiziert und behandelt. Besonderes Augenmerk wird auf die enge Zusammenarbeit in einem Team aus allen Gesundheitsberufen gelegt, wobei psychologische Begutachtungen und Interventionen als integraler Teil der Behandlung und nicht als optionale Ergänzung gesehen werden.
Die Keimzelle der Psychokardiologie in Österreich ist das Hanusch-Krankenhaus in Wien. Dort wurde bereits in den 1980er-Jahren eine psychokardiologische Ambulanz eingerichtet. In den letzten Jahren hat sich die Psychokardiologie als spezialisiertes Angebot in der kardiologischen Rehabilitation etabliert. Vorreiter war das Reha-Zentrum in Felbring, gefolgt vom Reha-Zentrum Austria der BVAEB und dem Reha-Zentrum Bad Tatzmannsdorf.