„Patientensicherheit ist wie Hochwasserschutz“: Vom Gesundheitssystem zu einem patientenorientierten System

Das an der Medizinischen Universität Wien verankerte Institut will digitale Lösungen in den Gesundheitsökosystemen so bereitstellen, dass die Patientensicherheit und die Gesundheitskompetenz verbessert werden können. Prof. Harald Willschke, Anästhesist und Intensivmediziner an der Medizinischen Universität (MUW), und Juristin Dr. Maria Kletečka-Pulker leiten als wissenschaftliche Direktoren das neue Institut. „Machine Learning und künstliche Intelligenz werden in den nächsten zehn Jahren die Medizin prägen wie die Gentechnologie im vergangenen Jahrzehnt“, ist Willschke überzeugt. Gemeinsam mit einem interdisziplinären Team arbeiten die Experten an relevanten Themen an der Schnittstelle von Digitalisierung und der Sicherheit von Patienten. Partner sind aktuell die Medizinische Univierstät Wien, die Caritas der Erzdiözese Wien, Philips Austria GmbH, Becton, Dickinson and Company, die Landeskliniken Holding, der Wiener Gesundheitsfonds und die Österreichische Plattform für Patientensicherheit.

Vorhersagen verbessern

In drei Programmlinien wird an Themen geforscht, die deutlich machen, was hier möglich ist: „Die erste Programmlinie beschäftigt sich mit dem Empowerment der Healthcare Professionals. Wir wollen mithilfe von künstlicher Intelligenz und Big Data die Vorhersagen und die Prävention verbessern“, sagt der Intensivmediziner und erklärt die praktische Relevanz: „Eine große Herausforderung ist der Patient, dessen Zustand sich verschlechtert.“ Auf der Intensivstation ist das Monitoring engmaschig, dennoch kommt eine Verschlechterung oft schlagartig und – vermeintlich – ohne Vorzeichen. Mit den gesammelten Daten sollen nun Vorhersagemodelle entwickelt werden: Auch auf der Normalstation sind Projekte geplant. Aktuell gibt es zwar Early Warning Scores, die aufgrund von Vitalparametern berechnet werden und informieren sollen, wenn sich der Zustand von Patienten verschlechtert, aber dies erfolgt bislang nicht digital. Das soll durch die LBI-Forschung nun anders werden. „Wir digitalisieren die Daten, die ohnehin schon erhoben werden und leiten daraus Muster ab, die vielleicht schon viel früher auf kritische Konstellationen hinweisen“, sagt Willschke und vergleicht das Thema mit dem Hochwasserschutz: „Wir haben immer bessere Vorhersagen von Naturgefahren, sodass wir rechtzeitig Dämme bauen können.“

Telemedizin unterstützt Ärzte

Ebenfalls geforscht wird – analog zu Tumorboards – an virtuellen ICU-Boards, die eine Vernetzung von Experten aus Medizin, Pflege und Ethik erleichtern werden. Auf dem Programm des LBI „Digital Health and Patient Safety“ steht schließlich noch die Telemedizin. „Wir wollen den Arzt nicht ersetzen, sondern seine Kompetenzen erweitern, betont Willschke. In einem Projekt mit der Caritas stehen die Pflegheime im Mittelpunkt, wo es derzeit an der medizinischen Vorort-Versorgung an Nachmittagen und in der Nacht fehlt. Bis zu 90 % aller Hospitalisierungen finden abends und in den Nachstunden statt – genau dann, wenn der behandelnde niedergelassene Allgemeinmediziner nicht erreichbar ist. Die meisten Patienten gehen am nächsten Tag wieder nach Hause. „Mithilfe von Telemedizin kann man hier sehr ressourcenschonend arbeiten“, ist Willschke überzeugt und möchte via Videoschaltung den Spitalsarzt mit den Patienten und ihren Vitalparametern, EKG oder Ultraschalldaten verknüpfen.
Das LBI will in der Forschung aktiv mit Open-Innovation-Methoden arbeiten. Das heißt, dass neben Experten beispielsweise auch Betroffene, Patienten und Angehörige gezielt in die wissenschaftlichen Aktivitäten eingebunden werden. Das erste Projekt dazu wird sich der Frage „Was ist ein medizinischer Fehler?“ widmen.

 

Faktencheck

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft …

… schafft die Rahmenbedingungen, damit gezielt neue Forschungsthemen in Österreich angestoßen werden können, und schafft Freiraum zum Ausprobieren und Querdenken. In derzeit 20 Instituten befassen sich die Forscher mit Themen aus den Health Sciences sowie den Geistes-, Sozial-, Kulturwissenschaften und der Medizin.

Die Ludwig Boltzmann Institute werden nach einem strengen Auswahlverfahren gegründet. Wesentlich ist, dass gesellschafts-und zukunftsrelevante Fragen angestoßen werden und eine Zusammenarbeit mit Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft, dem öffentlichen Sektor und der Zivilgesellschaft erfolgt.