Unter dem Begriff Müdigkeit fasst die aktuelle S3-Leitlinie verschiedene Beschwerden zusammen, die Betroffene etwa als Schlappheit, Energiemangel oder Erschöpfung beschreiben. Wie verbreitet sie sind, zeigt eine deutsche Bevölkerungsbefragung, in der knapp ein Drittel der über 16-Jährigen angab, manchmal oder häufig unter Ermüdungserscheinungen zu leiden. Als eine der häufigsten Ursachen oder Begleiterscheinungen nennt die Leitlinie psychosoziale Belastungen. Darüber hinaus stehen auch Schlafstörungen und Bewegungsmangel mit anhaltender Müdigkeit in Zusammenhang.1
Unter den Nährstoffen steht bei anhaltender Müdigkeit vor allem Eisen im Verdacht. Eine Anämie fand sich in Studien allerdings nur bei rund 3 % der Patient:innen mit Müdigkeit. Doch auch ein Eisenmangel ohne Anämie kann mit Müdigkeit in Zusammenhang stehen.1 In einer systematischen Übersichtsarbeit verringerte eine Eisensupplementierung bei nichtanämischen Erwachsenen mit Eisenmangel die subjektiv empfundene Müdigkeit; die körperliche Leistungsfähigkeit verbesserte sich jedoch nicht messbar.2 Bei Personen ohne nachgewiesenen Eisenmangel blieb ein solcher Effekt hingegen aus.3 Anders als häufig angenommen steht ein Vitamin-D-Mangel laut Leitlinie nicht mit vermehrter Müdigkeit in Zusammenhang.1
Auch Cholin wird im Zusammenhang mit Erschöpfung diskutiert. Es dient als Baustein von Zellmembranen sowie als Vorstufe des Neurotransmitters Acetylcholin und ist unter anderem als Phosphatidylcholin in Lecithin enthalten. Da der Körper Cholin nur in begrenzter Menge selbst herstellen kann, ist er auf eine Zufuhr über die Nahrung angewiesen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat für Erwachsene eine angemessene Zufuhr von 400 mg täglich festgelegt.4 Klinische Daten zu Lecithin bei Erschöpfung sind allerdings rar. Eine Gruppe untersuchte in einer placebokontrollierten Studie 96 Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die über Müdigkeit klagten. Nach 8 Wochen unterschieden sich die Werte auf einer Müdigkeitsskala zwar nicht von Placebo, unter einer Tagesdosis von 1.200 mg Sojalecithin verbesserte sich jedoch das Vitalitätsempfinden der Teilnehmerinnen.5 Ob sich diese ersten Hinweise bestätigen, müssen größere Studien zeigen.
Bei länger anhaltender Müdigkeit ist eine ärztliche Abklärung angezeigt. Am häufigsten liegen ihr Depressionen oder Angststörungen zugrunde, die sich in Studien bei knapp einem Fünftel der Betroffenen fanden. Schwerwiegende organische Ursachen wie Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen oder COPD fanden sich bei rund 4 %, maligne Erkrankungen bei weniger als 1 %. Die Leitlinie empfiehlt daher eine Basisdiagnostik mit Blutzucker, großem Blutbild, Entzündungswerten, Leberwerten und TSH.1