Adipositas betrifft etwa 30 % der Weltbevölkerung mit weiter steigender Tendenz. Adipositas und Übergewicht im mittleren Lebensalter erhöhen unabhängig von Diabetes oder Gefäßerkrankungen das Demenzrisiko um mehr als 30 %, wobei Frauen ein etwas höheres Risiko als Männer aufweisen. Betrachtet man isoliert die Alzheimer-Demenz, verdoppelt sich das Risiko sogar im Vergleich zu Personen ohne Übergewicht.
Allerdings zeigt sich ein „Adipositas-Paradoxon“, da der Zusammenhang zwischen Adipositas im höheren Lebensalter und Demenzrisiko uneinheitlich ist. Teilweise wird in der Literatur kein Effekt, teilweise sogar ein scheinbar protektiver Effekt beschrieben.
Adipositas ist mit vielfältigen pathologischen Veränderungen im Gehirn verbunden, die unter anderem den Hippocampus und den präfrontalen Kortex betreffen. Dazu gehören eine Atrophie der grauen Substanz, Hyperintensitäten der weißen Substanz sowie eine verminderte Durchblutung des Gehirnes. Weiters wirkt Adipositas als systemischer Modulator der Hirnalterung. Insbesondere viszerales Fettgewebe führt über eine Mikrogliadysfunktion zu einer Blut-Hirn-Schranken-Störung, wodurch das Eindringen peripherer Immunzellen, entzündungsfördernder Faktoren und extrazellulärer Vesikel in das Gehirn möglich ist. Dadurch werden die Entzündungsprozesse und der oxidative Stress zusätzlich verstärkt, wohingegen subkutanes Fettgewebe eher protektiv wirken kann.
Weiters fördern adipositasassoziierte Hypertonie, Dyslipidämie und Diabetes zerebrovaskuläre Schäden (White-Matter-Lesions), die mit reduzierter kortikaler Dicke und kognitiven Defiziten korrelieren.
Sowohl bei Adipositas bzw. metabolischem Syndrom als auch bei Mild Cognitive Impairment (MCI) und Alzheimer-Demenz zeigt sich eine Reduktion des Hippocampusvolumens sowie Atrophie im medialen Temporallappen. Post-mortem-Studien zeigen bei älteren Patient:innen mit höhergradiger Adipositas höhere hippocampale Konzentrationen von Amyloid-b und Tau als bei Personen ohne Adipositas.
Adipositas ist mit Aufmerksamkeitsdefiziten, gestörter Exekutivfunktion, beeinträchtigter Entscheidungsfindung und vermindertem verbalem Gedächtnis assoziiert – ein Muster, das sich mit präklinischen/prodromalen Demenzstadien überschneidet.
Männer mit Adipositas weisen im Vergleich zu Frauen mit Adipositas ein höheres Risiko für eine leichte kognitive Beeinträchtigung sowie eine stärkere Hirnatrophie auf. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind bislang nicht vollständig geklärt; als mögliche Erklärung wird unter anderem ein östrogenvermittelter neuroprotektiver Effekt bei der Frau diskutiert.
Hieraus lässt sich eine mögliche Konsequenz für die klinische Praxis ableiten. Da eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) häufig bereits Jahre vor der Manifestation einer Demenz auftritt, sollte bei Patient:innen mit Adipositas und kognitiven Beschwerden frühzeitig eine strukturierte kognitive Testung erwogen werden, um dieses diagnostische Zeitfenster gezielt zu nutzen.
Die therapeutischen Ansätze bei Adipositas und Demenzprävention überschneiden sich erheblich, da beide an denselben metabolisch-vaskulären und inflammatorischen Pfaden ansetzen: Die FINGER-Studie1 (Finnish Geriatric Intervention Study) zeigte, dass eine Kombination aus Ernährungsberatung, körperlichem Training, kognitivem Training und Management vaskulärer Risikofaktoren über 2 Jahre die Kognition bei Risikopersonen verbesserte.
Mediterrane, DASH- und MIND-Diäten sind mit reduziertem Demenzrisiko assoziiert. Weiters verringert aerobes Training sowohl adipositasassoziierte Inflammation als auch neurodegenerative Prozesse, während Gewichtsverlust Gedächtnis und Aufmerksamkeit verbessern kann. Einzelinterventionen (nur Diät, nur Bewegung) zeigen inkonsistente Effekte, während multimodale Ansätze überlegen scheinen. Die Kontrolle von Hypertonie, Dyslipidämie und Diabetes bleibt gemeinsamer Ansatzpunkt beider Entitäten.
Praxismemo