Heute für Morgen

Trotz erheblicher Fortschritte in Diagnostik und Therapie stellen Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einem Anteil von rund 30 % weiterhin die häufigste Todesursache in Europa dar. Eine konsequente Präventionsstrategie kann Morbidität und Mortalität signifikant reduzieren und gleichzeitig die Lebensqualität und auch die Anzahl der gesunden Lebensjahre der Patient:innen erhöhen. Die kardiovaskuläre Prävention bleibt eine der zentralen Aufgaben in der haus- und fachärztlichen Versorgung. Prävention ist ein kontinuierlicher lebenslanger Prozess; die Begriffe Primär- und Sekundärprävention verschwimmen zunehmend.

Herausforderungen im klinischen Alltag

Im klinischen Alltag zeigt sich jedoch häufig eine Diskrepanz zwischen evidenzbasierten Leitlinien und tatsächlicher Umsetzung. Zeitmangel im ärztlichen Alltag, mangelnde Adhärenz auf Seite der Patient:innen sowie unzureichende Risikowahrnehmung auf beiden Seiten sind typische Herausforderungen. Umso wichtiger ist ein strukturierter, alltagstauglicher Ansatz zur Risikoreduktion unter der Berücksichtigung der benötigten Zeitressourcen, um die Notwendigkeit der Bildung eines „Patienten-Arzt-Teams“ zu ermöglichen.

Individuelle Risikostratifizierung

Zentraler Ausgangspunkt ist die individuelle Risikostratifizierung: Neben klassischen Risikofaktoren wie arterieller Hypertonie, Dyslipidämie (LDL-Cholesterin, Lipoprotein[a], Non-HDL, Triglyzeride), Diabetes mellitus (bzw. intermediäre Hyperglykämie) und Nikotinkonsum ist auch die Nierenfunktion bzw. Proteinausscheidung ins Zentrum gerückt. Lebensstilfaktoren, psychosoziale Belastungen sowie familiäre Prädisposition sollten jedoch ebenso berücksichtigt werden. Validierte Risikoscores (z. B. SCORE2; PREVENT; LP[a] Clinical Guidance) können hierbei unterstützen, ersetzen jedoch nicht die ärztliche Gesamteinschätzung.

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg präventiver Maßnahmen ist die langfristige Arzt-Patienten-Kommunikation. Prävention ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein in Summe zeitaufwendiger Prozess, der Motivation, Verständnis und Kontinuität erfordert.

Risikokommunikation personalisieren: Vermitteln Sie das individuelle Risiko verständlich und greifbar. Nutzen Sie absolute Risiken und visuelle Hilfsmittel (z. B. Plaquevisualisierung in der Karotissonografie), um Patient:innen die Relevanz von Maßnahmen klarzumachen. Vermeiden Sie rein abstrakte Prozentangaben ohne Kontext – Grafiken können helfen, das Risiko bewusst zu machen und teilweise auch den Effekt von Maßnahmen zu zeigen.

Kleine, erreichbare Ziele definieren: Überfordern Sie Ihre Patient:innen nicht! Statt umfassender Lebensstiländerungen auf einmal sollten konkrete, realistische Schritte vereinbart werden (z. B. 10 Minuten tägliche Bewegung zusätzlich, Reduktion von zuckerhaltigen Getränken). Erfolgserlebnisse fördern die langfristige Adhärenz.

Motivierende Gesprächsführung einsetzen: Arbeiten Sie mit offenen Fragen sowie aktivem Zuhören, und stärken Sie die Eigenverantwortung. Vermeiden Sie belehrende Kommunikation. Fragen wie „Was wäre für Sie ein erster machbarer Schritt?“ erhöhen die Beteiligung der Patient:innen.

Regelmäßige Nachverfolgung strukturieren: Prävention braucht Kontinuität. Planen Sie gezielte initial engmaschige Kontrolltermine (z. B. Blutdruck, Lipidwerte, Gewicht bzw. besser Bauchumfang), und nutzen Sie diese zur Verstärkung positiver Veränderungen. Auch kurze Follow-ups (telefonisch oder digital) können effektiv sein.

Lebensstil und medikamentöse Prävention

Neben der Lebensstilmodifikation spielt die medikamentöse Prävention eine zentrale Rolle, insbesondere bei Hochrisikopatient:innen. Eine leitliniengerechte Einstellung von Blutdruck, Blutzucker und Lipiden ist essenziell. Dabei sollte die Therapieentscheidung stets individualisiert erfolgen und die Präferenzen der Patient:innen zur Förderung der Adhärenz berücksichtigen. Selbst die wirksamste Therapie bleibt ohne Effekt, wenn sie nicht konsequent umgesetzt wird. Vereinfachte Therapieschemata, Kombinationstabletten und eine gute Aufklärung können entscheidend sein.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist essenziell für einen nachhaltigen Erfolg. Ernährungsberatung, Bewegungstherapie (Physiotherapeut:innen, Sportwissenschafter:innen) und psychologische Unterstützung sind wichtige Bausteine einer umfassenden Präventionsstrategie.

Fazit

Abschließend bleibt festzuhalten, dass kardiovaskuläre Prävention eine kontinuierliche ärztliche Begleitaufgabe darstellt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kombination aus evidenzbasierter Therapie, effektiver Kommunikation und individueller Betreuung. Nur so kann Prävention nachhaltig im Alltag der Patient:innen verankert werden. Und eines ist auch klar: Sport bzw. Bewegung ist das beste Medikament, das wir uns und unseren Patient:innen anbieten können.