Ärzte Krone: Unversorgter Hörverlust gilt heute als einer der größten veränderbaren Risikofaktoren für Demenz im Alter. Wie erklären Sie diesen Zusammenhang aus neurootologischer Sicht? Wie stark wiegt der psychosoziale Effekt – wenn man sich aufgrund eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit aus dem sozialen Leben zurückzieht?
Prof. Arnoldner: Dem mittlerweile vielfach belegten Zusammenhang, dass Leute, die schlecht hören, ein deutlich erhöhtes Risiko haben, eine Demenz zu entwickeln, hat man viele Jahre lang viel zu wenig Beachtung geschenkt. Man erklärt sich das auf biologischer Ebene so, dass bei Hörverlust ein wichtiger Anteil des sensorischen Inputs abhandengeht und durch den damit fehlenden Stimulus neuronale Verschaltungen verkümmern sowie die Plastizität des Gehirns abnimmt. Wenn es für Betroffene viel anstrengender wird, Gesprächen zu folgen, führt das oft auch zu Vermeidungsverhalten und sozialem Rückzug, was den Circulus vitiosus aus fehlendem Stimulus und abnehmender Gehirnleistung noch zusätzlich verstärkt.

Univ.-Prof. Dr. Christoph Arnoldner leitet das Christian Doppler Labor sowie die Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde an der MedUni Wien.
In der Allgemeinmedizinpraxis geht der schleichende Hörverlust im Alltag oft unter oder wird von Patient:innen als „normale Alterserscheinung“ abgetan. Gibt es aus Ihrer Sicht ausreichende Awareness für die Frühdiagnostik von Hörstörungen in der Hausarztpraxis?
Die Awareness, und zwar schon in der Jugend beginnend, dass das Gehör kein „unlimitiertes“ Organ ist und man sehr gut darauf aufpassen muss, ist allgemein leider noch immer völlig unzureichend. Dauerbeschallung in der Freizeit schädigt das Organ oft irreversibel, weil wir die feinen Haarzellen im Innenohr, die damit verloren gehen, nicht nachbilden können – was weg ist, ist weg. Selbst in der Hausarztpraxis ist die Awareness sehr ausbaufähig. Wir empfehlen, dass man ab ca. 50Jahren regelmäßig Hörtests macht und bei Vorliegen einer Hörstörung diese mit einer Hörhilfe korrigiert, um den unterschätzten und gravierenden Folgen von unbehandeltem Hörverlust vorzubeugen.
„Das Gehör ist kein ‚unlimitiertes Organ‘ – man muss sehr gut darauf aufpassen. Das Bewusstsein dafür ist allgemein leider noch immer völlig unzureichend.“
Ab welchem Grad der Schwerhörigkeit raten Sie aus präventiver Sicht zu einem Hörgerät, und nach welchen Kriterien erfolgt dessen Auswahl?
Die Frage, ob ein Hörgerät notwendig ist, wird durch einen Hörtest bei HNO-Ärzt:innen beantwortet. Ab ca. 40Dezibel Hörverlust werden Hörgeräte empfohlen, und die Auswahl wird letztendlich von den Akustiker:innen in Abstimmung mit den HNO-Ärzt:innen getroffen. Es gibt Patient:innen, die ein Hörgerät brauchen, das im Gehörgang sitzen kann, bei anderen muss es hinter dem Ohr sein – das ist individuell unterschiedlich.
Welchen Einfluss hat es auf die Akzeptanz, dass viele ein sichtbares Hörgerät mit Versehrtheit assoziieren?
Dem Stigma einer „Krücke“ versucht die Industrie entgegenzuwirken, indem multifunktionale Hörgeräte mit dem Status eines „Alltags-Gimmicks“ entwickelt werden, mit denen man nicht nur besser hört, sondern die etwa gleichzeitig auch als Navigationssystem oder Freisprecheinrichtung fungieren. In Zukunft werden Hörgeräte vielleicht auch die Körpertemperatur oder den Blutdruck messen – da tut sich viel, aber leider noch immer zu wenig für eine patientenseitig wirklich uneingeschränkte Akzeptanz.
Nach der Anpassung eines Hörgerätes bzw. eines Cochlea-Implantates (CI): Wie differenzieren Sie die Notwendigkeit einer Neurorehabilitation?
Auch das ist individuell sehr unterschiedlich, wiewohl ein Hörtraining mit Hörgeräten prinzipiell für jeden Menschen sinnvoll ist. Beim CI gibt es Patient:innen, die sehr wenig Training benötigen – bei denen sozusagen der Alltag Training genug ist –, und meist Ältere oder solche, die nicht mehr im Berufsleben stehen, bei denen eine Neurorehabilitation sehr sinnvoll und auch notwendig ist.
Beim Cochlea-Implantat denken viele noch immer primär an taub geborene Kinder oder absolut gehörlose Senior:innen. Haben technologische Weiterentwicklungen die Indikationen erweitert?
Auf jeden Fall: Mittlerweile werden nicht nur beidseitig taube Menschen oder Kinder implantiert, sondern auch Betroffene, die nur auf einer Seite taub sind und auf der anderen vielleicht noch normal hören, oder Patient:innen, die nur für bestimmte Frequenzen ertaubt sind und die mit Hörgeräten nicht gut versorgt werden können. Es gibt auch kein striktes Alterslimit. Die größte Errungenschaft, die wahrscheinlich noch dieses Jahr auf den Markt kommen wird, sind voll implantierbare CI, die man dann gar nicht mehr sieht und die ein Hören den ganzen Tag lang und in der Nacht ermöglichen. Wir selbst haben schon 5 im Rahmen einer Studie mit ausgezeichneten Erfahrungen implantiert.
Sie arbeiten parallel auch als Leiter des Christian Doppler Forschungslabors an der HNO-Abteilung mit Ihrem Team an innovativen Ansätzen zur Behandlung von Erkrankungen des Innenohrs – wie Medikamenten zur Innenohr-Regeneration sowie Gentherapie. Gibt es schon klinische Erfahrungen?
Wir haben hier an der HNO-Uniklinik das optimale Umfeld, um translationale Forschung, also Forschung, die vom Labor aus schließlich das Krankenbett erreicht, sehr gut umsetzen zu können. Einen innovativen Wirkstoff gegen Hörsturz mit der Studienbezeichnung AC102, mit dem der heute ob seiner fraglichen Wirksamkeit äußerst kritisch beurteilte Kortikosteroideinsatz obsolet werden kann, haben wir den gesamten Weg vom Labor über den Tierversuch bis mittlerweile auch schon in einer Studie am Menschen erfolgreich begleitet. Wir testen aber auch Roboter zur Insertion von Cochlea-Implantaten und virale Vektoren für eine Gentherapie bei einer bestimmten Art von genetisch bedingtem Hörverlust, mit der ein für die Weiterleitung von akustischen Signalen essenzielles Protein in den Haarzellen, das Otoferlin, wieder exprimiert wird. Wir konnten damit kürzlich in Zusammenarbeit mit der HNO-Universitätsklinik in Tübingen (D)– mit großem medialen Echo – bei einem vollständig taub geborenen Kind den Hörsinn neu herstellen. Eine FDA-Zulassung dafür gibt es bereits, eine für Europa sollte eventuell noch bis Ende des Jahres folgen.
Vielen Dank für das Gespräch!