Die multiple Sklerose (MS) ist mit rund 13.500 Betroffenen in Österreich die häufigste chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems im jungen Erwachsenenalter. Die Behandlung der MS basiert heute auf 4 wesentlichen Säulen (Abb.): der Schubtherapie, der krankheitsmodifizierenden Therapie, der symptomatischen Therapie sowie Maßnahmen zur Erhaltung der Brain Health, um langfristig Hirngewebe und neurologische Funktion zu schützen.
Ziel der Schubbehandlung ist es, die Dauer der entzündlichen Aktivität zu verkürzen und eine möglichst vollständige Rückbildung der Symptome zu erreichen. Standard ist eine hochdosierte intravenöse Behandlung mit Methylprednisolon über 3–5 Tage. Eine ausschleichende orale Kortisontherapie ist nach aktueller Evidenz in den meisten Fällen nicht erforderlich. Bei schweren Schüben oder unzureichendem Ansprechen auf Kortikosteroide sollte frühzeitig eine Eskalation mittels Plasmaaustausch oder Immunadsorption erwogen werden.
Heute stehen zahlreiche krankheitsmodifizierende Therapien mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zur Verfügung. Moderne hochwirksame Therapien können die jährliche Schubrate um bis zu 90 % reduzieren und das Risiko neuer MRT-Läsionen sowie einer Behinderungsprogression deutlich senken. Da irreversible axonale Schäden bereits früh entstehen können, gilt heute ein möglichst früher Therapiebeginn als entscheidender prognostischer Faktor. In der klinischen Praxis wird daher bei den meisten Patient:innen mit schubförmiger MS frühzeitig eine hochwirksame Therapie angestrebt („hit hard and early“) – insbesondere mit CD20-depletierenden Antikörpern (Ocrelizumab, Ofatumumab oder Ublituximab) oder Natalizumab.
Bei milderer Krankheitsaktivität stehen auch etablierte Immunmodulatoren wie Interferon-b und Glatirameracetat sowie orale Therapien wie Dimethylfumarat, Teriflunomid, Cladribin oder Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren zur Verfügung. Weitere Wirkstoffe wie Alemtuzumab werden heute aufgrund ihres Sicherheitsprofils nur noch in ausgewählten Einzelfällen eingesetzt. Die Auswahl erfolgt individuell unter Berücksichtigung von Krankheitsaktivität, Alter, Komorbiditäten, Sicherheitsprofil, Familienplanung und Präferenzen der Patient:innen.
Obwohl moderne Therapien die entzündliche Krankheitsaktivität wirksam kontrollieren, entwickeln viele Patient:innen – insbesondere im späteren Krankheitsverlauf – persistierende Symptome. Da sich entstandene neurologische Defizite oft nur begrenzt zurückbilden, ist ihre Vermeidung durch eine frühzeitige hochwirksame Therapie die wirksamste Form der symptomatischen Behandlung. Persistierende Beschwerden sollten gezielt symptomatisch behandelt werden.Zu den häufigsten Beschwerden zählt die Fatigue, die von vielen Betroffenen als besonders belastend empfunden wird. Neben Schlafhygiene, regelmäßiger körperlicher Aktivität und Energiemanagement können in ausgewählten Fällen auch medikamentöse Therapien erwogen werden. Spastik lässt sich häufig durch Physiotherapie, regelmäßige Dehnungsübungen und antispastische Medikamente (z. B. Baclofen oder Tizanidin) verbessern. Neuropathische Schmerzen sprechen meist besser auf Antikonvulsiva (z.B. Gabapentin oder Pregabalin) oder Antidepressiva (z. B. Duloxetin oder Amitriptylin) an als auf klassische Analgetika. Auch Blasenfunktionsstörungen, sexuelle Dysfunktion, kognitive Einschränkungen und depressive Symptome sollten aktiv erfragt werden, da sie von Patient:innen häufig nicht spontan angesprochen werden. Eine frühzeitige Diagnostik und interdisziplinäre Betreuung können die Lebensqualität erheblich verbessern. Neben einer individuell angepassten medikamentösen Therapie sind Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und neuropsychologische Rehabilitation wesentliche Bestandteile der Versorgung und tragen zum Erhalt von Funktion und Selbstständigkeit bei.
Über die klassischen Therapiebausteine hinaus gewinnt das Konzept der Brain Health zunehmend an Bedeutung. Ziel ist es, den strukturellen „Endorganschaden“ am Gehirn möglichst gering zu halten sowie körperliche und kognitive Funktionsfähigkeit bis ins hohe Alter zu erhalten. Dazu gehören regelmäßige Bewegung, Rauchverzicht, ausreichend Schlaf, die Behandlung vaskulärer Risikofaktoren sowie ein vollständiger Impfschutz zur Vermeidung von Infektionen und mögliche Komplikationen unter Immuntherapien.
Die moderne MS-Therapie kombiniert Schubtherapie, frühzeitige hochwirksame krankheitsmodifizierende Therapie, symptomatische Behandlung und Maßnahmen zur Brain Health. So können heute bei den meisten Patient:innen die Krankheitsaktivität langfristig kontrolliert, irreversible neurologische Schäden reduziert und die Behinderungsprogression verzögert werden.
Praxismemo