Hausärztliche Primärversorgung

Regelmäßig wird bei diesen Überlegungen aber die Frage gestellt, ob die Allgemein- und Familienmedizin in Österreich diese Aufgabe überhaupt stemmen könnte. Es werden Zweifel sowohl an der qualitativen als auch quantitativen Schlagkraft der hausärztlichen Primärversorgung geäußert.

Gibt es genug Hausärzt:innen in Österreich?

Laut Ärztestatistik 20251 gab es mit Dezember 2025 in Summe 6.904 Allgemeinmediziner:innen (AM) und FÄ für Allgemein- und Familienmedizin (AFM) in Österreich mit einer Ordination. Davon sind 61% im kassenärztlichen Bereich (ÖGK-Kassenvertrag oder „kleine Kassen“) tätig. Im spezialfachärztlichen Bereich sind von den insgesamt 13.370 Ärzt:innen mit einer Ordination im Vergleich nur 31% im kassenärztlichen Bereich tätig. Im zeitlichen Verlauf der Statistik ist auffallend, dass im Bereich der AM/AFM bei der Anzahl der Ärzt:innen mit einem ÖGK-Kassenvertrag zuletzt eine steigende Tendenz zu erkennen ist. Die Zahl der AM/AFM mit einem ÖGK-Kassenvertrag weist laut dieser Statistik 2025 mit 3.895 den höchsten Wert seit 2011 auf. Die Anzahl der ohne Kassenvertrag tätigen Ärzt:innen ist seit 2016 relativ stabil. Demgegenüber zeigt sich bei den spezialisierten Fachärzt:innen zuletzt eine sinkende Tendenz der kassenärztlich tätigen Ärzt:innen bei seit 1999 anhaltend kontinuierlichem Anstieg der kassenfrei tätigen Ärzt:innen. Erfreulich zeigt sich die Anzahl der Teilnehmer:innen an der Prüfung zum AM, die 2025 den höchsten Stand seit 2017 zu verzeichnen hatte.

Neben der Anzahl an Ärzt:innen ist auch die Anzahl der Kassenplanstellen und der dort versorgten Patient:innen zu berücksichtigen. Hier zeigt sich im Zeitraum von 2009 bis 2019 aus verschiedenen Gründen eine Steigerung der pro besetzter Kassenplanstelle Allgemeinmedizin versorgten Quartalspatient:innen um 9%.2Die Ärztestatistik 2025 gibt auch Auskunft über die Anzahl unbesetzter Stellen in der Primärversorgung. So sind von insgesamt 3.597,5 Kassenstellen AM (angegeben als VZÄ) 167,5 mit Stand 1. Quartal 2026 unbesetzt. Das sind 4,66 Prozent – es sind also aktuell mehr als 95 Prozent der Stellen in der allgemeinmedizinischen Primärversorgung besetzt. Für Dezember 2019 wurde der Anteil unbesetzter Kassenplanstellen in der Allgemeinmedizin österreichweit noch mit 2,7 % angegeben.3

Ein Hinweis auf die Überlastung von Strukturen kann auch die Wartezeit auf einen Arzttermin sein. Hier zeigt sich, dass die Wartezeiten im kassenärztlichen Bereich in der hausärztlichen Versorgung mit Abstand am niedrigsten sind.4 Termine bei Hausärzt:innen sind in der Regel sofort oder mit nur eintägiger Wartezeit verfügbar.

Bereits jetzt haben die meisten Österreicher:innen (94%) laut einer Studie der ÖGK eine:n fixe:n Hausärzt:in.5 Es besteht also eine enge Bindung an die hausärztliche Ebene. Bestehende strukturelle Schwächen des Systems erschweren aber oft eine sinnvolle Lenkungsfunktion im System und verursachen eine zunehmende Fragmentierung.

In den Überlegungen zur Etablierung eines Primärarztsystems, wie es zum Beispiel als „Hausarztzentrierte Versorgung“ (HZV) in Baden-Württemberg seit Jahren etabliert ist, stellt sich die Frage nach einer dadurch bedingten Überlastung der Primärversorgung. Für die HZV sind insgesamt geringere Kosten bei hoher Versorgungsqualität nachgewiesen.6 Zwar zeigte sich bei Einführung der HZV tatsächlich eine verstärkte Inanspruchnahme der hausärztlichen Primärversorgung7, es konnten aber trotzdem bei den in der HZV tätigen Ärzt:innen eine höhere Arbeitszufriedenheit, geringere Stressbelastung und höhere Motivation als bei den Kolleg:innen in der Regelversorgung nachgewiesen werden.8

Derzeit beschäftigt sich auch die DEGAM (Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin) intensiv mit der Frage, ob es genug Hausärzt:innen in Deutschland gibt. Dies ist für die Situation in Österreich deshalb sehr interessant, da es in Deutschland schon gute Erfahrungen mit einem Primärarztsystem in Form der HZV gibt. Es kann auch, im Gegensatz zum angloamerikanischen oder skandinavischen Raum, von einer ähnlichen Bevölkerungsmentalität sowie einem grundsätzlich ähnlich funktionierenden Gesundheitssystem ausgegangen werden (Ausnahme: Finanzierung aus einer Hand). Sowohl in Deutschland als auch in Österreich liegt im OECD-Schnitt eine überdurchschnittlich hohe Ärztedichte9 vor, wobei hier das Spezifikum des Wahlarztsystems in Österreich sicherlich zu berücksichtigen ist. Besonders relevant ist hier, dass im Koalitionsvertrag der deutschen Bundesregierung angekündigt wurde, ein hausärztlich geleitetes Primärversorgungssystem bundesweit einzuführen. Aus diesem Grund liegen mittlerweile mehrere Stellungnahmen und Positionspapiere der DEGAM vor, die sich intensiv mit der Durchführbarkeit einer hausärztlich geleiteten Primärversorgung auseinandersetzen.Die DEGAM dazu: „Es sind genug Hausärzt:innen vorhanden – aber nur, wenn wir unnötige Arbeitsbelastungen reduzieren, die ärztliche Arbeitszeit sinnvoll für eine patientenorientierte, qualitativ hochwertige Versorgung (High Value Care) nutzen und außerdem klar definierte Aufgaben an andere Gesundheitsberufe abgeben. Davon profitiert auch der Nachwuchs: Eine zentrale Position der Hausarztpraxis im Gesundheitssystem trägt zu einem attraktiven Berufsbild bei und führt zusammen mit der Förderung der Allgemeinmedizin in Studium und Weiterbildung zu erfolgreicher Nachwuchsgewinnung.“10

Hat die Allgemein- und Familienmedizin in Österreich eine ausreichende qualitative Kompetenz zur Umsetzung einer hausarztzentrierten Primärversorgung?

Aus berufstheoretischer Überlegung ist die Allgemein- und Familienmedizin das einzige medizinische Fachgebiet, das als Fachgebiet an sich die erforderlichen Fähigkeiten zur Erfüllung der notwendigen Systemfunktionen in Bezug auf eine sinnvolle Begleitung und Führung von Patient:innen im Gesundheitssystem besitzt.11 Aufgrund eines bisher fehlenden, klar definierten Versorgungsvertrages für die gesamte hausärztliche Primärversorgung sowie eines sich über Jahrzehnte entwickelten, hauptsächlich frequenzgetriggerten Honorierungssystems gab es wenig Anreiz durch das System zu einer verlässlichen und sichergestellten Versorgungsqualität. So ist bis jetzt im Österreichischen Strukturplan Gesundheit die Ebene der Primärversorgung außerhalb der Einrichtungen entsprechend dem Primärversorgungsgesetz nicht abgebildet!12 Auch wurde in Österreich die Etablierung der AFM als eigenständiges Fachgebiet mit Etablierung der Fachärzt:innen für Allgemein- und Familienmedizin erst mit jahrzehntelanger Verzögerung umgesetzt. Trotz dieser historischen systemischen Schwäche genießt das Hausarztsystem bei der Bevölkerung sehr hohe Beliebtheitswerte.13

Dass neben Primärversorgungseinheiten laut Primärversorgungsgesetz auch „klassische“ Organisationsformen der Primärversorgung (Einzelpraxen, Gruppenpraxen etc.) eine mindestens genauso hochqualitative Primärversorgung erbringen können, zeigt das ÖGAM-Praxissiegel.14, 15

Grundsätzlich ist zu erwähnen, dass derzeit die Qualitätssicherung im niedergelassenen ärztlichen Bereich auf die Struktur- und Prozessqualität fokussiert.16 Eine Qualitätsarbeit im niedergelassenen ärztlichen Bereich sollte jedoch die gesundheitliche Versorgung der Patient:innen und deren Interessen ins Zentrum stellen. Somit sind derzeit wohl nur sehr eingeschränkt Aussagen zur tatsächlich erbrachten Qualität der Versorgung in der hausärztlichen Primärversorgung möglich.

Fazit

Gleichlautend zur Stellungnahme der DEGAM können wir auch für Österreich feststellen:
Es gibt genug Hausärzt:innen für eine bedarfsgerechte, flächendeckende und hochwertige Gesundheitsversorgung in Österreich – heute und in Zukunft, in einem hausärztlich geleiteten Primärversorgungssystem, basierend auf High Value Care, schlanker Bürokratie und interprofessioneller Zusammenarbeit.