Tabuthema in der Ordination

Schwitzen hat eine lebensnotwendige Funktion und schützt den Organismus über Wärmeentzug durch Verdunstung vor Überhitzung. Unter Hyperhidrose versteht man ein pathologisches Übermaß an Schwitzen, das über die Wärmeregulation hinausgeht. Während der sekundären Hyperhidrose internistische Erkrankungen oder externe Ursachen zugrunde liegen, handelt es sich bei der primären Hyperhidrose um eine idiopathische Erkrankung.1

Klinisches Bild und Diagnose

Die primäre Hyperhidrose tritt in der Regel fokal auf; Achselhöhlen, Handflächen, Fußsohlen, Stirn oder Leistenregion können in einem oder mehreren Arealen betroffen sein. Die Diagnose erfolgt anhand von Anamnese, Klinik und ggf. durch ergänzende Tests (Jod-Stärke-Test nach Minor, Gravimetrie); es existieren keine Labor- oder Messwerte, die das Vorliegen einer Hyperhidrose eindeutig belegen oder ausschließen. Typische Anzeichen sind ein Beginn im Kindes- oder Jugendalter (< 25 Jahre), temperaturunabhängiges und unvorhersehbares Schwitzen, Symptomatik öfter als 1-mal/Woche mit Beeinträchtigung der Lebensqualität, kein Auftreten beim Schlafen sowie eine positive Familienanamnese. Zur Beurteilung des Schweregrades können validierte Instrumente wie die Hyperhidrosis Disease Severity Scale (HDSS) eingesetzt werden.1

Einschränkung der Lebensqualität

Die primäre Hyperhidrose ist mehr als ein kosmetisches Problem: Zahlreiche Studien zeigen, dass die Erkrankung mit einer deutlichen Einschränkung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität verbunden ist. Betroffen sind unter anderem soziale Interaktionen, Beruf oder Ausbildung, Alltags- und Freizeitaktivitäten sowie das psychische Wohlbefinden.2,3 Viele Patient:innen berichten über Scham, ein vermindertes Selbstwertgefühl und Vermeidungsverhalten. Aus Angst vor sichtbaren Schweißflecken passen sie ihre Kleiderwahl an oder umgehen bestimmte berufliche und soziale Situationen.2 Trotz des oft erheblichen Leidensdruckes nimmt nur ein Teil der Betroffenen ärztliche Hilfe in Anspruch, wodurch die Diagnose und eine wirksame Behandlung häufig verzögert werden.4

Behandlung

Für die Behandlung der primären fokalen Hyperhidrose stehen mehrere Therapieoptionen zur Verfügung. Empfohlen wird ein stufenweises Vorgehen, wobei die Auswahl der geeigneten Behandlung individuell auf die Patient:innen abgestimmt werden sollte. Begonnen wird in der Regel mit einer topischen Therapie: Hierfür kommen aluminiumchloridhaltige Antitranspiranzien sowie topische Anticholinergika infrage. Aluminiumchlorid vermindert die Schweißsekretion durch einen Verschluss der Schweißdrüsenausführungsgänge1, während Glycopyrroniumbromid5,6 die cholinerge Aktivierung der Schweißdrüsen hemmt. Beide Wirkstoffe können bei primärer axillärer Hyperhidrose die Schweißproduktion wirksam reduzieren.1,5,6 Reicht eine topische Therapie nicht aus oder besteht weiterhin ein hoher Leidensdruck, kann die Behandlung stufenweise um Botulinumtoxin-Injektionen, Leitungswasser-Iontophorese, systemische Anticholinergika oder in ausgewählten Fällen um operative Verfahren erweitert werden.1