Die chronische Insomnie gehört zu den häufigsten Beratungsanlässen in der allgemeinmedizinischen Praxis. Die Betreuung dieser Patient:innen erfordert ein strukturiertes Vorgehen, das kausale Faktoren identifiziert und risikoreiche Langzeittherapien vermeidet.
Am Anfang steht der Ausschluss sekundärer Ursachen (z. B. Schlafapnoe, Restless-Legs-Syndrom, Depression oder schlafstörende Medikation). Gemäß der S3-Leitlinie ist die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) die Methode der ersten Wahl.1 Da diese jedoch im Praxisalltag aufgrund von Ressourcenmangel oft nur zeitverzögert zugänglich ist, gewinnt die medikamentöse Überbrückung oder Begleittherapie an Relevanz. Klassische Benzodiazepine und Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon) bergen bekanntermaßen ein erhebliches Abhängigkeitspotenzial, das Risiko einer Toleranzentwicklung sowie ein erhöhtes Risiko für Stürze und kognitive Defizite– insbesondere bei älteren Patient:innen.1 Vor diesem Hintergrund rücken Substanzen mit einem günstigeren Nebenwirkungsprofil in den Fokus.
Melatonin, das körpereigene Hormon der Zirbeldrüse, steuert als chronobiologischer Taktgeber den zirkadianen Rhythmus. Der physiologische Melatoninspiegel nimmt mit steigendem Lebensalter natürlicherweise ab, was die hohe Prävalenz von Schlafstörungen in der Geriatrie miterklärt.2
In der medikamentösen Therapie muss differenziert werden:
Melatonin ist vor allem bei zirkadianen Schlafstörungen sowie vor dem Hintergrund einer nachlassenden körpereigenen Hormonproduktion effektiv. Bei Patient:innen über 55 Jahre bietet retardiertes Melatonin eine evidenzbasierte, sichere Behandlungsoption, die das Risiko von Stürzen und Abhängigkeiten im Vergleich zu klassischen Hypnotika minimiert. Bei jüngeren Patient:innen steht primär die KVT-I im Vordergrund; Melatonin kann hier bei nachgewiesenen zirkadianen Störungen leitliniengerecht erwogen werden.7