Schlafstörungen und Alkohol

Alkohol ist in unserem Kulturkreis das am weitesten verbreitete „Schlafmittel“. Viele Menschen, auch nichtalkoholkranke, machen sich die entspannende und beruhigende Wirkung von Alkohol zu Nutze, um angenehm und rasch einschlafen zu können. In der Nacht setzt jedoch dann der gegenteilige Effekt ein, Alkohol wird abgebaut, Stoffwechselprozesse werden aktiviert und dadurch oft empfindlich der Schlaf gestört. Bei Alkoholkranken ist die Schlafstörung ein meist sehr ausgeprägtes und auch lang andauerndes Entzugssymptom, welches, zumindest vorübergehend, eine spezifische Behandlung benötigt.

Alkohol in Österreich

Übermäßiger Alkoholkonsum und Alkoholabhängigkeit gehören zu den größten Herausforderungen, mit denen Ärzte in der täglichen Praxis konfrontiert sind, dies nicht nur im Bereich der Psychiatrie, sondern auch in allen anderen medizinischen Fachgebieten. Geschätzte 340.000 Österreicher sind alkoholkrank, nahezu jeder 4. erwachsene Mann betreibt einen problematischen Alkoholkonsum, das heißt, er konsumiert Alkohol in einem gesundheitsgefährdendem Ausmaß. Obwohl die Gesamtzahl der Alkoholkranken in den letzten Jahren nahezu gleich bleibt, nimmt der relative Anteil der Frauen deutlich zu, während die der Männer leicht sinkt.

Wirkung von Alkohol auf den Schlaf

Alkoholkonsum vor dem Schlafengehen führt zu einer Verkürzung der Einschlafzeit, einer Reduktion der REM-Schlafzeit und einer Verlängerung der Non-REM-Schlafzeit. Da Alkohol relativ rasch abgebaut wird, finden wir diese Auswirkungen vor allem in der ersten Nachthälfte, während in der zweiten Nachthälfte Alkoholentzugseffekte den Schlaf beeinflussen. Hier ist die REM-Schlafzeit in der Regel verlängert, Träume oder Albträume treten gehäuft auf und der Schlaf kann durch Wachperioden unterbrochen sein. Weiters können Symptome wie Herzrasen, Unruhezustände, Kopfschmerzen oder verstärktes Schwitzen zusätzlich den Schlaf stören. Aus dieser Schlafbeeinträchtigung folgen schließlich auch eine erhöhte Tagesmüdigkeit und eine Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit.

Alkoholabhängigkeit und Schlafstörungen

Schlafstörungen sind bei alkoholabhängigen Menschen häufiger als bei nichtalkoholabhängigen. Bei Alkoholabhängigen, die sich in einer Therapie befinden, werden in der Literatur Insomnieraten zwischen 36 bis 72% angegeben. Vor allem beim Trinktyp des Spiegeltrinkers ist die Schlafstörung ein häufiges, sehr belastendes und auch nach Entzug oft noch länger anhaltendes Entzugssymptom. Üblicherweise dauert der akute Alkoholentzug 7 bis 10 Tage. Einige im Entzug auftretende Symptome, wie Craving, Stimmungslabilität und eben auch Schlafstörungen, können oft über Wochen oder Monate bestehen bleiben. In polysomnographischen Studien an alkoholkranken Patienten zeigen sich im akuten Entzug eine deutlich verlängerte Einschlafzeit und ein fragmentiertes, oberflächliches Schlafprofil. Nach dem akuten Entzug normalisiert sich der Schlaf nur allmählich und zeigt vor allem gehäufte nächtliche Wachperioden. Einige dieser Normabweichungen können sogar über einen Zeitraum von 1 bis 3 Jahren kontinuierlicher Abstinenz bestehen bleiben. Während die Einschlafzeit sich im Zeitraum von 5 bis 9 Monaten nach Abstinenzbeginn normalisiert, dauert dies für die normale Schlafzeit 1 bis 2 Jahre.
Auch für die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit dürfte eine Insomnie prädisponierend wirken. In verschiedenen Studien wird geschätzt, dass 6 bis 19% der Gesamtbevölkerung und 15 bis 28% der Patienten mit einer diagnostizierten Schlafstörung Alkohol zum Einschlafen verwenden. Bei Alkoholkranken sind dies sogar 44 bis 60%, jedoch entwickeln diese Patienten auch rasch eine Toleranz gegenüber dem sedierenden Effekt von Alkohol und steigern die Alkoholdosis, um denselben Effekt zu erzielen. In klinischen Studien wurde auch der Zusammenhang zwischen REM-Schlaf und einem Alkoholrückfall untersucht. Hier zeigte sich, dass ein erhöhter REM-Schlafdruck ein Prädiktor für ein erhöhtes Rückfallrisiko darstellt. Ebenso hat die subjektiv empfundene Schwierigkeit einzuschlafen eine prognostische Bedeutung hinsichtlich eines erhöhten Rückfallrisikos. Zwei polysomnographische Untersuchungen fanden einen Zusammenhang zwischen einer verlängerten Einschlaflatenz und einem erhöhten Rückfallrisiko. Das subjektive Empfinden, schwer einzuschlafen, stellt hier einen Prädiktor für einen Rückfall innerhalb eines Katamnesezeitraums von 3 bis 5 Monaten nach Abstinenzbeginn dar.
Von großer Bedeutung bei Alkoholkranken ist auch das Schlafapnoe-Syndrom, welches bei alkoholabhängigen Menschen häufiger anzutreffen ist als bei nichtalkoholabhängigen. Verschiedene Studien zeigten, dass alkoholkranke Patienten im Vergleich zu Gesunden auch während der Abstinenz häufig atmungsabhängige Schlafstörungen aufweisen. Auch sogenannte periodische Beinbewegungen während des Schlafes treten bei Alkoholkranken gehäuft auf und können empfindlich den Schlaf stören.

Therapie

Auf jeden Fall ist bei einer nichtorganischen Insomnie zu einer Alkoholkarenz zu raten, da sich, infolge einer längerfristigen Abstinenz, Schlafstörungen auch ohne weitere Behandlungsmaßnahmen wieder zurückbilden können. Die medikamentöse Therapie der Schlafstörung beim alkoholabhängigen Patienten bedarf – wegen der Gefahr einer Suchtverschiebung – besonderer Sorgfalt in der Diagnostik und der Wahl einer eventuellen Schlafmedikation. Im Alkoholentzug sind Benzodiazepine weit verbreitet und auch effektiv in der Behandlung vegetativer Entzugssymptome, jedoch haben gerade diese Substanzen ein ausgeprägtes Suchtpotential, weswegen sie streng kontrolliert nur über einen beschränkten Zeitraum des akuten Entzuges verabreicht werden dürfen. Da Schlafstörungen jedoch länger bestehen können, sollte, nach der Entzugsphase, eher an die Gabe von sedierenden Antidepressiva oder von atypischen Antipsychotika gedacht werden. Oft kann auch durch eine bewusste Schlafhygiene – wie Vermeiden von Schlafen unter Tag oder Verzichten auf aktivierende Verhaltensweisen vor dem Schlafengehen wie intensives Fernsehen oder Arbeiten – von einer medikamentösen Behandlung der Schlafstörung Abstand genommen werden. Außerdem zeigen sich Entspannungstechniken und kognitive Therapie bei der Behandlung von Schlafstörungen als äußerst effektiv.
Die Behandlung der Schlafstörung beim alkoholkranken Patienten stellt jedoch nur einen kleinen Teil der notwendigen Behandlung dar. Der Schwerpunkt der Therapie liegt in der Suche nach den suchtauslösenden und suchterhaltenden Faktoren und im Aufbau und Erlernen von Alternativen zum Suchtverhalten, um schließlich wieder zu einem freudvollen und erfüllten Leben ohne Suchtmittel zu gelangen. In der Behandlung ist es unerlässlich, den diagnostischen Blickwinkel zu erweitern und neben den Krankheitssymptomen auch die Ressourcen des Patienten zu finden, um sie in den späteren therapeutischen Prozess auch gezielt einbauen zu können.

resümeeObwohl Alkohol häufig als Selbstmedikation bei Schlafstörungen eingesetzt wird, ist es kein geeignetes Schlafmittel, sondern begünstigt Schlafstörungen. Besonders Alkoholkranke zeigen häufig ausgeprägte Schlafstörungen. Hier ist die Alkoholabstinenz der wichtigste Faktor bei der Behandlung einer Insomnie. Neben verhaltenstherapeutischen Maßnahmen, Entspannungstechniken und einer bewussten Schlafhygiene können sedierende Antidepressiva oder moderne Antipsychotika verordnet und auf die Gabe von Benzodiazepinen gänzlich verzichtet werden. Bei der Therapie von Alkoholkranken bedarf es jedoch – über die medikamentöse Behandlung hinaus – eines spezifischen Behandlungsangebots in einem multiprofessionellen Team, um dem Patienten ein suchtfreies, freudvolles Leben zu ermöglichen.

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