SP 03|2011

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek

Editorial

  • „Wenn das Leben als nicht mehr schön erlebt wird, ist die Gefahr für Schlafstörungen besonders groß“

    Zu einem gesunden Leben gehört ein gesunder Schlaf – ein Satz, dem wohl kaum jemand ernsthaft zu widersprechen vermag. Es stellt sich dabei aber natürlich die Frage: Was ist gesunder Schlaf? Ist ein gesunder Schlaf dann gegeben, wenn der Schlaf-Wach-Rhythmus ein regelmäßiger ist, ganz ohne Ein- oder Durchschlafstörungen, ohne wesentliche Verkürzung oder Verlängerung und ohne verfrühtes morgendliches Erwachen – oder braucht es dazu mehr? Muss er nicht auch erholsam und erquickend sein, uns tagsüber mit Kraft erfüllen? Oder sollte man von einem gesunden Schlaf überhaupt nur dann sprechen, wenn er – seine zentrale Zeitgeberfunktion hinreichend erfüllend – uns Wohlfühlen im Wachzustand bringt? Alles Fragen, denen im vorliegenden Themenschwerpunktheft „Schlaf und Schlafstörungen“ nachgegangen wird.

    „Wohlsein“ und Verlust an Lebensfreude

    Bringt man den Schlaf wie eingangs mit gesundem Leben in Verbindung, dann stellt sich aber natürlich ebenso die Frage, was nun unter einem gesunden Leben zu verstehen wäre. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezieht hier zumindest auf den ersten Blick ganz unmissverständlich Stellung. Ein gesundes Leben ist viel mehr als ein nur krankheitsfreier Zustand. Es ist dann gegeben, wenn sich der Mensch in einem Zustand geprägt von körperlichem, seelischem und sozialem Wohlbefinden, eigentlich richtiger „Wohlsein“, befindet. In der ursprünglichen englischen Fassung heißt es nämlich „physical, mental and social well-being“, das in jedem Fall mehr ist als bloßes Wohlfühlen.

    Was nun allerdings mit „well-being“ konkret gemeint ist, wann ein solches als erreicht gilt, bleibt dann weitgehend für persönliche Interpretationen offen. In der Regel wird Wohlsein heute einerseits mit der Absenz von Leid und andererseits mit Funktionstüchtigkeit des Individuums gleichgesetzt. „Gutes Funktionieren“ bleibt hier nicht nur auf die Arbeitswelt beschränkt, sondern wird auch auf die Privatsphäre ausgeweitet, auf den Umgang mit Freunden, Partnern, mit Familie, Kindern etc. Gesund gelten dann diejenigen, die kein körperliches, seelisches und/oder soziales Leiden beklagen müssen und die im körperlichen, psychischen und sozialen Bereich voll funktionstüchtig sind.

    Man kann den Gesundheitsbegriff auch weiter fassen und ihn über subjektiv erlebte bzw. objektiv festgestellte Lebensqualität bestimmen; oder noch weiter – reichend ihn mit einem schönen Leben gleichsetzen. Wir sprechen üblicher – weise dann von einem schönen Leben, wenn es möglichst autonom geführt wird und weitgehend freudvoll erlebt wird. Bei einer solchen Definition steht dann nicht mehr die Funktionstüchtigkeit bzw. das Nicht-Funktionieren im Zentrum des Interesses, sondern es geht vielmehr um die Feststellung eines etwaig erfolgten Autonomieverlustes und der Bewertung des Ausmaßes desselben sowie um Fokussierung auf Zustände zunehmender Freudlosigkeit. Dieser Verlust an Lebensfreude steht seinerseits in enger Verbindung mit erlebtem Leiden.

    Schlafstörungen im Zustand des Ausgebranntseins

    Das Leben wird von den Betroffenen dann auch nicht mehr als schön erlebt. Wilhelm Schmid, einer der führenden Lebensphilosophen unserer Zeit, hat in seinem Buch zur Lebenskunst ganz zu Recht darauf verwiesen, dass schönes Leben in unmittelbarem Zusammenhang mit einem auch als sinnvoll erlebten Leben steht. Schönheit ist ein zentrales lebensbejahendes Moment: Kaum jemand wird Schönes als nicht bejahenswert ausweisen. Alles Bejahenswerte macht und gibt uns Sinn. Unter einem solchen Blickwinkel ist ein schönes Leben dann auch ein sinnvolles, zumindest ein als sinnvoll erlebtes Leben.

    Bezeichnenderweise stellen wir uns die Sinnfrage zum eigenen Leben immer dann, wenn unser Leben als nicht mehr schön empfunden wird. Gerade in solchen Zuständen treten dann meist auch vermehrt Schlafstörungen auf. Führt man ein freudloses bis hin zu leidvollem Leben, fühlt man sich der Umgebung und dem Leben gegenüber ausgeliefert, erlebt man das Leben als unschön, findet man keine Erholung mehr von der Mühsal des Lebens, dann reagiert der Körper ganz regelhaft mit Schlafstörungen. Charakteristischerweise finden sich Schlafstörungen daher auch bei an Burn-out leidenden Patienten. Im Zustand des Ausgebranntseins, dann wenn die Burnout- Symptomatik in der klassischen Trias Erschöpfung, Entfremdung und Leistungsverfall sichtbar wird, also dann, wenn der daran Leidende die im Schlaf gebotene Erholung am meisten braucht, gerade dann wird sie ihm von unserer Natur verwehrt. Umso wichtiger ist es diesen Menschen, Behandlungsmöglichkeiten zu offerieren, die sie aus diesem Teufelskreis herausführen können.

    Burn-out – immer häufigere Krankheit unserer Zeit?

    Von vielen wird Burn-out heute einfach als nicht ernstzunehmende Modediagnose abgetan. Von diesen wird allerdings wenig verantwortungsvoll ein ungeheurer Leidenszustand von Menschen negiert, die meist nicht nur von ihrer Arbeit, sondern im weiteren Verlauf auch vom Zusammenleben mit ihnen vorher noch nahestehenden Menschen und zuletzt von ihrem ganzen Leben selbst überfordert werden.

    Ob Burn-out nun bloß eine Erfindung unserer Zeit ist oder doch eine naturgegebene Krankheitsform, ob es sich bloß um einen ubiquitär vorkommenden Schwäche- und Erschöpfungszustand handelt oder doch um eine immer häufiger werdende Krankheit unserer Zeit, ob es von Arbeitsfaulen bzw. Arbeitsscheuen nur als Ausrede genutzt wird oder aber als multimorbides Geschehen tragischer Endpunkt einer übermäßigen Einsatzfreudigkeit bzw. Leistungswilligkeit von sich selbst überschätzenden Menschen ist, das alles sind Fragen, die am 27. und 28. Jänner 2012 im Rahmen eines vom Anton-Proksch-Institut veranstalteten und im Palais Ferstl stattfindenden Kongresses zu diskutieren sein werden. Es wird dabei auch darauf einzugehen sein, wie man ein so schönes Leben führen kann, dass die daraus gewonnene Kraft ausreicht, einem Ausgebranntsein und damit auch den damit regelhaft verbundenen Schlafstörungen vorbeugend entgegenzuwirken. Natürlich gibt es darüber hinaus noch viele andere Gründe, warum Menschen an Schlafstörungen leiden, über sie wird im vorliegenden Heft ausführlich berichtet. Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass auch dann, wenn noch keine psychische Erkrankung im engeren Sinn vorliegt, bereits Schlafstörungen auftreten können, die ein solches Ausmaß annehmen können, dass sie immenses Leiden nach sich ziehen. Immer dann nämlich, wenn wir uns in längerdauernden Überforderungen gefangen finden, seien es nun chronische Arbeitsüberlastungen, moralische Grenzsituationen oder aber Problembeziehungen, kann unser gesunder Schlaf beeinträchtigt werden, immer dann, wenn unser Leben als nicht mehr schön erlebt wird, ist die Gefahr für Schlafstörungen besonders groß.

    Aus diesem Grund wünsche ich uns allen ein schönes, ein gesundes, also ein möglichst selbstbestimmtes und freudvolles Leben und damit verbunden auch einen gesunden und erquickenden Schlaf. All jenen, die selbst von Schlafstörungen betroffen sind und natürlich auch all jenen, die Patienten mit Schlafstörungen behandeln, sei die Lektüre dieses Themenschwerpunkt-Heftes eine interessante und hilfreiche Orientierung.

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Focus: Schlafstörungen

  • Epidemiologie von Schlafstörungen

    Schlafstörungen sind ein häufiges Gesundheitsproblem, wobei eigenständige und komorbide Schlafstörungen zu unterscheiden sind. Die vorliegenden Prävalenzzahlen sind recht unterschiedlich – sie hängen von der Population und vor allem vom Alter ab. Aufgrund der doch hohen Prävalenz und der gesundheitsökonomischen Aspekte, insbesondere der Folgekosten von Schlafstörungen durch Arbeitsausfälle, sowie dem Risiko von Arbeits- und Verkehrsunfällen ist dem Thema vermehrt Beachtung zu schenken.

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  • Komorbiditäten bei Schlafstörungen

    Schlafstörungen sind häufig – 20 bis 30% der Bevölkerung sind davon betroffen – und Schlafstörungen sind vielfältig. Nach der Internationalen Klassifikation von Schlafstörungen (ICSD) kennen wir über 100 verschiedene Schlafstörungen, die sich nach ICD-10 in zwei große Gruppen, die nichtorganischen und organischen Schlafstörungen, unterteilen lassen. Schlafstörungen sind aber auch folgenschwer. Ist der Schlaf gestört, ist die Gesundheit gefährdet.

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  • Erhöhte Tagesschläfrigkeit – Differentialdiagnosen und Ursachen

    Erhöhte Tagesschläfrigkeit ist immer abzugrenzen von Fatigue, einem Zustand allgemeiner, körperlicher Ermüdbarkeit, oft noch (subjektiv) verstärkt durch körperliche Anstrengung. Tagesschläfrigkeit kann sich auf verschiedene Weise, wie beispielsweise durch kurze Aufmerksamkeitsfehler, manifestieren (Tab. 1). Allerdings ist die Selbstwahrnehmung bei Schläfrigkeit in der Regel schlecht. Aufgrund der erhöhten Unfallneigung ist eine Bewusstseinsschärfung sowohl bei Ärzten als auch in der Bevölkerung notwendig. Tagesschläfrigkeit muss immer abgeklärt werden.

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  • Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter

    Schlafstörungen und schlafassoziierte Störungen kommen im Kindes- und Jugendalter relativ häufig vor. Aufgabe der pädiatrischen Schlafmedizin ist es, die Ursachen für Schlafstörungen und schlafassoziierte Störungen zu objektivieren und eine entsprechende Therapie einzuleiten. Oft ist durch die Komplexität von Schlafstörungen ein interdisziplinäres Vorgehen erforderlich.

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  • Potentielles Frühsymptom einer neurodegenerativen Erkrankung

    REM-Schlafverhaltensstörung (REM Sleep Behavior Disorder, RBD) ist eine vergleichsweise „junge“ Erkrankung, die 1986 erstmals systematisch beschrieben und 1990 in die Internationale Klassifikation für Schlafstörungen aufgenommen wurde. In den Fokus der Aufmerksamkeit rückte die RBD in den letzten Jahren, als erkannt wurde, dass es sich bei der RBD um ein potentielles nichtmotorisches Frühsymptom einer neurodegenerativen Erkrankung handelt. Diese Erkenntnis wird, sobald geeignete neuroprotektive Substanzen zur Verfügung stehen, auch klinisch relevant werden.

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  • Schlafstörungen und Alkohol

    Um besser schlafen zu können, missbrauchen viele Menschen, und nicht nur Alkoholabhängige, Alkohol als „Schlafmittel“, obwohl dies einen negativen Effekt auf die Schlafqualität hat und vorhandene Schlafstörungen verstärkt.

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  • Schlafstörungen und Stoffwechsel

    Schlafstörungen führen zu vielfältigen Veränderungen in unserem Stoffwechsel. Am besten untersucht ist hier sicherlich der Einfluss von Schlafstörungen auf den Glukosestoffwechsel, außerdem haben Schlafatemstörungen Einfluss auf den Lipidstoffwechsel und nicht zuletzt stellt sich die Frage, welche metabolischen Konsequenzen Schlafrestriktion hat bzw. ob zu wenig Schlaf dick macht.

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  • Schlaf und Schlaganfall

    Schlaganfall stellt in Industrienationen die häufigste Ursache für bleibende Behinderung und die dritthäufigste Todesursache dar, wobei in Österreich pro Jahr etwa 20.000 Schlaganfälle auftreten. Ziel des Artikels ist es, die komplexen Zusammenhänge zwischen Schlafstörungen und Schlaganfall zu beleuchten, da sie sich gegenseitig verursachen können und auch durch ähnliche prädisponierende Faktoren begünstigt werden.

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  • Was gibt es Neues bei obstruktiver Schlafapnoe und CPAP?

    KONTEXT: Die obstruktive Schlafapnoe ist eine Erkrankung, die durch rezidivierende Atemstillstände oder -abflachungen während des Schlafes gekennzeichnet ist. Die Prävalenz der therapiepflichtigen Erkrankungsfälle liegt etwa bei 2 bis 4% der über 40-Jährigen, vorwiegend Männer und Übergewichtige. Unbehandelt kommt es zu einer Steigerung der kardiovaskulären Erkrankungen wie (therapierefraktäre) Hypertonie, Herzinfarkt und Schlaganfall sowie zu Tagesmüdigkeit und sämtlichen Störungen wie bei chronischem Schlafentzug. Eines der frühesten Erkennungsmerkmale ist das (intermittierende) Schnarchen. Allerdings treten die Symptome oder Folgeerkrankungen nicht mit Regelmäßigkeit auf, sodass mitunter auch von einem stillen Krankheitsverlauf gesprochen werden kann. Die effektivste und sicherste Therapie ist jedenfalls immer noch die nichtinvasive Maskenbeatmung während des Schlafes.

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  • Schlafhygiene und Schlafcoaching

    Bei der Behandlung von Schlafstörungen sind psychologische Therapieansätze weitaus weniger etabliert als medikamentöse Strategien. Die Forschung beschränkt sich zur Zeit noch auf Untersuchungen bei Ein- und Durchschlafstörungen, obwohl psychologische Maßnahmen auch bei anderen Schlafstörungen wie z. B. RLS hilfreich sein könnten. Fast alle Schlafstörungen werden durch Stress gefördert, der einen der wichtigsten Ansatzpunkte der psychologischen Behandlung von Schlafstörungen darstellt.

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Kongress

  • [ECNP 2012] „Personalisierte Therapie“ – das neue Zauberwort in der Psychiatrie

    Mit über 7.000 Teilnehmern gehörte der 24. ECNP-Kongress in Paris auch 2011 zu den größten psychiatrischen Fortbildungskongressen. Viele Vorträge und Poster beschäftigten sich mit Aspekten der translationalen Forschung. Sie wird das Bild der modernen Psychiatrie deutlich verändern, sagte Prof. Alexander Nikulescu, Indianapolis, voraus. Ein gern gebrauchtes Schlagwort dafür ist die „personalisierte Therapie“.

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Für die Praxis

  • Interdisziplinäre Betreuung von Alkoholkranken

    Die interdisziplinäre Betreuung von Alkoholkranken spielt sich in einer enormen Bandbreite von basismedizinischer Versorgung, Akutintervention und rehabilitativen Interventionen ab. Aufgabe eines interdisziplinären Betreuungssystems wäre die flexible Begleitung von Patienten durch eine Landschaft von miteinander funktionell verbundenen Einrichtungen, die den aktuellen Bedürfnissen angepasst sind.

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  • Schmerz – ein psychophysisches Erlebnis

    Schmerz wird als unangenehmes psychophysisches Erlebnis1 definiert. Schmerz hat demnach eine emotionale und eine sensorische Komponente. Wäre keine emotionale Komponente vorhanden, wäre der Schmerz nur sensorisch, dann würden wir Schmerz als „neutral“ empfinden, wie auch andere sensorische Eindrücke.

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Panorama